Zwischen zwei Welten – Zahide Özkan-Rashed

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Zahide Özkan-Rashed hat mit „Hab doch keine Angst
Zahide Özkan-Rashed hat mit „Hab doch keine Angst" ein bemerkenswertes Buch geschrieben. © Das Fotostudio Caleb Ridgeway

Zahide Özkan-Rashed kam als Kind in den 1960er Jahren nach Deutschland. Ihre Eltern gehörten zu den ersten türkischen Gastarbeitern, wie man die Menschen damals nannte, die die deutsche Wirtschaft so dringend als Arbeitskräfte brauchte. In ihrem berührenden Buch „Hab keine Angst“ schildert sie, wie sie ihre Kindheit, Jugend und die Zeit des Studiums und der Ausbildung zur Medizinerin als hin- und hergerissen zwischen zwei Welten erlebte. Eine wohltuend vermittelnde Stimme zwischen den Kulturen.

Frau Özkan-Rashed, in Ihrem Buch berichten Sie, wie Ihr Alter Ego, das Mädchen Feride, sich in Deutschland zurechtfinden muss. Einem Land, dessen Sprache sie nicht beherrscht und das ihr fremd ist. Sie haben es
dann aber doch geschafft, in der Grundschule schnell Deutsch zu lernen, u. a. weil Sie mit Ihrer Schwester schon vor Ihrer Einschulung zur Schule gegangen sind. Haben Sie noch eine Erinnerung daran? War das damals schwierig für Sie? Später schreiben Sie ja, dass Ihnen das Erlernen von Sprachen immer recht leicht fiel.

Leider habe ich keine gute Erinnerung daran, wie ich die Sprache erlernt habe. Zum Glück wird man in der Grundschule nicht mit langen und komplizierten Texten herausgefordert, so dass ich mich mit meinem
mangelhaften Deutsch irgendwie durchgeschlagen haben muss. Und dass ich ein Jahr lang vor meiner eigentlichen Einschulung mit meiner Schwester in die Schule gehen durfte, war für mich ohne Zweifel von großem Vorteil.

Dass mir Sprachen lagen, entdeckte ich zufällig bei einem Diktat. Darin hatte ich nämlich nur einen Fehler gemacht und meine Grundschullehrerin lobte mich sehr dafür. Das stärkte mein Selbstvertrauen und mein Ehrgeiz wuchs. Auch ich als Gastarbeiterkind konnte also Erfolg haben.

Gleichzeitig wurde mir schnell klar, dass falscher Sprachgebrauch (vor allem Artikel) mit dem Ausländerstatus in Verbindung gebracht wurde und ein Defizit darstellte. Um einer solchen Bloßstellung nicht zum Opfer zu fallen,war ich fast schon zwanghaft darum bemüht, nicht nur keine Fehler zu
machen, sondern besonders gut zu reden. Ich weiß noch, dass ich unbekannte Wörter im Wörterbuch nachschaute und sogar Redewendungen, die mir gefielen, aufschrieb, um sie in mein Vokabular aufzunehmen. Fremdsprachen waren deshalb meine Lieblingsfächer, weil hier alle Schüler
gleichzeitig bei Null anfingen. Dadurch hatte ich keine Hemmungen und musste nicht fürchten, durch einen sprachlichen Fehler aufzufallen.

Ich erinnere mich noch an meine Schulzeit in den 1970er/1980er Jahren. Damals gab es in den Klassen – im Vergleich zu heute – noch wenig Kinder aus Migrantenfamilien. War das bei Ihnen ähnlich und wenn ja, wie war das für Sie?

Ja, das war bei mir auch so. In meiner Grundschule gab es außer meiner Schwester und mir nur noch ein weiteres türkisches Mädchen. Am Gymnasium waren außer mir eine Inderin und ein türkischer Junge.
Ich habe schnell Freundschaft geschlossen mit drei deutschen Mädchen, die ähnlich „brav“ waren wie ich, zum Beispiel nicht so viel Wert legten auf Discobesuche und nichts mit Jungs am Hut hatten. In den Pausen und manchmal auch privat trafen wir uns und unterhielten uns über das und jenes.

