Und sie werden nicht vergessen sein

Carmen Lobato alias Charlotte Lyne und ihr neues Buch

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Und sie werden nicht vergessen sein – ein Buch, das lange nachklingt
Und sie werden nicht vergessen sein – ein Buch, das lange nachklingt

Und sie werden nicht vergessen sein, der Titel des neuen Romans von Carmen Lobato, die im wirklichen Leben Charlotte Lyne heißt und unter ihrem richtigen Namen sowie auch unter dem Pseudonym Charlotte Roth schreibt, ist mehr als nur ein Titel – er transportiert die Botschaft des Buchs. Die Botschaft, dass wir die Menschen nie vergessen dürfen, die von anderen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, einer bestimmten Religion, wegen ihrer Meinung oder wegen was auch immer verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Gleichzeitig ist er Mahnung, niemals wieder eine derartige Verfolgung zuzulassen oder – wenn dies doch geschieht – zumindest nicht wegzusehen und den Verfolgten zu helfen, sie zu retten, kurz: zutiefst menschlich zu handeln.

Ein Thema, das nicht zuletzt durch die europäische Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten wie Syrien oder dem Irak aktuell ist und – betrachtet man die Situation etwa im Sudan und anderswo auf der Welt – wohl leider aktuell bleiben wird.

Der Berg Ararat © Charlotte Lyne
Der Berg Ararat © Charlotte Lyne

Worum es geht

Dabei spielt Und sie werden nicht vergessen sein nicht heute, sondern in den 1930er/1940er Jahren, der Zeit des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung. Carmen Lobato alias Charlotte Lyne erzählt die Geschichte zweier, nein eigentlich dreier Paare (wobei ich Paar Nummer drei hier nicht namentlich nenne, um die Spannung nicht zu nehmen): die von Eva und Martin aus Berlin, und die von Amarna und Arman, die in England leben. Eva und Martin sind nicht nur schön, sondern auch erfolgreich; sie als Malerin, er als Schauspieler. Trotzdem verleugnet Martin Eva auf Anraten seines Agenten vor der Öffentlichkeit, um seine weiblichen Fans nicht zu enttäuschen. Doch ob sein Agent Martin wirklich nur aus diesem Grund angeraten hat, seine Beziehung zu Eva zu verschweigen, bleibt unklar, denn es gibt ein weiteres „Problem“, das Martins Karriere zerstören könnte: Eva ist Jüdin.

Eine Geschichte des Überlebens

Arman und Amarna hingegen sind verheiratet und führen in London ein Leben, in dem es an nichts mangelt. Denn Arman ist Bildhauer, dessen Werke über die Grenzen Großbritanniens hinaus berühmt sind und der von der Kunstwelt hofiert wird. Gleichzeitig gehört er zu den wenigen Überlebenden des Genozids am armenischen Volk. Als Kind war er dabei, als seine Familie getötet wurde, und er hat nach wie vor Schuldgefühle, dass er überlebt hat, während die anderen starben. Aus dieser Schuld heraus erwächst in ihm ein Gefühl der Verantwortung: für andere Verfolgte und Menschen, die niemand will.

Amarna, eine Altorientalistin, liebt ihn abgöttisch, hilft und unterstützt ihn, wo sie kann. Doch dann kommt der Krieg, aus dem sich Arman nicht heraushalten will. Der Gedanke, untätig zu sein, während in den von Hitler besetzten Gebieten Menschen verfolgt werden, macht ihn krank. Dies treibt einen Keil in die Beziehung zwischen Amarna und Arman, denn Amarna möchte aus Angst um ihren Mann nicht, dass er sich einmischt. Sie wünscht sich aus ganzem Herzen ein Kind von ihm, in der Hoffnung, er werde dann aus Verantwortung nicht in den Krieg ziehen.

An diesem Punkt kreuzen sich die Wege der beiden (ach nein, der drei) Paare. Die Schicksale der Jüdin Eva, dem von Joseph Goebbels protegierten Schauspieler Martin, Arman, dem Überlebenden, und Amarna, der Liebenden, werden durch eine Verkettung verschiedener Umstände miteinander verbunden. Was dann passiert …, das muss man schon selbst lesen.

