Verboten, verboten, alles ist verboten

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Gab es in den Achtzigern auch so viele Verbote?
Gab es in den Achtzigern auch so viele Verbote?

Filme und Nachrichtensendungen aus den 1980ern und den Jahrzehnten davor beweisen: Es wurde geraucht. Viel und überall. Auch Alkohol tranken die Menschen zu dieser Zeit gerne und häufig – und zwar nicht nur auf privaten Feiern, sondern auch zu (mehr oder minder … ähem) besonderen Anlässen bei der Arbeit. Das Wort Cholesterin kannte man zwar, doch hätte jemand etwas von gesättigten Fettsäuren erzählt, wäre er wohl bei den meisten seiner Gesprächspartner auf Unverständnis gestoßen.

Ihbähbäh

Warum ich das erzähle? Tja, die Achtziger waren die Jugendjahre der in den Sechzigern Geborenen. 1980 waren die Ältesten von uns 20 und die Jüngsten elf Jahre alt (Ende der Achtziger waren aber auch sie 20). Und viele haben geraucht, Alkohol getrunken oder zumindest cholesterinhaltige Nahrung zu sich genommen, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen. Rauchen durfte man fast überall, Alkohol trinken auch (na gut, beim Autofahren nicht) und Cholesterinhaltiges essen sowieso. Heute jedoch ist das anders. Rauchen ist fast nur noch im Freien erlaubt – und auch dort nicht überall –, alkoholfreies Bier und alkoholfreier Wein haben auf Partys in großen Teilen alkoholhaltige Getränke abgelöst (gibt es eigentlich alkoholfreien Schnaps?) und gesättigte Fettsäuren sind so was von ihbähbäh, ihbähbäher geht’s kaum noch (Nahrungscholesterin hingegen hat seine Ihbähbäh-Zeit fast schon überlebt).

Immer mehr Verbote

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es gut, dass Rauchen in fast allen öffentlich zugänglichen Gebäuden verboten ist, ich habe auch keine Probleme, bei der Arbeit nicht zu trinken (beim Autofahren auch nicht, Fahrbier ist sowas von out), aber mir geht es auf den Keks, dass über immer mehr Verbote nachgedacht wird. Heute Morgen, im Radio, wurde zum Beispiel berichtet, dass die Politik nachdenkt, Beträge über 5000 Euro nicht mehr bar zahlen zu dürfen. Begründet wird Letzteres mit der zunehmenden Terrorgefahr (Geldwäsche oder Steuerhinterziehung hingegen waren bislang kein Grund!).

Beim Karneval sind in diesem Jahr Kostüme, zu denen Waffen gehören oder die Körper und Gesicht fast vollständig bedecken, zwar noch nicht verboten, aber die Polizei rät von ihnen ab – ebenfalls wegen der Terrorgefahr. Auch über ein Werbeverbot für Lebensmittel, die sich an Kinder unter zwölf Jahren richten, denkt die Politik nach, wenn die beworbenen Produkte nicht den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation für ausgewogene Ernährung entsprechen. Glühbirnen sind verboten (naja, zumindest deren Verkauf), Paternoster sollten verboten werden, das Betreten vieler öffentlicher Rasenflächen ist nach wie vor nicht erlaubt und der Besitz von Cannabis ohnehin nicht gestattet (auch wenn der Besitz geringer Mengen nicht mehr zwingend geahndet wird).

Bevormundung, och nö

Verbote nerven mich immer dann, wenn sie mich bevormunden und ich ihren Sinn nicht erkenne. Das Rauchverbot in öffentlichen Räumen etwa finde ich zum Schutz der Nichtraucher sinnvoll, ein Werbeverbot für zuckerhaltige Nahrungsmittel hingegen ist für mich bekloppt. So lange diese Nahrungsmittel angeboten werden, so lange wird sie auch jemand kaufen – Werbeverbot hin oder her. Verböte man hingegen zuckerreiche Nahrungsmittel gleich ganz, würden vermutlich in Geheimküchen und -laboren ähnliche Produkte hergestellt und anschließend unter der Hand vertickt. Nicht gut, gar nicht gut. Dann gäbe es nicht mehr nur die Drogen-, sondern auch die Zuckermafia. Genauso blöd finde ich ein Paternosterverbot. Leute! Man muss den Menschen schon noch zutrauen, dass sie in einen Paternoster ein- und aussteigen können, sonst muss man auch bald das Fahrradfahren verbieten. Könnte ja gefährlich sein.

