Wo, bitte, geht’s hier zur Fußball-WM?

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Fankappe für Spiele der Nationalmannschaften
Fankappe für Spiele der Nationalmannschaften – ein bisschen albern? Vielleicht.

Ich bin Fußballfan. Mein Herz schlägt für Borussia Dortmund (♪ Borussia ♪). Natürlich verfolge ich auch alle Welt- und Europameisterschaften und die dazugehörigen Qualifikationsspiele. Beim Zuschauen setze ich sogar manchmal meinen Fanhut auf, ohne dazu gezwungen werden zu müssen.

Im Moment bin ich jedoch sauer. Sehr sogar. Über den Umgang der Medien mit der Frauen-Fußballweltmeisterschaft in Kanada. Denn diese Fußball-WM findet – wenn überhaupt – in vielen Medien nur unter „ferner liefen“ statt.

Okay, okay, natürlich wird sie im Fernsehen übertragen. Nur leider laufen die Spiele wegen der Zeitverschiebung zu Kanada recht spät, sodass ich es nicht immer schaffe, bis zum Ende eines Spiels durchzuhalten, selbst wenn es „schon“ um 22.00 Uhr beginnt. Denn ich muss morgens früh raus. Deshalb habe ich mich nach dem Spiel Deutschland gegen Norwegen (Termin: Donnerstag, 11. Juni, 22.00 Uhr) darauf gefreut, morgens beim Frühstück einen Spielbericht in der Tageszeitung zu lesen. Ich bin nämlich so altmodisch und lese morgens zum Kaffee noch eine Zeitung aus Papier. Die regionale Tageszeitung, weil ich auch darüber informiert sein muss, was hier in der Region geschieht.

Hintergründe und Abgründe

Doch was musste ich feststellen? Die Frauen-Fußball-WM findet in meiner Tageszeitung so gut wie gar nicht statt. Spielberichte aus der Vorrunde sind eine Seltenheit. Stattdessen gibt es vielleicht mal einen Hintergrundbericht über die älteste Spielerin bei einer WM überhaupt (Christie Rampone, Verteidigerin der USA), kurze Meldungen über Belangloses (z. B. Informationen über die Tattoos der deutschen Nationalspielerin Anja Mittag bzw. über ein japanisches Geschwisterpaar) oder einen Kommentar darüber, dass man die Fußball-WM der Frauen doch bitte vorurteilsfrei begleiten sollte, selbst wenn man Frauenfußball nicht mag. Noch nicht mal am Tag nach dem Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft gegen Norwegen fand sich in meiner Tageszeitung im überregionalen Sportteil ein Spielbericht, noch nicht einmal das Ergebnis wurde genannt.

Die Berichterstattung zur Frauen-Fußball-WM "meiner" Tageszeitung am Tag nach dem Spiel Deutschland gegen Norwegen
Die Berichterstattung zur Frauen-Fußball-WM „meiner“ Tageszeitung am Tag nach dem Spiel Deutschland gegen Norwegen

Zeitverschiebung kein Argument

Okay, okay, man könnte jetzt sagen: Das Spiel war ja erst um 24.00 Uhr zu Ende. Da wird es für die Zeitungen schwierig, noch einen Artikel in der Ausgabe des Folgetages zu bringen. Ja, das ist nicht einfach. Das gebe ich zu. Komisch aber, dass das bei der Fußball-WM der Männer 2014 immer geklappt hat. Über die Spiele, die bis 24.00 Uhr beendet waren, wurde immer berichtet, unabhängig davon, ob Kiribati gegen Vanuatu oder Deutschland gegen Brasilien gespielt hat. Die Zeitungen haben nicht nur das Ergebnis veröffentlicht, sondern in der Regel auch einen Spielbericht mitgeliefert – selbst bei einem Spiel wie Kiribati gegen Vanuatu. Bei der Frauen-Fußball-WM hingegen war das meiner Zeitung noch nicht mal bei einem Spiel mit deutscher Beteiligung möglich.

Das Internet und die Frauen-Fußball-WM

Da ich in der Zeitung nichts gefunden habe, habe ich dann mal im Internet nach einem Spielbericht recherchiert. Auf dem Nachrichtenportal von T-Online. Bei den Top-Nachrichten des Tages. Schließlich war ich es von der WM der Männer vom Vorjahr gewöhnt, dort sofort das Neueste über das Spiel der Deutschen zu finden. Dort gab es auch tatsächlich drei Meldungen zum Fußball:

  • Bayer-Stürmer nach Gladbach?
  • Zinnbauer kehrt zum HSV zurück
  • So plant der FC Bayern mit Götze und Alonso

Aber nichts zum WM-Spiel der Frauen.

Screenshot der Topheadlines der T-Online-Startseite am 12. Juni 2015 – am Tag nach dem WM-Spiel der deutschen Fußballfrauen gegen Norwegen
Screenshot der Topheadlines der T-Online-Startseite am 12. Juni 2015 – am Tag nach dem WM-Spiel der deutschen Fußballfrauen gegen Norwegen (Screenshot www.t-online.de vom 12. Juni 2015)

Frauen-Fußball-WM im Sportteil

Okay, dachte ich mir, scrolle ich doch mal zum Sport runter. Ha, zumindest die Ergebnisse gab es dort auf einen Blick. Doch das WM-Spiel der Fußball-Frauen wurde nicht gefeatured, sondern das EM-Qualifikationsspiel der Fußball-Männer gegen den Fußballgiganten Gibraltar.

Den Spielbericht über das Deutschland-Norwegen-Spiel habe ich aber schließlich noch gefunden, auf den Extra-Seiten zur Frauen-Fußball-WM. Die gab’s nämlich auch. Nur etwas versteckt. Wer daran interessiert war, musste auf die Überschrift „Frauen-WM 2015“ über den WM-Ergebnissen klicken, um zu den Spiel- und Hintergrundberichten zu gelangen.

Auch im Sportteil von T-Online wird das Spiel der Fußball-Frauen nicht hervorgehoben (Screenshot T-Online vom 12. Juni 2014)
Auch im Sportteil von T-Online wird das Spiel der Fußball-Frauen nicht hervorgehoben (Screenshot www.t-online.de vom 12. Juni 2014)

Bei anderen Nachrichtenportalen im Netz sah es übrigens ähnlich aus. Die Frauen-WM fand zwar statt, aber versteckter als die Fußball-WM der Männer von 2014.

Nichts ist so alt wie die Nachricht von vorgestern

Schade. Denn bei dem Turnier handelt es sich schließlich nicht um ein popeliges Provinzereignis, sondern um eine Weltmeisterschaft im Fußball, der Lieblingssportart der Deutschen im TV. Hinzukommt: Die deutschen Fußball-Frauen sind richtig gut. Immerhin sind sie amtierende Europameisterinnen und haben durchaus Chancen auf den WM-Titel. Genau wie die Männer letztes Jahr. Ich als Fußball-Fan jedenfalls würde mir eine ausführlichere bzw. weniger schamvoll versteckte Berichterstattung wünschen, fürchte aber, dass sich bei dieser WM nicht mehr viel ändert.

Auf meine Bitte nach einer ausführlicheren Berichterstattung antwortete die Redaktion der Zeitung, die den überregionalen Sportteil für „meine“ Tageszeitung produziert, nämlich: „Wir werden das intern diskutieren.“ Das heißt wohl so viel wie „wir reden vielleicht mal kurz darüber, belassen aber alles beim Alten“.

Der Bericht über das Spiel Deutschland gegen Norwegen in „meiner“ Zeitung kam dann doch noch: in der Ausgabe von Samstag. Zwei Tage nach Abpfiff.

 

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