Carmen Lobato alias Charlotte Lyne in Erebundi mit ihrem Ararat auf den Knien
Carmen Lobato alias Charlotte Lyne in Erebundi mit ihrem Ararat auf den Knien © Charlotte Lyne

Ein Leseerlebnis

Die Geschichte, die Carmen Lobato bzw. Charlotte Lyne hier erzählt, ist eine besondere. Sie verknüpft den von der Weltöffentlichkeit weitgehend vergessenen Völkermord an den Armeniern mit dem Völkermord an den Juden. Damit zeigt sie auf, dass sich derartige Gräuel innerhalb kürzester Zeit wiederholen können, dass die Menschen aus der Geschichte nicht lernen. Auf diese Weise schlägt sie auch indirekt den Bogen zum Heute – etwa durch Dialoge wie diesen:


„Auf dieser Konferenz ist also entschieden worden, dass die Länder ihre Quoten nicht erhöhen?“
„Der Stürmer hat getitelt: ,Juden zu verkaufen. Wer will sie? Keiner.‘“
Und sie werden nicht vergessen sein, Seite 205


Parallelen zur Unfähigkeit der europäischen Staaten, Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak zu verteilen, drängen sich geradezu auf – auch wenn die heutige Situation zum Zeitpunkt, als Carmen Lobato das Buch schrieb, so nicht absehbar war.

Doch nicht nur die Aktualität des Themas ist es, die Und sie werden nicht vergessen sein zu einem besonderen Leseerlebnis macht. Die Geschichte ist unglaublich spannend und die verschiedenen Handlungsstränge würden für sich genommen für je ein Buch reichen. Und dann ist da noch die Sprache: Carmen Lobato bzw. Charlotte Lyne schreibt Sätze von einer Wucht, die man in Romanen nur selten findet. Ein Beispiel:


Sein schlanker Hintern war unverschämt hübsch. Und er war ihm in Fetzen gepeitscht worden, bis er nicht mehr wusste, dass man den Klumpen Fleisch zwischen Rücken und Schenkeln brauchte, wenn man beim Scheißen sitzen wollte.
Und sie werden nicht vergessen sein, Seite 52


Wer jetzt denkt, es gehe immer so drastisch zu, hat sich geirrt. Carmen Lobato kann auch anders, zart genauso wie hart. Und sie hat ein Händchen dafür, Figuren mit wenigen Worten zu charakterisieren:


Sie musste an ihre Eltern in Niedernhausen denken, stellte sich ihren Vater in seinem den Hals umschließenden Hemdkragen vor und ihre Mutter, bei der trotz aller Manierlichkeit ein Fettfleck auf der gestärkten Bluse prangte.
Und sie werden nicht vergessen sein, Seite 35


Das Schöne daran: Jede Leserin, jeder Leser kann sich ein eigenes Bild von diesen Menschen machen.

Das einzige Manko (und das ist Mäkeln auf sehr hohem Niveau): Arman ist mir persönlich etwas zu überhöht dargestellt. Andererseits merkt man daran, wie sehr Carmen Lobato aka Charlotte Lyne diese Figur liebt – und das ist die beste Voraussetzung, um lebendige Figuren zu erschaffen. Hinzukommt: Die Erzählperspektiven in Und sie werden nicht vergessen sein wechseln zwar ständig – mal berichtet Amarna, mal Eva, mal ganz andere Personen –, aus Armans Perspektive wird jedoch nie erzählt. Auf diese Weise bleibt da immer ein Geheimnis um Arman, man weiß nie, wie es in ihm drinnen aussieht. Da jedoch Amarna ihren Arman so sehr liebt, ist klar, dass sie nicht schlecht über ihn berichten wird. Und dann ist da noch eine klitzekleine weitere Sache: Ich hätte mir ein anderes Ende für das Buch gewünscht. Aber dass das so ist, liegt an mir, nicht am Buch.

Nein, sie werden nicht vergessen sein

Und sie werden nicht vergessen sein ist ein Buch, das an manchen Stellen schwer zu ertragen ist, denn Carmen Lobato mutet ihren Figuren viel zu. Doch gerade diese Tatsache hält die Geschichte über 700 Seiten spannend, und man wünscht sich im Anschluss, dass Geschehnisse, wie sie im Buch geschildert werden, nie wieder vorkommen. Die Botschaft, die Carmen Lobato vermittelt, klingt lange nach. Und das ist es – neben der wunderbaren Sprache und den Charakteren, mit denen man gar nicht anders kann, als mitzufiebern – was dieses Buch so eindrücklich macht.

Carmen Lobato vor dem Berg Ararat © Charlotte Lyne
Carmen Lobato vor dem Berg Ararat © Charlotte Lyne

Carmen Lobato/Charlotte Roth aka Lyne im Gespräch

Ich freue mich daher, dass Carmen Lobato (nicht wundern: Ich spreche sie im Folgenden als Charlie an), die auch in den 1960er Jahren geboren wurde, bereit war, meine Fragen zu ihrem Buch zu beantworten.

