Wir digitalen Immigranten

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Das frühe Schreibgerät vieler digitaler Immigranten. Zum Glück verstaubt.
Das frühe Schreibgerät vieler digitaler Immigranten. Zum Glück verstaubt.

Kinder heute wachsen mit Computer, Smartphones, dem Internet usw. auf. Für sie ist Skypen, Youtube-Videos-Gucken und –Drehen, das Spielen von Online-Games, die Nutzung sozialer Netzwerke wie Twitter oder Facebook genauso normal wie zur Schule zu gehen. Allerdings mit dem Unterschied, dass Schule meistens weniger Spaß macht. Im Gegensatz zu den Kindern und Jugendlichen von heute lernten fast alle, die in den 60ern geboren sind, den Umgang mit Computern und digitalen Spielzeugen frühestens im Teenager-, meist jedoch erst im Erwachsenenalter. Daher ziehen Wissenschaftler auch eine Grenze zwischen den sog. Digital Natives, den digitalen Einheimischen, die in der Regel nach 1980 geboren wurden, und den Digital Immigrants, digitalen Einwanderern oder Immigranten, die vorher zur Welt kamen.

Wir sind also digitale Immigranten. Einwanderer in eine unbekannte Welt. Unterscheidet sich unsere Nutzung der digitalen Medien deshalb auch von der der Digital Natives?

Ja, schon. Laut dem D21-Digital-Index 2014, einer Studie zur digitalen Welt in Deutschland, sogar ziemlich. Denn die zählt hauptsächlich die Jüngeren (also die Unter-40-Jährigen, ähem, ähem) zu den sog. digital Souveränen. Menschen ab 50 hingegen gehören eher zu den digital weniger Erreichten.

Digital weniger Erreichte vs. digital Souveräne

Digital weniger Erreichte. Das klingt ein wenig wie geistig Minderbemittelte, auch wenn der Begriff das natürlich nicht ausdrücken will. Eigentlich besagt er nur, dass ein Großteil dieser Menschen bestimmte Begriffe, die im Zusammenhang mit der digitalen Welt stehen – wie Cloud oder App –, nicht erklären können, und das Internet nur für wenige Zwecke nutzen (hauptsächlich zum Einkaufen und zum Finden von Informationen).

Die digital Souveränen hingegen können die Begriffe, die im Zusammenhang mit digitalen Techniken stehen, eher erklären, und nutzen das Internet für zahlreiche Zwecke, u. a. für die berufliche Tätigkeit, zum Spielen, als TV-Ersatz, zur Kontaktaufnahme mit anderen oder auch zum Hochladen und Speichern eigener Inhalte.

Verflixt! Das klingt glatt ein bisschen so, als seien Menschen, die heute zwischen 46 und 54 sind, abgehängte Loser. Und nein: Ich will jetzt nicht das altbekannte Lied anstimmen, dass man sich früher noch in die Augen gesehen hat, statt aufs Smartphone zu glotzen, für Spieleabende getroffen hat, statt virtuell Quizduell zu spielen, und früher sowieso alles besser war. Denn weder sind wir alle arme Willis noch war das Leben früher zwingend großartiger.

Ein paar Zahlen

Nach dem (N)Onliner Atlas 2014 – einer Studie der Initiative D21 – nutzten 97,8 % der 14- bis 19-Jährigen im Jahr 2014 das Internet. Von den 40- bis 49-Jährigen waren es immerhin auch noch 90,5 %. Doch schon bei den 50- bis 59-Jährigen sank dieser Anteil auf 79,1 %.

 Von I wie Information bis S für Shopping

Ganz im Gegenteil: Das Internet hat so manches vereinfacht:

  • Beispielsweise muss man heute nicht mehr lange in Bibliotheken herumsuchen, um Informationen zu finden. Zumindest kann man zuerst im Netz nachschauen, welche Informationen zu welchem Thema relevant sind. Dann kann man – auch übers Internet – gezielt nach Publikationen suchen und sogar Bücher, so man sie braucht, direkt über Fernleihe ordern. Manche dieser Werke sind sogar schon in digitaler Form erhältlich, sodass man sie über die Onleihe der heimischen Bücherei direkt auf den E-Book-Reader ziehen und lesen kann. Alles, ohne das Haus zu verlassen.
  • Auch das Einkaufen hat das Internet erleichtert. Menschen, die auf dem Land leben, müssen z. B. nicht mehr erst bis in die nächste Stadt fahren, um dann dort in den Läden doch nicht zu finden, was sie suchen. Stattdessen genügen oft wenige Klicks bis zum gewünschten Produkt. Sehr praktisch ist dabei zudem, dass man online Preise problemlos vergleichen kann.
  • Und – was ich persönlich besonders toll finde – übers Internet lernt man nette Menschen kennen. Dabei meine ich übrigens ausdrücklich nicht (nur) Partner. Sondern Menschen, die ähnliche Interessen, Hobbys oder Einstellungen haben und mit denen man schon deshalb rasch Anknüpfungspunkte findet. Übrigens gelingt das Kennenlernen im Netz auch Menschen, denen Small Talk normalerweise schwerfällt. So entstehen nicht selten Freundschaften – oft über Ländergrenzen hinweg. Eine tolle Sache, vor allem auch für Personen, die weniger mobil sind. Sie bleiben in Kontakt mit der Welt.

