Weiterleben mit der Trauer

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Manchmal kommt die Trauer angeflogen ...
Manchmal kommt die Trauer angeflogen ...

Seit sechs Wochen bin ich Witwe. Witwe – dieses Wort ist tiefschwarz und ich mag es nicht. Die Menschen fragen „Wie geht es dir, wie geht es euch?“ und ich kann keine genaue Antwort darauf geben. Meine Gemütsverfassung ist eine Momentaufnahme. Im einen Augenblick fühle ich mich wohl, lache über dumme und nicht so dumme Witze, im nächsten laufen mir die Tränen über die Wangen. Still und leise und, wie mir scheint, ohne mein Zutun. Sie sind auf einmal da.

Wehmut-Momente

Dann gibt es die Momente, auf die ich nicht gefasst bin. Die Mitteilung der Arbeitskollegen, dass sie die privaten Sachen meines Mannes zusammengepackt haben und mir übergeben wollen. Der Anruf eines Freundes, der Blumen aufs Grab gestellt hat, weil mein Mann nicht mehr zu seinem Geburtstag kommen konnte. „Da musste ich doch wenigstens zu ihm gehen.“ Oder diese Momente, in denen mir auffällt, dass ich etwas mache, was sonst er erledigt hat. Momente, in denen ich mich zusammenreiße, tue, was getan werden muss, um kurz darauf – von anderen unbeobachtet – zu weinen, bis ich tränenleer bin.

Die Trauer und das Lustprinzip

Neben den Dingen, die elementar sind wie Essen kochen, und meiner Arbeit, die jetzt drei Menschen ernährt und mich gleichzeitig ablenkt, mache ich derzeit nur das, wozu ich Lust habe. Das Merkwürdige: Mir bereiten plötzlich Sachen Freude, zu denen ich mich vor dem Tod meines Mannes mühsam aufraffen musste. Ich arbeite im Garten, pflanze Tomaten um, Blumen und ein Pflaumenbäumchen ein, grabe, säe, gieße und freue mich über den Dreck an meinen Händen und unter den Fingernägeln. Ich putze Fenster, repariere kaputte Fliegengitter und mache die Fahrräder fahrbereit. Außerdem bin ich weiterhin so viel draußen wie möglich. Wenn mich der schlimmste Schmerz überkommt, versuche ich manchmal, ihm wegzulaufen. Und das meine ich wortwörtlich. Wer körperlich erschöpft ist, hat weniger Kraft fürs Traurigsein.

Die Trauer komme in Wellen, las ich in mehreren Büchern. Auch das stimmt. Es gibt Momente, in denen ich ganz bei mir und dem bin, was ich tue, und mich daran erfreue. Doch dann kommt urplötzlich die nächste Welle und macht alles tränennass.

Erinnerungen

Und obwohl manche Erinnerungen schwer zu ertragen sind, finde ich es genauso schlimm, mich nicht zu erinnern. Ich möchte, dass mich die Menschen auf meinen Mann ansprechen, dass sie über ihn reden, von ihm erzählen, nach ihm fragen. Schlimmer als von ihm zu reden, ist es, ihn noch einmal totzuschweigen. Das bedeutet übrigens nicht, dass ich ständig von ihm erzählen oder dauernd etwas über ihn hören will. Aber keine falsche Rücksicht: Er ist auch nicht der, dessen Name nicht genannt werden darf.

Nicht so vorsichtig

In Watte packen muss man mich auch nicht. Ich höre nach wie vor gerne zu, wenn andere über ihre alltäglichen Sorgen und Nöte oder schönen Erlebnisse berichten. Keine Freundin, kein Bekannter muss Angst haben, mir sei das alles zu profan oder die Freude anderer bereite mir Kummer. Ganz im Gegenteil: Zu viel Vorsicht bereitet mir Kummer. Klar kann es sein, dass ich mal anfange zu weinen. Doch das ist auch okay. Die Trauer muss schließlich irgendwohin.

17 KOMMENTARE

  1. Liebe Simone,
    mir scheint, das ist der normale Gang der Trauer. Wenn die Tränen kommen, laß sie laufen. Mir geht es heute, nach fast einem Jahr, immer noch so. Das Wort Witwe will mir auch noch immer nicht wirklich über die Lippen. Es fühlt sich merkwürdig an.
    Das dir auf einmal Arbeiten Spaß machen, die du vorher nicht leiden konntest, ist auch so eine Sache. Ich glaube, wir sind für jede Ablenkung dankbar. Die ersten Monate war ich auch ständig im Hamsterrad, habe gearbeitet und zu Hause die Wohnung auf links gedreht.
    Laß all das zu und hab aber auch Freude am Leben – Dein Mann hätte es so gewollt.
    Ich drück dich fest
    Karin