Liebe Charlie, wer die Geschichte um die Fertigstellung deines Buchs Und sie werden nicht vergessen sein (das für dich nur „Ararat“ heißt), in deinem Blog oder auf deiner Facebookseite verfolgt hat, weiß, dass dieses Buch für dich ein ganz besonderes ist und du es mehr liebst, als alle deine vorhergehenden Bücher. Woran liegt das?

Das hat – von hinten aufgerollt – einen ganz einfachen Grund: Es ist mein bestes. Es ist das zweite meiner Bücher, das ich selbst lesen wollte, und das erste, bei dem das Buch, das ich im Kopf hatte, und das, was hinterher da war, übereinstimmen. Das ist sehr schön für mich. Aber Ararat war, fürchte ich, auch schon mein Lieblingsbuch, als er noch keine einzige Seite besaß und nur in meinem Kopf und meinen vollgekritzelten Notizbüchern existierte. Die erstaunliche Nina George hat vor einiger Zeit erklärt, sie habe ihren Schreibmuskel trainieren müssen, ehe sie ihr eigentliches Thema anpacken konnte. Das möchte ich mir gern ausborgen: Mein Thema habe ich immer gekannt, ich habe um dieses Themas willen als Teenager unbedingt schreiben lernen wollen, aber im Laufe der Jahre bin ich an diesem Training des Schreibmuskels regelrecht verzweifelt. Es reichte einfach nicht, war ein ewiges Scheitern, und mit einem Schreibmuskel, der an meinen Ansprüchen regelmäßig versagte, wollte ich mich meinem Thema nicht zumuten. Zugleich aber machte sich mein Thema in mir unglaublich laut, was auch mit der Lage in der Welt zu tun hat und mit meinem Alter: Ich fühlte mich zunehmend unfähig, noch Zeit und Kraft auf anderes zu verwenden, mich an Dinge zu zwingen, die nicht „meins“ waren. Mit „Als wir unsterblich waren“ und „Als der Himmel uns gehörte“ war ich meinem Thema dann auf einmal beängstigend nah. Und als mir die Ararat-Figuren in den Schoß fielen, die von selbst lebendig waren und nicht von mir beatmet werden mussten, habe ich mir – angstschlotternd – ein Herz gefasst und mir gesagt: Jetzt gehe ich den ganzen Weg.

Warum heißt dein Buch für dich „Ararat“? Der Berg spielt natürlich eine Rolle in deinem Buch, aber – wie ich finde – keine überaus tragende.

Ich finde schon. Ararat ist ja nicht nur ein atemberaubend schöner, erloschener Vulkan und ein kraftvoll-schmerzhaftes Wahrzeichen für die bis heute unüberwindliche Grenze zwischen zwei Nationen, nicht nur der Berg, den Armenier in der Diaspora der ganzen Welt „unseren“ nennen, sondern ein viel umfassenderes Symbol. Am Ararat ist die Arche mit den Überlebenden nach der Sintflut, der völligen Zerstörung der Welt gelandet. Diese Erzählung ist Teil der ältesten schriftlichen Überlieferungen, die wir (entzifferbar) besitzen – von der Genesis bis zum Gilgamesch-Epos. Irving Finkel, Middle East Curator des British Museums und für mich der klügste Experte zu diesem Thema überhaupt, hat dazu gesagt: „Ich glaube, es gibt diese Überschneidungen, weil die Menschen die Erinnerung an eine solche Katastrophe in sich trugen, auch wenn sie sie nicht selbst erlebt haben, weil in ihnen die Urangst lebte, dass das wieder geschieht.“ Für mich ist der Faschismus, der von Europa aus die Welt überzog, eine solche Sintflut, eine solche alles zerstörende Menschheits-Katastrophe. Wir, als Erben der Überlebenden, die am Berg Ararat gelandet sind, müssen die Angst als ein Erbe in uns tragen: Das kann wieder geschehen – und werden wir dann noch einen Bergrücken haben, wo die Welt getrocknet und wieder bewohnbar ist? Deshalb wollte ich, dass mein Buch Ararat heißt.

Warum heißt deine Hauptperson Arman Artsruni? Ist das ein sprechender Name, der auf die Herkunft deiner Figur hindeutet? Ich habe bei Wikipedia nachgelesen, dass Arzruni eine armenische Dynastie ist. Man könnte bei dem Namen natürlich auch an die Begriffe „Kunst“ (englisch: Art) und „Runen“ denken.

