Zeitsparen für Schlangenmenschen

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Wenn es nur so einfach wäre, Zeit zu sparen.
Wenn es nur so einfach wäre, Zeit zu sparen.

Alle naselang kommen Produkte auf den Markt, die das Leben erleichtern und beim Zeitsparen helfen sollen. Manche Sachen sind auch wirklich praktisch. So gibt es Waschmaschinen, die den Verschmutzungsgrad der Wäsche sowie die Wäscheart selbsttätig erkennen und das Waschprogramm danach auswählen. In Zukunft sollen auch Waschmaschinen verkauft werden, die ganz ohne Wasser auskommen. Daneben gibt es Putz-, Saug- und Rasenmähroboter, Fernseher, die sich mit dem Internet verbinden (manchmal auch selbsttätig, ohne dass man es will), und mit dem Smartphone kann man nicht nur Nachrichten verschicken, telefonieren, fotografieren, spielen, sondern – die entsprechende App vorausgesetzt – Arbeit und Freizeit organisieren, die Haustechnik steuern und sich sogar selbst optimieren. Alles super, oder?

Schöne neue Produktwelt

Klingt jedenfalls so und auf den ersten Blick begeistert mich tatsächlich vieles. Wenn mir Roboter Arbeiten wie Putzen, Saugen und Rasenmähen abnehmen und meine Waschmaschine automatisch meine Wäsche wäscht (warum hängt sie sie eigentlich nicht gleich auf die Leine?), bleibt Zeit für Dinge, die ich lieber mache. Wenn mir Apps dabei helfen, mein Leben zu organisieren, mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben und Spaß zu haben, ist das auch super. Und wenn ich über mein Smartphone die Heizung steuern kann, finde ich das ebenfalls erstmal gut. Wenn, ja wenn da nicht noch so einige Wenns wären …

Einarbeiten ist Pflicht

Denn vor der ersten Benutzung heißt es, sich in die Bedienung der einzelnen Geräte und Programme einzuarbeiten. Und wenn ich einarbeiten schreibe, meine ich einARBEITEN. Okay, manches ist selbsterklärend, da standardisiert. Der oben geöffnete Kreis mit dem kleinen senkrechten von der Öffnung abgehenden Strich sagt mir beispielsweise immer, dass ich ein Gerät mit dieser Taste, einem Klick oder einer Berührung an genau dieser Stelle ein- oder ausschalten kann. Ein oder zwei weitere Bedienelemente der bekannten Art gibt’s in der Regel überall (außer vielleicht bei einer Taschenlampen-App – höhö), doch dann war’s das schon. Jetzt folgt der arbeitsreiche Teil.

Wo ist der Resetknopf?

Manche gehen das Ganze durch trial and error an – ausprobieren und hinterher verzweifelt die Reset-Taste für die Werkseinstellung suchen –, andere (wie ich) lesen die Bedienungsanleitung und tasten sich unterdessen vorsichtig an das neue Gerät oder die neue App heran (merke: Nicht immer gibt es einen Resetknopf). Da kann es schon mal dauern, bis die neue Waschmaschine läuft oder die coole App so eingerichtet ist, dass sie macht, was ich mir vorgestellt habe. Vor allem in den Fällen, in denen ich die Bedienungsanleitung zunächst noch von der Firmen-Website runterladen muss …

Zusatzarbeit, ja bitte!

Manchmal erfordert die Inbetriebnahme auch zusätzliche Arbeiten. Bei vielen Rasenmährobotern etwa muss noch ein Draht verlegt werden, der das Grün begrenzt und dem kleinen Kerl zeigt, bis wohin er die Lizenz zum Mähen hat, ohne Blumenrabatten oder junges Gemüse umzunieten. Tscha. Und für einen Saugroboter sollten die Böden freigeräumt sein. Die Tür vom Kinderzimmer einen Spalt öffnen, ihn absetzen, die Tür nach kurzer Geruchsprobe hektisch wieder schließen und davon ausgehen, dass er gründlich saugt, ist also nicht (ich sage nur Kleidungsstücke, leere Flaschen, Pizzakartons).