    • Liebe Karin, das ist komischerweise keine Ablenkung, sondern es ist mir ein Bedürfnis in der Erde zu buddeln und auf diese Weise Leben zu ermöglichen. Es tut mir gut. Und ich nehme mir auch tatsächlich Auszeiten, damit ich nicht im Hamsterrad lande. Gestern Nachmittag habe ich im Garten auf der Liege gelesen. Keine Romane, sondern Bücher zum Thema 🙂

  2. Liebe Simone, ich finde es ganz großartig, dass Du Dich mitteilst und uns von Deiner Trauer und Deinem Weg erzählst. Bei mir ist zwar kein Partner gestorben, aber vor 20 Jahren erlebte ich meine Scheidung, die plötzliche Trennung. Was Du erzählst erinnert mich sehr an diese Zeit. Ich lag damals oft nachts im Bett und schrie meinem Schmerz in den Kopfpolster und ich kenne die Wellen, die immer wieder plötzlich über dich drüber schwappen. Danke dafür, dass Du uns von Dir erzählst. Umarmung! Sonja

    • Liebe Sonja, du hast darüber auch auf deinem Blog bereits geschrieben, gelle? Im Festhalten/Loslassen-Artikel, nicht wahr? Das hat mich sehr berührt, als ich es gelesen habe. Auch eine Scheidung hat etwas so Endgültiges. Danke für deine Worte und vor allem die Umarmung <3

  3. Verblüffend, wie sich das offenbar im Großen und Ganzen doch immer ähnelt. Den Text hätte ich nach sechs Wochen auch so ähnlich schreiben können – nur den Garten habe ich wuchern lassen, das war immer seins. Das konnte ich noch nicht. In der ersten Zeit war die Trauer wie ein großer schwarzer Vogel, der ab und zu geräuschlos angeflogen kam, sich auf meine Schulter setzte und mich mit klugen Knopfaugen ansah. Immer unverhofft, oft mit der großen Keule im Gepäck. Da half dann nichts, außer die Welle über mich schwappen zu lassen und zuzusehen, dass ich kein Wasser schlucke dabei. Das mit den Wellen bleibt übrigens so, aber die Abstände werden irgendwann größer.
    Ich habe meinem Mann mal gesagt, dass ich ihn bis zum Ende meines Lebens vermissen werde, wenn er nicht mehr da ist, dass ich ihm aber gleichzeitig verspreche, dass die Kinder und ich wieder glücklich sein werden. Das hat ihm geholfen und mir jetzt auch. Halt durch.

    • Liebe Susanne, ja, ich glaube, da läuft vieles ähnlich ab. Und schwappen lass ich’s auch, denn nachher geht’s wieder besser, wenn’s ausgeschwappt ist. Meinem Mann hab ich auch gesagt, dass wir das packen und es uns wieder gut gehen wird. Und er hat unseren Kleinen getröstet und ihm das Gleiche gesagt. Die Kinder gehen mit dem Tod ohnehin anders um, obwohl sie alles hautnah miterlebt haben. Vielleicht ist es gut, dass sie alles so mitbekommen haben. Mein Großer meinte: „Mama, ich habe mich ja schon über ein Jahr darauf vorbereiten können.“
      Danke dir übrigens noch mal für den Tipp mit dem wunderbaren Frank-Turner-Song. „We live to dance another day“ …

      • Auf jeden Fall ist das gut! Wenn ich eins gelernt habe, dann das: Es ist wichtig, Dinge zu Ende zu bringen. Einen Schlusspunkt zu setzen. Es rund zu machen. Dann kann es nämlich auch weitergehen. Ja, Kinder machen das anders. Die Leiterin ihrer Trauergruppe sagt immer, Kinder trauern in Pfützen. Sie springen da rein, aber auch schnell wieder raus. Fand ich recht zutreffend.

  4. Liebe Simone,

    vielen Dank für deinen berührenden Text, aus dem Liebe, Traurigkeit, aber auch Hoffnung spricht. Vielleicht ist das Buddeln im Garten ein Sinnbild dafür, dass es weiter geht, weiter gehen muss? Die Pflanzen symbolisieren ja irgendwie den Kreislauf des Lebens und es ist schön, wenn du für dich Dinge findest, die dir Freude machen in diesen schweren Zeiten.

    Einen „kleinen Tod“ habe ich auch hinter mir. Wie bei Sonja auch, war es die Trennung nach 15 Jahren. Natürlich ist es nicht vergleichbar damit, den geliebten Partner beim Sterben zu begleiten und gehen lassen zu müssen. Aber es ist auch ein Ende des bisherigen Lebens, ein Ende des gemeinsamen Lebens. Auch ich kann sagen, dass die Trauer in Wellen kommt. Und sie lauert in den hintersten Ecken. Sei es, dass man automatisch den zusätzlichen Teller aus dem Schrank räumt, um den Tisch zu decken und die Erkenntnis dich überfällt, dass du diesen Teller nicht brauchst. Oder du legst im Supermarkt wie ferngesteuert seine Lieblingskekse in den Wagen, oder, oder, oder.