Vom Kugelfischessen und -nichtessen

Was ich jedoch zum Beispiel auf keinen Fall möchte, ist, dass mir gesetzlich vorgeschrieben wird, was ich aus gesundheitlichen Gründen essen, trinken oder rauchen darf. Wenn ich Kugelfisch essen möchte, möchte ich Kugelfisch essen können, auch wenn ich dabei draufgehe (und der Fisch schon draufgegangen ist). Natürlich vorausgesetzt, es gibt genügend Kugelfische. Ein Verbot fürs Kugelfischessen geht jedoch in Ordnung, besteht zum Schutz der Tierart ein Fangverbot.

Verbote nur bei berechtigtem Schutzinteresse

Immer, wenn es für die Umwelt, für Menschen, Tiere, Pflanzen – und in begrenztem Maße auch für Eigentum – ein berechtigtes Schutzinteresse gibt, kann meiner Meinung nach über Verbote nachgedacht werden. So ist es wichtiger, eine gefährdete Tierart zu schützen, als den Wunsch einer oder mehrerer Personen zu erfüllen, eines der letzten Exemplare zu essen.* Immer dort, wo jedoch die Bürger gegängelt werden sollen, sind Verbote, so finde ich, nicht angebracht. Selbst wenn nicht alle wissen, was ihnen gut tut, selbst, wenn manche die Konsequenzen ihres Verhaltens nicht einschätzen können – manche Erfahrungen müssen Erwachsene selbst machen. Das können und dürfen Politikerinnen und Politiker ihnen nicht abnehmen. Apropos abnehmen: Auch mit einem Verbot von zuckerreichen Nahrungsmitteln wird man nicht in den Griff bekommen, dass immer mehr Menschen übergewichtig sind (wobei wir uns hier wieder streiten können, wo genau ungesundes Übergewicht anfängt). Stattdessen ist es sinnvoller, Anreize für ein gesundes Körpergewicht zu schaffen, wie auch immer die aussehen mögen.

Ach so: Gesund war es natürlich auch nicht, wie viele von uns in den Achtzigern gelebt haben. Aber wir waren jung und hielten uns für unsterblich. Heute gehören viele von uns leider zu den Ersten, die nach Verboten schreien. Das Schlimmste: Viele sind jetzt auch in der Position, sie durchzusetzen. Vielleicht sollten wir mal zurückblicken und uns erinnern …

* Man kann natürlich auch darüber nachdenken, dass Tiere ein berechtigtes Interesse haben, überhaupt nicht gegessen zu werden, aber das ist wieder eine andere Sache. Und die Fleischfresser unter den Tieren werden sich auch trotz Verbots nicht daran halten.

7 KOMMENTARE

  1. Was für eine interessante Betrachtung, Simone!

    Den größten Teil der Achtziger ging ich noch zur Schule. Was mich natürlich nicht grundsätzlich von Essen, Trinken oder Rauchen abgehalten hätte. Letzteres fand ich schon immer widerlich, ein gewisses Interesse für Bier und Sekt habe ich dagegen in dem Alter schon entwickelt. Mein Sohn ist heute älter als ich damals, aber wenn ich mir vorstelle, er würde auf einer Feier ganz selbstverständlich ein Glas Sekt mit uns trinken, das fände ich schon sehr eigenartig und irgendwie falsch. Doch warum sollte es für mich damals richtiger gewesen sein? Das ist vielleicht so ein Elternding, ein bisschen loslassen können?

    Apropos Alkohol: Das muss man ja auch erstmal definieren. Vorhin im Supermarkt amüsierte ich mich über ein Schild:
    „Die Abgabe von Alkohol erfolgt nur an Personen über 18 Jahren.
    Die Abgabe von Wein, Bier und Sekt erfolgt nur an Personen über 16 Jahren.“
    Den Unterschied zwischen Alkohol auf der einen und Wein, Bier und Sekt auf der anderen Seite konnte mir die Kassiererin allerdings nicht erklären.