Arman – was dem Persischen entlehnt ist und etwas in der Nähe von „Traum“ bedeutet – hieß er schon, als ich ihn freundlicherweise übernehmen durfte. Ansonsten hätte ich ihn Sevan genannt. Ich habe dann nach einem Familiennamen für ihn gesucht, der zu einem möglichst alten Geschlecht gehört, um diesen ungeheuren Wahnsinn, die Vernichtung eines Volkes, das von je her ins Gewebe der Menschenwelt gehört, so schreiend wie möglich deutlich zu machen. Es sollte außerdem ein Name sein, der nicht beim ersten Lesen sofort alles verrät, indem er – wie die meisten armenischen Namen – auf –ian endet. Und ich wollte gern eine Familie mit einem Stammsitz in Ararat-Nähe auf türkischer Seite. Die Artsrunis und ihr Aghtamar waren perfekt. Hübsch fand ich ihn auch, aber da ich armenische Namen per se hübsch finde, spielte das die kleinere Rolle.

Und warum heißt deine weibliche Hauptfigur Amarna? Das klingt fast genauso wie Arman – war das Absicht, um die Zusammengehörigkeit der beiden zu unterstreichen?

Oh my God, nein. Das ist das eine, was ich an diesem Buch fürchterlich gern geändert hätte – diese fürchterlich leserunfreundlichen Namen, die klingen wie zwei Zirkusclowns. Wenn dann noch einer aus Armenien kommt und beide Artsruni heißen, können sie sich unmöglich noch in die Arme nehmen – da sieht man vor lauter A’s und keine R’s keinen Satz mehr. Ich habe mich auf jeder Lesung vorab dafür entschuldigt.

Amarna ist Jahrgang 1907, ihr Vater ist Archäologe, und in dieser rauschhaften Hoch-Zeit der Archäologie war es chic, Töchter nach Ausgrabungsorten zu benennen. Amarnas Vater, der wie sie eigentlich Altorientalist ist, hat sich die Sporen in Ägypten, in Echnatons Tell-el-Amarna, verdient. Demzufolge hieß seine Tochter schon so, als ich sie im Exposé verkaufte und noch gar keinen Arman hatte. Und er ist mir bereits als Arman übergeben worden, daran ließ sich nichts rütteln. Also hatte ich den Salat.

Ich weiß, dass du deine Figur Arman sehr magst. Erzählst du deshalb nie aus ihrer Perspektive, um ihr ihre Geheimnisse zu lassen?

Die Frage finde ich unglaublich schön! Die möchte ich gern bejahen. Wolfram Fleischhauer, ein Autor, den ich bewundere, hat einmal gesagt: Einer Figur ihr Geheimnis zu lassen, heißt, ihr ihre Würde zu lassen. Armans Würde hätte ich nicht antasten wollen, und ich glaube auch nicht, dass das funktioniert hätte. Es war wie eine Abmachung zwischen uns, als hätte er zu mir gesagt: Wenn du Leuten zeigen willst, wie ich auf den Tisch kotze, sei’s drum, ich tu’ so, als würde ich mich nicht drum scheren, dass ihr da steht und glotzt. Wenn du aber versuchst, aufzudröseln, warum ich das mache, bist du mich los und kannst dein Buch ohne mich schreiben. Daran habe ich mich gehalten und bin gut damit gefahren. Ich hätte aus seinem Kopf heraus ohnehin nichts erzählen können, denn ich bin nicht in seinem Kopf und habe dazu keinen Zugang. Ich habe ihn beobachten dürfen und mich dabei so leise wie möglich (nicht mein Talent) verhalten. Damit musste ich auskommen, das war schön, und dafür bin ich dankbar.

Wie bist du überhaupt darauf gekommen, die Themen Verfolgung und Völkermord in einem Roman zu verarbeiten? Dabei handelt es sich ja nicht gerade um leichte Kost.