    Es tat so weh, dass ich mitunter das Gefühl hatte, ich könne nicht mehr atmen. Bekam keine Luft mehr und ich wusste nicht, wie ich weiter machen sollte. Es war zeitweise eine absurde Vorstellung, dass ich jemals wieder glücklich sein könnte oder es mir jemals wieder gut gehen wird. Nicht mal eine Idee für ein Konzept ohne ihn hatte ich.

    Dann erwachte mein Kampfgeist und mir wurde bewusst, dass ich nur das eine Leben habe und es überhaupt nichts bringt, wenn ich weiter in der Starre bleibe. Wie gesagt, unsere Situationen sind nur bedingt vergleichbar, aber ich finde, du bist schon auf einem sehr guten Weg. Denn auch dein Mann hätte auf keinen Fall gewollt, dass du dich aufgibst und dein Leben nur noch in Erinnerungen lebst.

    Erinnerungen sind wichtig, ich denke auch heute noch oft an die schönen Zeiten zurück. Es ist ein Privileg, so viel Liebe empfunden und wunderbare Jahre gehabt zu haben. Dafür bin ich dankbar. Die Zeit macht es leichter. Heute geht es mir wieder gut und die traurigen Momente, die immer noch ab und zu da sind, die lasse ich einfach zu.

    Dir und den Kindern wünsche ich viel Kraft und alles Liebe!

    Marion

  5. Liebe Simone,
    beim Lesen deiner Zeilen kommen in mir die Gedanken und Gefühle wieder hoch, die ich beim Tod meiner Mutter, meiner Oma (die, als sie merkte, dass sie sterben würde, alle ihre Kinder und Enkel um sich versammelte um Abschied nehmen zu können und wir über anderthalb Wochen hinweg rund um die Uhr in Schichten an ihrem Bett gewacht haben, bis sie eingeschlafen ist – hammerhart in der Situation; doch bin ich ihr im Nachhinein so dankbar dafür) und meines engen Mitarbeiters, dessen Tod wir in unserem Referat im letzten Jahr unmittelbar mitbekommen haben, hoch.
    Die Gefühle gehen auch nicht weg, sie sind latent immer da. Und das ist auch gut so! Im Laufe der Zeit verlassen sie in der Seele die vorderste Linie und bestimmen nicht mehr so intensiv den Tag. Aber sie bleiben, auch von ihrer Art her und zeigen mir, was mir diese Menschen, die ich loslassen musste, eigentlich bedeutet haben. Auch heute noch habe ich dabei oft Tränen in den Augen, doch ist es irgendwie auch eine angenehme Traurigkeit mit vielen Erinnerungen geworden.
    Es freut mich Simone, dass du deine Gefühle zulassen kannst und sie bewusst durchlebst.
    Hab die Kraft, das genauso fortzusetzen!
    Liebe Grüße an dich
    Thorsten

  6. Liebe Simone …

    … es freut mich, deine Zeilen zu lesen. So lebensbejahend – es gibt Dinge, die müssen wir aushalten, und du kannst es, wie gut. Aber das habe ich dir auch vom ersten Mal, dass wir uns sahen, zugetraut …

    Eine Umarmung und ein wenig Fern-Trost für die Zeiten, die voller Schmerz und Tränen sind … Sabine

  7. Liebe Simone,

    ich stöbere gerade auf Deiner Seite und drücke und umarme Dich in Gedanken. Wir müssen loslassen und doch ist der geliebte Mensch immer bei uns. Wir wissen, was er in bestimmten Situationen sagen würde, wir sehen sein Lachen, wir fühlen seine Begleitung, wenn wir unterwegs sind. Und es gibt ein Weiterleben in den Kindern. Das gibt Kraft und Mut aus dem Loch herauszukrabbeln.

    Selbst nach 5 Jahren rede ich noch mit meinem verstorbenen Mann, so wie ich immer mit ihm geredet habe. Der Kummer nimmt ab, die Lebensfreude zu. Die Trauer überflutet einen mit der Zeit nicht mehr so unverhofft. Lass die Tränen laufen, schreibe, buddel in der Erde, traure mit Deinen Kindern zusammen, gehe raus, triff Dich mit lieben Menschen, kurz: tu alles, was nach Deinem Gefühl für Dich gut ist. Leider gibt es kein Allgemeinrezept.

    Ich denke an Dich und danke Dir für Deinen Artikel

    Elvira

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