Willkommen in Deutschland – 1989 und heute

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Viele Menschen zeigen ein Herz für Flüchtlinge – hoffentlich nicht nur vorübergehend.
Viele Menschen zeigen ein Herz für Flüchtlinge – hoffentlich nicht nur vorübergehend.

Erinnert ihr euch? An den 9. November 1989, den Tag der DDR-Grenzöffnung? Ich wohnte damals im Grenzgebiet und erlebte hautnah mit, wie Tausende von DDR-Bürgern – viele davon mit ihren Trabbis – erstmals nach Westdeutschland durften. Sie kamen in Scharen und wurden freudig begrüßt. Mit Applaus und Willkommensgeschenken.

Für die Freiheit

Die Euphorie damals war groß. Die Menschen aus der DDR hatten geschafft, was niemand für möglich gehalten hatte. Sie hatten sich ihre Freiheit erkämpft. Die Freiheit, ohne Beschränkungen zu reisen, die Freiheit, ihr Leben zu führen, ohne Repressalien der Staatsführung befürchten zu müssen, die Freiheit, sagen zu dürfen, was sie denken.

Ich erinnere mich gut daran, wie das damals war. Ich war ergriffen und überwältigt. Und freute mich über jeden, der aus der DDR ins ehemalige Grenzgebiet kam (auch wenn die Luft plötzlich nach Abgasen aus Zweitaktermotoren stank). Und damit war ich nicht allein. Den meisten Deutschen ging es so. Es war eine Zeit, in der wir glaubten, alles würde sich zum Besseren wenden, eine Zeit, in der wir Diktaturen auf lange Sicht keine Chance mehr gaben, eine Zeit, in der wir glaubten, alles sei möglich.

Kurze Euphorie

Diese Euphorie war jedoch von kurzer Dauer. Bald nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung landeten wir auf dem Boden der Tatsachen. Plötzlich hieß es: Die Wiedervereinigung ist soundso teuer. Plötzlich hieß es: Alle Steuerzahler müssen einen Solidarzuschlag für den Aufbau Ost zahlen. Plötzlich hieß es: An diesen und diesen Stellen müssen wir sparen, um die ostdeutschen Bundesländer an den Stand der westdeutschen anzugleichen.

Neue Mauern

Auf einmal war nicht mehr alles Friede, Freude, Eierkuchen. Neue Mauern tauchten auf. Die in den Köpfen. Wie konnten Menschen aus der ehemaligen DDR eine bundesdeutsche Rente beziehen, wo sie doch nur in der DDR eingezahlt hatten? Warum erhielten Menschen aus der ehemaligen DDR Arbeitslosengeld, wo sie doch in Westdeutschland gar nicht gearbeitet hatten? Und umgekehrt hieß es: Die Besserwessis kaufen Ostdeutschland zum Spottpreis auf und machen es platt, ohne für Arbeitsplätze zu sorgen. Die Westdeutschen lassen Ostdeutschland ausbluten.

Kurz: Kaum einer gönnte dem anderen die Butter auf dem Brot.

An den Bahnhöfen: Bilder wie vor 26 Jahren

An diesem Wochenende zeigen sich in Deutschland ähnliche Bilder wie damals vor 26 Jahren. An diesem Wochenende (doch nicht nur) kommen viele Menschen, die aus Kriegs- und Krisenländern geflohen sind, an deutschen Bahnhöfen an. Auch sie werden mit Applaus begrüßt, auch sie erhalten Willkommensgeschenke. Die Euphorie ist groß, dass die Geflüchteten es geschafft haben, dem Krieg und der Verfolgung in ihren Herkunftsländern zu entgehen. Dass sie den vielen Gefahren entronnen sind, denen sie auf ihrer Reise ausgesetzt waren. Dass sie es geschafft haben, hierher – in Sicherheit – zu gelangen.

Erst die Hilfsbereitschaft …

„Refugees welcome“ steht auf zahlreichen Plakaten. Kleider, Getränke und Essen warten auf die Flüchtlinge, die oft mit nichts als ihrem Leben in Deutschland ankommen. Und das ist auch gut so. Viele Menschen wollen denen helfen, die nichts haben. Sie wollen denen eine Heimat geben, die ihre verloren haben. Sie möchten etwas für sie tun.

Ich hoffe nur, dass die Hilfsbereitschaft anhält, habe jedoch Angst davor, dass dies irgendwann nicht mehr der Fall sein wird. Nämlich dann, wenn es nicht mehr allein ums Willkommenheißen, sondern um die Integration der Geflüchteten ins alltägliche Leben geht. Wenn es darum geht, dass die Neuankömmlinge Geld kosten. Denn Integration gibt es auf lange Sicht nicht zum Nulltarif, selbst wenn sich jetzt viele Menschen ehrenamtlich engagieren und helfen.

… und dann?

Ich fürchte, das Ganze könnte ähnlich ausgehen wie nach 1989. Ich fürchte, dass Neid und Missgunst die Euphorie und Hilfsbereitschaft verdrängen. Dass Ängste hochkommen – vollkommen wurscht, ob rational oder irrational.

All dem sollten Politiker, Länder- und Kommunalverwaltungen, ja und auch Bürger in der ganzen Euphorie vorbeugen. Etwa, indem die Geflüchteten möglichst rasch aus Aufnahmelagern und Flüchtlingsheimen dezentral verteilt und in die Gesellschaft integriert werden. Und zwar nicht nur in den Städten, wie auf Spiegel online ein Politik-Professor empfahl, weil dort Netzwerke und Beratungsangebote vorhanden seien und der Umgang mit Fremdheit in Ballungszentren zum Alltag gehöre. Sondern auch im ländlichen Raum. Schon um etwaige Ängste abzubauen, aber auch, um einer Gettobildung in den Städten vorzubeugen, die wiederum Probleme hervorrufen und Ängste schüren kann. Denn Integration kann nur funktionieren, wenn alle mitmachen – auch die zu Integrierenden, die sich ebenfalls nicht abschotten dürfen.

Die Ehrenamtlichen nicht allein lassen

Bundesweit müssen zudem neue Stellen (z. B. für hauptamtliche Integrationshelfer) geschaffen werden, die der veränderten Situation Folge tragen. Denn auf Dauer werden die Ehrenamtlichen die Integration nicht schultern können, zumal bei vielen die anfängliche Euphorie abebben wird, wenn der Alltag einkehrt und sie feststellen müssen, dass ein Ehrenamt auszuüben nicht nur Party bedeutet, sondern Arbeit ist und nicht immer mit Dankbarkeit belohnt wird.

Das alles kostet Geld, na klar. Doch an der Integration zu sparen, würde weitere Probleme aufwerfen – Ausgrenzung und Abschottung auf der einen Seite, Ablehnung, womöglich sogar Hass auf der anderen. Und das ist auf lange Sicht teurer.

Und jetzt komme mir bitte keiner damit, dass Deutschland doch nicht die ganzen Flüchtlinge aufzunehmen braucht. Davon abgesehen, dass es richtig ist, nach einer europäischen Lösung zu suchen, müssen diejenigen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, bei uns auch weiterhin willkommen sein. Das gebietet das Grundgesetz, vor allem aber die Menschlichkeit.

 

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