D.h. ich vermisste keine türkischen oder ausländischen Kinder. Vielleicht konnte ich so besser Anschluss finden.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Hab keine Angst“, dass es schwierig war, mehr oder minder in zwei Welten zu leben. Denn Ihre Eltern hatten mit Deutschen nur wenig zu tun, schon allein weil sie kaum Deutsch sprachen und stets das Ziel hatten, wieder in die Türkei zurückzukehren. War es trotzdem für Ihre Eltern in Ordnung, dass Sie deutsche Freunde hatten? Das private Umfeld Ihrer Eltern bestand ja vorrangig aus Menschen aus der Türkei.

Es war insofern in Ordnung für sie, als dass ich die „richtigen“ Freunde, von denen keine „Gefahr“ ausging, hatte. Denn in ihrer Vorstellung waren für Deutsche – anders als für Türken – intime Kontakte mit Jungen (vor der Heirat) kein Tabu.

Zahide Özkan-Rasheds Buch ist auch als E-Book erhältlich.
Zahide Özkan-Rasheds Buch ist auch als E-Book erhältlich.

Waren Ihre deutschen Freunde neugierig darauf, wie Ihre Familie lebte?

Wahrscheinlich schon, aber irgendwie kann ich mich kaum daran erinnern, oft Besuch zuhause gehabt zu haben. Vielleicht weil sie wussten, dass wir nur eine Zweizimmerwohnung hatten.

Hatten Sie häufig mit Vorurteilen zu kämpfen?

Zunächst möchte ich sagen, dass ich selten mit Vorurteilen konfrontiert wurde, wenn ich mit meinen deutschen Freunden und Klassenkameraden zusammen war, auch wenn ich alleine draußen unterwegs war.

Spontan fallen mir folgende Vorkommnisse ein:

Einmal, als meine Chemielehrerin offen bekundete, dass sie von mir keine guten Leistungen erwartet hatte und überrascht war über die 1.

Auch kann ich mich an eine schriftliche Arbeit in Deutsch oder in Gemeinschaftskunde erinnern. Wir sollten eine Erörterung zu einem vorgegebenen Text schreiben, wovon drei zur Auswahl standen. In einem davon wurde die Aussage eines Politikers wiedergegeben, der eine Sterilisierung der ausländischen Frauen vorschlug, um ihrer Gebärfreudigkeit entgegenzutreten und somit die Sozialleistungen, vor allem die
Kindergeldzahlungen zu reduzieren. Meine Lehrerin riet mir von diesem Text ab. Doch ich entschied mich erst recht dafür und weiß noch, wie ich versuchte, meine Tränen zu verbergen. Eigenartig, aber es gelang mir, auch wenn ich mich verletzt fühlte und ich die Aussage nicht akzeptieren konnte, die psycho-sozialen Hintergründe dieser Meinungsäußerung zu verstehen. Hinter den aggressiven Worten konnte ich die Ängste der Menschen sehen und diese verbalisieren.

Häufiger begegnete ich abfälligen Bemerkungen, feindseligen Blicken und diskriminierenden Reaktionen, wenn ich mit meiner Mutter oder meinem Vater oder auch mit anderen Türken, denen ich bei Behördengängen und bei Arztbesuchen half, unterwegs war. Denn an ihrem Äußeren konnte man sie
den „typischen“ Türken, also Arbeitern aus ländlichen Regionen, die zu der unteren sozialen Schicht gehörten, zuordnen. Außerdem bekannten sich diese Menschen zu einer Religion, die man zwar nicht gut und nicht richtig kannte, aber mit Grausamkeit und Ungerechtigkeit verband.

Was mir aufgefallen ist: Am Anfang Ihres Buches schildern Sie die Sequenzen, die in der Türkei spielen (Sommerurlaub), viel farbiger und fröhlicher als Ihr Leben in Deutschland. Haben Sie das damals als kleines
Kind so empfunden, dass die Türkei bunt und lustig, Deutschland jedoch grau und kalt war?

Es ist bemerkenswert, dass Ihnen das aufgefallen ist. Mir war das gar nicht richtig bewusst. Wenn ich mir das im Nachhinein überlege, muss ich zugeben, Sie haben recht. Der Urlaub in der Türkei war ein alljährliches
Highlight. Es begann schon mit der Vorfreude auf der Fahrt dorthin. Als wir türkischen Boden betraten, stieg die Spannung enorm und die Freude war unbeschreiblich groß, als wir im Dorf ankamen. Und wie wir Kinder weinten, als wir uns verabschiedeten! Als wir dann nach Deutschland zurückkamen, war alles so grau und vor allem so still. Kein Mensch war auf der Straße, weder Kindergeschrei noch andere Stimmen waren zu hören, auch keine Ausrufe von Straßenverkäufern durchbrachen diese Geräuschlosigkeit.

