Von Prilblumen und braun-orangefarbenen Teppichen

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Zeichnung Frau vor orangefarbenem Hintergrund
Groovy, Baby, diese Farben!

Anfang der Siebziger waren sie bei Kindern und Erwachsenen der Hit: bunte Abzieh-Blumenbildchen, die im Dreierpack auf den Flaschen eines Spülmittels prangten. Dass die Prilblumen Anfang der Siebziger die Fliesen, Schränke und Spülen unglaublich vieler Küchen zierten, ist aus heutiger Sicht vielleicht eher unverständlich. Doch damals trafen die Farben der Aufkleber und ihre einfache symmetrische Form den Geschmack der Zeit. Außerdem machte es (uns) Kindern schon damals großen Spaß, Aufkleber an Flächen und Gegenstände zu pappen, von denen (unsere) Eltern sie nur schwer wieder lösen konnten. Und so viele Abziehbilder wie heute, dass man die Auswahl gehabt hätte, gab es Anfang der Siebziger auch nicht. Also Prilblumen.

Cordsessel und Nickikleidung

Die Farben, die damals voll im Trend lagen, waren übrigens Orange, Braun und so ein leicht schmuddeliges Grün, das ebenfalls ins Braun changierte (und dadurch natürlich super mit den anderen Modefarben harmonierte). Cordsessel und -sofas, Teppiche mit wilden Mustern und Nickikleidung in eben diesen Farben waren allgegenwärtig. Die meisten von uns können sich bestimmt noch daran erinnern, einen braunen oder orangefarbenen Pullover oder gar eine Hose aus Nickistoff besessen zu haben. Das war schön kuschelig. Außerdem waren unsere Eltern ja nicht dumm: Auf braunem Untergrund fielen die Flecken, die man sich im Laufe des Tages so zuzog, nicht so auf. Die waren nämlich in erster Linie braun. Erde und Matsch gab es nicht in Pink.

Flokatis und grelle Muster

Ich wundere mich übrigens noch heute, dass ich keinen bleibenden Schaden genommen habe (oder vielleicht doch?). Denn auch mein Kinderzimmer hatte einen orangefarbenen Teppich mit schrillem Muster. Und da dieser ziemlich strapazierfähig war, überdauerte er die Jahre und lag noch in meinem Jugendzimmer. Dann allerdings bedeckt von einem Flokati. Ja, genau: dem Bermudadreieck unter den Teppichen, in dessen Flusen ganze Schokoladentafeln verschwanden und nie wieder auftauchten. Irgendwann staunte man nur, warum sich die ehemals wollweißen Fasern plötzlich braun färbten. Die Verwunderung wich jedoch schnell – wie Teenager eben so sind – einem gesunden Pragmatismus. War der Flokati jetzt eben auch weniger empfindlich. Genau wie das orangefarbene Teppichmonster darunter.

Ich habe übrigens die Befürchtung, dass die Designsünden der Siebziger allmählich wiederkommen. Denn Retro ist schick, Minimalismus in der Wohnungseinrichtung hingegen out. Teppiche in den schlimmen Siebziger-Jahre-Farben kann man heute jedenfalls bereits wieder kaufen. Neu, wohlgemerkt. Ich aber werde lieber darauf verzichten. Zehn Jahre in der orangefarbenen Zimmerhölle sind genug.

Übrigens: Auch die Prilblumen erleben eine Renaissance. Wer möchte, kann sich über die Website des Spülmittelherstellers Briefpapier, Bastelvorlagen und Grußkarten, verziert mit Prilblumen, ausdrucken.

4 KOMMENTARE

  1. Was für eine wunderbare Zusammenstellung meiner ästhetischen Kindheitstraumas. Bei uns waren die Wände im Kinderzimmer orange – das muss irgendwelche Schäden hinterlassen haben, keine Frage :-). Und dann so grässliche Dinge wie Plastikstühle, Vorhänge mit großen Mustern und Jacken aus Fell oder oder Flokati (selbstgeknüpft mit Liebe, das schon)…
    Und die Prilblumen wieder wegzukriegen war eine Affenarbeit. Nee, die will ich echt nicht zum Ausdrucken, danke April, es gibt Grenzen.
    Frage mich aber auch, welche Kindheitstraumas wir dann wieder unseren Sprösslingen mitgeben haben?
    Tolles Blog

  2. Danke, Nathalie! Jepp, das war eine Affenarbeit, die Dinger wegzuknibbeln. Deshalb reagier ich heute auch etwas allergisch auf Aufkleber aller Art. Vielleicht löse ich damit ja ein Kindheitstrauma aus …

  3. Und weil das so eine Affenarbeit ist, haben unsere Vormieter sich das erspart und die Prilblumen auf dem Türrahmen einfach überlackiert. Anhand der Kontur kann man aber immer noch eindeutig erkennen, was sich da unter der Farbe verbirgt …

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