Big brother is watching

Klar gibt es auch negative Seiten der Digitalisierung. Sogar viele. Das Sammeln von Daten und die umfassende Überwachung der digitalen Aktivitäten durch Staaten und Unternehmen sind nur die Spitze des Eisbergs. Auch die Tatsache, dass heute ohne Computer und Programme kaum noch etwas läuft (Energieversorgung, Verkehrsregelung usw.), hat eine bedrohliche Komponente. Denn was ist, wenn das Ganze ausfällt?

Vom Digitalen ins Analoge

Trotzdem: Auch die digitalen Immigranten werden das Rad nicht mehr eckig machen. Sollten wir auch nicht. Denn die Vorteile der Digitalisierung kommen uns ja genauso zugute wie allen anderen. Und eine der positiven Folgen der zunehmenden Vernetzung ist sogar, dass Kulturtechniken wiederbelebt werden (auch solche, die fast ausgestorben schienen). Eben, weil sie übers Netz vermittelt und somit anderen zugänglich werden. Der Do-it-yourself-Boom (abgekürzt: DIY) hat seinen Anfang im Netz gefunden. Und jetzt nähen, stricken, werkeln oder imkern viel mehr Menschen als früher. Weil Videos oder andere Anleitungen gezeigt haben, wie das Ganze funktioniert. Und weil man sich problemlos deutschland-, ach was, weltweit zusammenschließen kann, um sich auszutauschen und gemeinsam an etwas zu arbeiten.

Vielleicht ist das ja so ein Art Rückbesinnung auf das, was viele der digitalen Immigranten einfordern (aber oft nicht einsehen, dass es das bereits gibt): nämlich ein größeres Miteinander. Nur eben mit einer digitalen Komponente.

2 KOMMENTARE

  1. In völliger Unkenntnis der konkreten Studien wäre mir im Traum nicht eingefallen, mich, einen ausgezeichneten, vielleicht etwas trockenen 68 er als digital Zugereisten zu verstehen. Ich denke zurück an meinen Commodore 64 (mit Turbo-Tape!), an meinen Informatikunterricht in der Schule (jawohl, den hatten wir. Er bestand darin, dass wir gemeinsam mit interessierten Mathelehrern einen gespendeten Rechner in Betrieb setzten, learning by doing Seit‘ an Seit‘), an meinen 386er (mit 1MB RAM) am Anfang des Studiums, meine ISDN-Flatrate (die uns rasch wieder weggenommen wurde, uns frühen Nutzern, weil wir es ja wagten, sie kalkulationswidrig tatsächlich flat zu nutzen), an meine erste Vier-Buchstaben-Domain, bis hinauf zur Gegenwart mit Twitter, Facebook, Geocaching und Smartphone. An Verlage, die hartnäckig versuchen, mir ein gedrucktes Telefonbuch, ein gedrucktes Fernsehprogramm ins Haus zu befördern. Erinnere mich kurz an gedruckte Internet-Adress-Verzeichnisse. Stelle den Quervergleich zu meinen Eltern an (ich muss ihre E-Mails für sie abrufen und ihnen faxen, zusammen mit ausgedruckten Wikipedia-Artikeln). Und fühle mich irgendwie nicht angesprochen. Noch fühle ich mich unter Gleichaltrigen als allzu weit herausragende Ausnahme. Im Gegenteil fallen mir höher aufragende Leuchttürme ein.

    • Sehr schön, der „trockene 68er“ 😉 . Auch ich hatte Informatikunterricht in der Schule und habe versucht, Pascal zu lernen. Schlug leider fehl – zu viele unverständliche Operatoren (mein Mathehirn war damals nicht sehr ausgeprägt und der Lehrer leider nur begierig, die Mathecracks zu unterrichten …). Trotzdem habe ich mich abschrecken lassen und bin dran geblieben. Nur einen Commodore oder Atari besaß ich nicht 🙁 . Dafür aber Eltern, die keine E-Mailadresse haben 🙂 .

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