Digitale Hassliebe

Besonders kompliziert ist es, muss ein Gerät mit einem Computer verbunden oder ans Heimnetz angeschlossen werden. Irgendwas geht dabei immer schief. Das ist nicht Murphy’s Gesetz, das steht bereits in der Garantie (habt ihr die etwa noch nie gelesen? Klarer Fall von Trial-and-Error-Fraktion!). Und wenn’s irgendwann funktioniert, kommt bestimmt ein Update. Dann heißt es Haare raufen und sich erneut in die Technik reinfuchsen (schlaue Leute verfassen deshalb spätestens nach dem ersten Update eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, um dem nächsten ein lautes „Atschibätsch“ entgegenzuschmettern. Wohlgemerkt: schlaue Leute – ähem).

Reparatur? Ich höre hämisches Kichern

Neue Geräte bringen also keineswegs immer eine Zeitersparnis mit sich. Davon mal abgesehen, dass sich viele nicht mehr einfach so reparieren lassen, wenn sie kaputtgehen. So erfordert beispielsweise die Auswechselung eines Scheinwerferlämpchens bei vielen modernen Autos (früher eine Sache von ein paar Minuten und sogar für Laien machbar) heute entweder Profiwerkzeug oder Schlangenmenschenfähigkeiten.

Wollelefanten und Verschmutzungsgrade

Ich überlege jedenfalls mittlerweile gut, ob ich die neue Waschmaschine, die den Verschmutzungsgrad meiner Wäsche erkennt, tatsächlich brauche oder ob meine Augen das noch selbst schaffen. Bringt mir der Saugroboter wirklich eine seine Anschaffung rechtfertigende Zeitersparnis, wenn er es nicht schafft, die Ecken zu säubern und die Wollelefanten dort Wir-sind-noch-mal-davongekommen-Partys feiern? Muss ich mir unbedingt eine App aufs Mobiltelefon laden, die mir sagt, dass ich aus Gesundheitsgründen statt der mich so liebevoll anlächelnden Schokolade besser einen Salat essen sollte? (Und haben die Macher der App eigentlich berücksichtigt, dass dieser Rat ungesund fürs Smartphone sein könnte?)

Zeit sparen, aber wie?

Die Antwort, ob ich mir eines dieser Geräte oder Programme anschaffe, lautet natürlich nicht immer nein. So weit bin ich noch lange nicht. Viel zu oft falle ich auf Werbeversprechen rein, die das Produkt nicht hält (und mache mir vor, dass es das doch tut, denn sonst wäre ich als aufgeklärte Konsumentin ja auf eine Werbebotschaft reingefallen …). Trotzdem wäge ich immer öfter ab. Auch um Zeit zu sparen. Denn je weniger ich arbeiten muss, um mir neue Produkte anzuschaffen, umso mehr Zeit bleibt für mich.

3 KOMMENTARE

  1. Ja, es lohnt sich, nicht bei allen neuen Funktionen gleich „Toll!“ zu rufen, sondern erstmal nachzudenken.
    Wir zum Beispiel wollen uns einen neuen Geschirrspüler anschaffen. Bei näherem Hinsehen stelle ich fest, dass ich den EcoTimer, der das Ding dann anstellt, wenn der Strom am wenigsten kostet, nicht brauche: Unser Strom kostet immer gleich viel. Und auch die Vorhersage beim Einschalten, wie viel Wasser und wie viel Strom dieser Spülgang verbrauchen wird, ist ganz neckisch, aber nicht nötig. Die Sachen dagegen, die wirklich interessant wären, gibt’s bloß bei den richtig teuren Maschinen. Nein danke, so viel wollten wir dann doch nicht ausgeben. Wir spülen die Weingläser dann weiter von Hand.

    • So sieht’s aus. Und ich stelle mir gerade ne Spülmaschine vor, die vorm Spülgang „Sie brauchen fünf Liter Wasser und eine Kilowattstunde Strom. Wollen Sie den Spülvorgang wirklich starten?“ quäkt. Ich würde sie erwürgen. Oder so 😉 .

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