Zwischen festhalten und loslassen

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Kleiner Drache
Loslassen ist manchmal schwer. Festhalten auch.

Sonja schrieb neulich in ihrem Blog Vielfalten übers Festhalten und Loslassen – wie sie früher damit umgegangen ist und heute damit umgeht. Ein spannendes Thema! Denn mir geht es anscheinend anders als Sonja.

Früher hätte ich gesagt, ich bin eher so der Loslassen-Typ – nicht im Sinne von Janis Joplins* „Freedom’s just another word for nothing left to lose“, sondern mehr à la Madonnas „Freedom comes when you learn to let go“. Loslassen – das konnte ich gut. Von hier nach dort ziehen und von vorn anfangen. Schließlich gab es jede Menge Neues, Spannendes zu entdecken. Und so einiges, was mir nicht gut tat, wollte ich nicht nur loslassen, sondern regelrecht loswerden.

Don’t stop me

Natürlich schwang bei allem Neuen auch immer ein wenig Angst mit. Etwa die Angst, ob ich mich in der veränderten Situation zurechtfinden und neue Menschen kennen- und vielleicht auch liebenlernen würde. Angst, ob ich Hürden überspringen und auch größere Hindernisse bewältigen würde. Trotzdem war „Don’t stop me now“ eine Zeit lang mein Motto.

Tja. Dabei habe ich wohl auch ein paar Menschen umgerannt (und das tut mir heute – im Nachhinein – sehr leid).

Eine völlig veränderte Situation

Dann auf einmal – ich hielt mich im Vergleich zu früher schon für ziemlich gefestigt und gesetzt – befand ich mich in einer Situation, in der ich mich, obwohl ich nicht wollte, zwischen Festhalten und Loslassen entscheiden musste. In dieser Situation hätte Festhalten bedeutet, mein bisheriges Leben komplett aufzugeben, mich auf eine große Ungewissheit einzulassen. Loslassen hingegen, auch das wusste ich, würde mit großen seelischen Schmerzen verbunden sein.

Entgegen meiner bisherigen Gewohnheit entschied ich mich diesmal gegen die Ungewissheit und blieb mir trotzdem treu, indem ich das Loslassen wählte. Wobei: Von einer anderen Warte aus könnte man natürlich auch sagen, ich wollte an meinem bisherigen Leben festhalten. Jedenfalls war meine Entscheidung aus der damaligen Situation heraus richtig, im Rückblick hätte ich jedoch lieber einen anderen Entschluss gefasst. Nun ja. Manche Entscheidungen lassen sich nicht rückgängig machen. Ich musste also lernen, mit ihr leben.

Ein weiterer Neuanfang

Danach krempelte ich mein Leben erneut um, will heißen: Ich ließ erneut los und begann den privaten Teil meines Lebens von vorn. Seitdem verlief mein Leben in relativ ruhigen Bahnen – wobei der Begriff „ruhig“ relativ ist. Freunde meinten jedenfalls all die Jahre, dass mir wohl nie langweilig werde. Und natürlich gab es auch in dieser Zeit immer wieder Situationen, in denen ich loslassen musste oder wollte. Etwa im Beruf. Ich bin mittlerweile seit 21 Jahren als Texterin, Journalistin, Buchautorin und Öffentlichkeitsarbeiterin selbstständig und dass Änderungen während einer so langen Zeit nicht ausbleiben, ist normal. Meine Schwerpunkte haben sich immer mal wieder geändert, ebenso Kunden und Auftraggeber. Doch das ist nichts Besonderes. Das Wesentliche jedoch ist geblieben: Meinen Job liebe ich nach wie vor.

Nichts lässt sich wirklich festhalten

An diesem Leben, wie es jetzt ist, würde ich nur zu gerne festhalten. Weiß jedoch, dass ich in absehbarer Zeit sicher wieder werde loslassen müssen. Und weiß, dass es mir diesmal weitaus schwerer fallen wird als in meiner Jugend, in der ich Meisterin im Loslassen war. Andererseits weiß ich heute auch, dass ich damals vor einigen Dingen weggelaufen bin, statt mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wobei: Auch das ist eine Form von Strategie. Wahrscheinlich sogar nicht unbedingt die Schlechteste. Verdrängen kann in bestimmten Situationen nämlich gesund sein. Für die Psyche. Fürs Überleben. Nicht alles muss man genau aufdröseln, nicht mit allem muss man sich auseinandersetzen. Manchmal ist auch die Flucht nach vorn richtig.

Obwohl ich so oft losgelassen haben, gibt es doch einige Konstanten in meinem Leben: meine langjährigen Freunde, die ich auf keinen Fall loswerden möchte. Obwohl wir uns hin und wieder Atempausen voneinander gegönnt haben, waren wir stets füreinander da, in guten und in schlechten Zeiten. Und auch meine noch nicht so langjährigen Freunde: Ich bin froh, dass es euch gibt!

* Ja, ich weiß, dass der Song eigentlich von Kris Kristofferson ist, bekannter ist jedoch Joplins Version.

4 KOMMENTARE

  1. Ich finde es schön, wie wir uns gegenseitig anregen 🙂 Spannend wie unterschiedlich wir Menschen doch sind und unsere Lebensverläufe! Schöner Artikel!

  2. Habe beide Artikel gelesen, sehr spannend. Das gilt übrigens auch für Männer – loslassen, festhalten … und hängt viel vom Gegenüber ab.

    klasse, dass es diesen Austausch übers Netz gibt.

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