    Viel mehr als Verbote von außen stören mich eigentlich die Verbote in meinem eigenen Kopf, weil ich mir das Leben damit selber schwerer mache. Es ist zum Beispiel so viel umständlicher, immer nur Bio-Fleisch zu kaufen, das ist lästig, auch wenn wir uns aus Gründen dafür entschieden haben. An vielen Produkten, die ich früher gerne gegessen habe, marschiere ich heute vorbei, weil ich lieber natürliche Lebensmittel esse und industriellen Lebensmitteln misstraue. Auch dafür habe ich Gründe, aber manchmal ist es schade. Vorhin hatte ich ein schlechtes Gewissen, die eingeschweißte Gurke zu kaufen, weil ich sowas blödsinnig finde. Aber ich wollte halt eine Gurke haben, und soll ich einen Supermarkt nach dem anderen abklappern? Dazu habe ich erst recht keine Lust.

    (Vielen Dank auch für den Link zum Fahrbier. Geflügeltes Wort und der Film ist überhaupt Kult!)

    • Den Film liebe ich. Noch immer. An die Verbote, die man sich selbst auferlegt, habe ich gar nicht gedacht. Stimmt, die sind auch ätzend. Weshalb ich auch immer mal wieder dagegen verstoße – höhö! Dann hab’ ich mich selbst ausgetrickst 🙂 .

  2. Ein wirklich interessanter Artikel, danke SImone! Was du vergessen hast – Veggie-Day… 😉

    Wenn man es schafft zwischen wirklich wichtig und unwichtig zu unterscheiden, dann kann man auf viele Verbote verzichten. Wenn man zusätzlich noch Eigenverantwortlichkeit und gesunden Menschenverstand fördert, kommt man bald wieder mit den 10 Geboten aus. Leider ist die Tendenz genau gegensätzlich, der Staat und Europa wollen immer mehr reglementieren, wollen uns das Denken abnehmen, und wundern sich wenn wir tatsächlich aufhören zu denken.

    In Kassel hängen von November bis April Absperrketten mit Schildern „Treppe im Winter gesperrt“. An 95% der Tage ist die Unfallgefahr durch das Übersteigen der Absperrung deutlich höher als die Gefahr bei Schnee auszurutschen.

  3. Man verbietet neuerdings auch Jugendlichen, e-Zigaretten (eigentlich: Dampfen) zu erwerben – auch wenn diese dazu genutzt werden (können und vielfach auch werden) nikotinfreie Wassermelonen-Liquids zu dampfen.

    Es droht aber ab Mai noch Schlimmeres: nämlich die Totregulierung des Marktes für E-Zigaretten, Geräte und Liqudis, die vielen – auch mir – vom Tabak weggeholfen haben, der 1000 mal schädlicher ist. (Glaub bloß nicht der Anti-E-Kampagne, die immer wieder mit an den Haaren herbei gezogenen Meldungen und Studien warnt!). Das dient den Interessen der Tabakindustrie und BigPharma, die sich um ihre erfolglosen Ersatzprodukte sorgt.
    Ein Elend – eine Petition beim Bundestag hat das Quorum von 50.000 locker geschafft – ob es was nutzt, steht in den Sternen, die Lobby hat 1000 mal mehr Macht… Da zählen die vielen „geretteten“ Ex-Raucher gar nichts, denen es viel viel besser geht mit Dampfen, nachweislich wahr!

    • Eine meiner Freundinnen hat es auch durchs Dampfen geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich war echt begeistert, als ich das gehört habe. Es ist schon ne Crux, dass da immer so viele Lobbyisten mit im Spiel sind.

  4. Liebe Simone,
    du hast ja so recht! Ich habe 5 ½ Jahre in Mayor Bloombergs Nanny-City New York verbracht. Gerade jungen Leuten wird in den USA im allgemeinen und in NEw York im besonderen fast alles verbioten. Manchmal kam ich mir vor wie im Kindergarten. Ich genieße es fast, im schlampigen „Is mir egal“-Berlin zu leben, wo nicht ständig alle die Moralkeule schwingen. (Ich weiß natürlich, dass die Berliner sehr ungesund leben, rauchen, trinken und essen und bin vom Hundekot genervt, aber wenigstens wieder erachsen!)

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