Sie schildern in Ihrem Buch Ihren Werdegang und welche Schwierigkeiten Sie hatten, sich von Ihrer Familie so weit zu lösen, dass Sie Ihren eigenen Weg gehen konnten. Konnten Sie darüber mit Ihren Freunden reden? Oder haben Sie Ihre Probleme hauptsächlich Ihrem Tagebuch anvertraut?

Am Institut, an dem ich während meines Medizinstudiums Arabisch gelernt habe, lernte ich zwei Schwestern kennen, die in einer ähnlichen Situation waren und zu denen ich guten Kontakt hatte. Wir diskutierten viel
miteinander und verstanden uns gut. Doch war jede von uns vom Typ her anders. Ich war eher der theoretische und schüchterne Typ und die stille Kämpferin. Meine Freundin war mutiger und wagte mehr als ich. Deswegen war mir mein Tagebuch sehr wichtig, weil es sozusagen mit mir Schritt hielt
und ich mich ihm uneingeschränkt anvertrauen konnte.

Trotz aller Probleme, die Sie mit der Abnabelung von Ihrer Familie hatten: Es kommt in Ihrem Buch rüber, dass Ihre Eltern Sie sehr unterstützt haben. Sie schreiben, dass Ihre Eltern stets sehr stolz auf Sie
und Ihre Leistungen gewesen sind. Vor allem auch darauf, dass Sie begonnen haben, Medizin zu studieren. Glauben Sie, dass es das für Ihre Eltern leichter gemacht hat, Sie dann schlussendlich doch los- und Ihren
eigenen Weg gehen zu lassen?

Ja, ich glaube, dass sie Respekt hatten vor diesem Berufsziel. Vor allem aber wurde ihre Liebe zu mir als Tochter auf die Probe gestellt und siegte.

Sie und Ihr Mann, ein gebürtiger Ägypter, haben zwei Kinder. Hatten die beiden es heute leichter als Sie damals? Oder hatten sie bereits mit Ausländerfeindlichkeit zu kämpfen?

Unsere Töchter hatten es – zweifelsohne – leichter als wir beide.

Unsere jetzt 22-jährige Tochter hatte als Kind auf einem Bild sich selbst mit einer deutschen Fahne gemalt, ihren Papa mit einer ägyptischen und mich mit einer türkischen. Bis dato war ich davon überzeugt, dass sie sich uneingeschränkt deutsch fühlte. Erst vor kurzem offenbarte sie mir, dass sie lange Zeit, und zwar am Gymnasium, mit gewissen Hemmungen zu kämpfen hatte, weil sie fürchtete, aufgrund ihres fremdländischen Namens und Aussehens, als Ausländerin gesehen zu werden. Das ägyptische Element war mehr interessant als nachteilig wegen der Verbindung zu der allseits bekannten und ruhmvollen altägyptischen Kultur. Aber von dem türkischen Erbe glaubte sie, dass es einen Schwachpunkt in den Augen der Ursprungsdeutschen implizierte. Ich war erstaunt über diese Offenbarung.

Heute sagt sie, dass es vielleicht gar nicht Lehrer oder Klassenkameraden waren, die diese Sichtweise in ihr erzeugt haben, vielmehr hat sie diese möglicherweise selbst auf die anderen angesichts der in der Öffentlichkeit immer noch durchsickernden Fremden- bzw. Türken- und Islamfeindlichkeit
übertragen. Mittlerweile sieht sie eine Stärke darin, offen zu ihren Wurzeln zu stehen.

Unsere heute 15-jährige Tochter erzählte mir, dass, als sie im Unterricht einen falschen Artikel gebrauchte und einige wenige sie korrigierten und belächelten, ihre Lehrerin sie zu verteidigen versuchte, indem sie die
Mitschüler auf ihren Migrationshintergrund hinwies. Vorher hatte meine Tochter auf die Frage ihrer Lehrerin hin ihre türkischen Wurzeln genannt. Dabei wird bei uns zu Hause mehr Deutsch als Türkisch gesprochen und meine Kinder antworten fast ausnahmslos auf Deutsch. Erst später erzählte meine Tochter mir davon, als wir mit Freunden über solche Vorfälle sprachen. Sie selbst hatte das gar nicht so sehr gestört, vielmehr hatte sie Verständnis für ihre Lehrerin, die es ja „gut“ gemeint hätte. Ich war sehr darüber irritiert.
Machen deutsche Kinder ohne Migrationshintergrund etwa keine Artikelfehler? Schon, ich bin doch seit meinem zweiten Lebensjahr in Deutschland, unsere Kinder sind beide hier geboren und trotzdem werden sie
sozusagen pauschal als „Migrantenkinder“ betrachtet und es werden von vorneherein Schwächen in ihrer sprachlichen Kompetenz vermutet.

Folgende Begebenheit fällt mir noch ein: Als unsere ältere Tochter während eines Praktikums mit einem Auftrag zu einem Patienten mit Doktortitel geschickt wurde, kommentierte dieser die Antwort zu seiner Frage, woher ihr Name komme, mit den Worten: „Dafür sprechen Sie aber gut Deutsch.“

Vielleicht habe ich mir diese Vorfälle zu sehr zu Herzen genommen und sollte viel gelassener sein, was mir allmählich besser gelingt. Denn häufiger ist keine schlechte Absicht hinter derartigen Verhaltensweisen, sondern lückenhaftes oder falsches Wissen.

Sie schreiben, dass es sehr bereichernd sei, verschiedene Kulturen kennenzulernen, und Sie dafür plädieren, eher die Gemeinsamkeiten zu suchen, das Verbindende, von dem es vieles gibt, als die Unterschiede.
Ich finde, mit Ihrem Buch ist Ihnen sehr gut gelungen zu zeigen, dass wir alle Menschen sind, ganz egal, woher wir kommen und was wir glauben. Glauben Sie, dass Menschen wie Sie ihre Stimme stärker erheben sollten? Gerade in einer Zeit, in der Fanatiker auf allen Seiten zum Kampf der Kulturen aufrufen?

Zum Glück gibt es viele vernünftige und sensible Menschen, die sich zu Wort melden und handeln, um den extremen Auswüchsen auf allen Seiten entgegenzutreten. Aber wir müssen alle wachsam bleiben und nicht
nachlassen, uns zu engagieren. Es wäre wünschenswert, wenn wir diejenigen, die sich nicht mit vollem Bewusstsein und nicht aus innerer Überzeugung den radikalen Gruppen anschließen, sondern „mitgezogen“
werden, auf unsere Seite holen könnten.

Als Beispiel möchte ich die Aktion seitens des deutsch-türkischen Jugendwerks in Frankfurt (dtjw e.V.) nennen, das im Rahmen eines Projekt rechtsradikale Jugendliche mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund zusammenbrachte und für diese Gruppe eine gemeinsame Reise in die Türkei
organisierte.

Die anderen sind nur eine Bedrohung, wenn man sie aus der Ferne betrachtet. Aber nicht, wenn sich eine Plattform für eine Begegnung findet. Wenn man sich direkt in die Augen schaut und einander zuhört, kann man den anderen und sich selbst besser verstehen. Man begegnet sich als Mitmensch und respektiert einander als Erdbewohner und Teil der Natur, ohne sich über den anderen zu stellen.

Oft sind Ängste und die eigene Unsicherheit Grund für den Anschluss an extremistische Gruppierungen, die den Betroffenen falsche Sicherheit und Geborgenheit bieten, ihnen das Gefühl geben, dazuzugehören und als Teil des Kollektivs wichtig zu sein. Um diese unbewussten Bedürfnisse zu befriedigen, wird das Gewissen blindgeschaltet oder umprogrammiert, so dass für die Taten eine quasi legitime Grundlage geschaffen wird.

Dabei gibt es genug Herausforderungen für die Menschheit, die gemeinsam anzupacken wären. Hierbei würde man sehen, dass man einander ergänzt, dass jeder seinen Platz und eigenen Wert in dieser Welt hat, ohne zu fürchten, zwangsläufig durch den anderen infrage gestellt oder verdrängt zu werden.

Frau Özkan-Rashed, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

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