Die Frage, die mir auch auf einer Lesung gerade gestellt worden ist, kann ich leider nur unzureichend beantworten. Es ist mein Lebensthema. Das eine, das immer da war, in meiner Arbeit, meinem Leben mit meiner Familie und meinen Freunden, meiner politischen Tätigkeit. Warum, weiß ich nicht so genau. Natürlich gibt es für so etwas meistens familienhistorische Erklärungen, bei mir auch, aber ganz ausreichend sind die – denke ich – selten. Es war das eine Thema, das ich nie ertragen aber auch nie loslassen konnte, und also war es meins. Ein Buch dazu schreiben – dagegen anschreien, eine Salve von Worten anschleudern gegen das Grauen, das ich nicht fassen konnte und bis heute nicht fassen kann – wollte ich, seit ich ungefähr zwölf war. Während ich versuchte, mich darauf vorzubereiten, habe ich lernen müssen, dass ich die Art von Literatur, die ich selbst dazu lese, nicht schreiben, dass ich in der Klasse nicht mithalten kann. Daraufhin hat sich mir zwangsläufig die Frage aufgedrängt: Darf man das? Einen Roman, der in die Sparte Unterhaltung fällt, zu solchem Thema schreiben? Meine Antwort darauf war jahrzehntelang ein rigoroses Nein, und ob das nicht die richtige Antwort war, weiß ich bis heute nicht. Aber ich habe Ararat geschrieben. Er wollte aus mir herausgeschrieben sein, und jetzt hab ich ihn, und das ist gut so. Das bin ich.

Das Genozid-Monument in Yerevan © Charlotte Lyne
Das Genozid-Monument in Yerevan © Charlotte Lyne

Ich finde, es ist dir sehr gelungen, die Gräuel darzustellen, die deine Figuren miterleben oder miterlebt haben, ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen. Du arbeitest viel mit Andeutungen, weshalb sich jede Leserin, jeder Leser ihr bzw. sein eigenes Bild machen kann. Hast du keine Angst davor, dass manche deiner Leser das, was du geschrieben hast, anders verstehen könnten, als du „geplant“ hast? Oder nimmst du das gerne in Kauf, weil gerade das einen Text, eine Geschichte eindrücklicher für den Einzelnen macht?

Ja, die Angst habe ich, und die ist auch berechtigt. Mein Roman kann das nicht, was die können, die mir selbst lebenslang durch dieses Thema helfen, er schafft keine Unausweichlichkeit, drückt niemandem das Grauen ins Gesicht, sondern gehört in die Sparte Unterhaltung und das bedeutet: er erlaubt Lesern in Leserunden, daneben acht andere Bücher zu lesen und sich darüber aufzuregen, dass Eva so zickig ist wie die Ex-Schwiegermutter und Arman geschüttelt gehört, damit er mal so lieb und nett ist wie Hansi von nebenan. Gut dreißig Jahre lang habe ich mir an der Tatsache, dass ich es nicht anders, nicht ganz, nicht richtig kann, den Schädel platt gerannt, habe alles versucht, um das zu ändern, und stand doch immer wieder machtlos vor derselben Wand: begrenztem Talent. Jetzt ist mein Talent noch immer genauso begrenzt, aber ich steh da nicht mehr. Ararat ist mein Beitrag zu meinem Thema, und der ist so, wie er ist. Er ist nicht das Buch, das ich als junge Frau gern dazu geschrieben hätte, aber er ist das beste Buch, das ich dazu schreiben konnte. Das ehrlichste auch. Meins. Und deshalb wünsch’ ich mir nicht, ihn zu tauschen, auch wenn sich mir mancher Leserkommentar wie eine Fischgräte in die Kehle bohrt. Da hustet sie sich auch wieder raus.

Hast du dir während des Schreibens vorstellen können, dass die Botschaft deines Buchs zum Erscheinungstermin eine solche Aktualität haben könnte, wie sie sie jetzt durch die Flüchtlingssituation in Europa und den Umgang der europäischen Staaten damit hat?

Ich habe gehofft – sehr sogar –, dass es vorher aufhört, gelöst oder zumindest auf einen hoffnungsvollen Weg gelenkt wird. Während der Planung und der Recherche, vor allem der Interviews mit betroffenen Menschen, darunter Folteropfern aus exakt den Gebieten, über die wir jetzt sprechen, hätte ich sicher nicht glauben und annehmen können, dass das Ausmaß meine Befürchtungen in solcher Weise übersteigt und dass die Weigerung Europas, eine gemeinsame Lösung im Sinne der Bewahrung von Leben zu finden, so massiv ist. Aber die Entwicklung war ja vor zweieinhalb Jahren bereits in vollstem Gange, ich konnte deswegen kaum noch schlafen, und deshalb konnte mein Buch auch nicht mehr warten.

Du warst ja auch vor Ort am Berg Ararat, um für dein Buch dort zu recherchieren. Was hat dich auf dieser Reise am meisten beeindruckt?

Inzwischen haben wir ja nicht nur eine, sondern viele Reisen dorthin gemacht, Yerevan ist Teil unseres Lebens geworden, und nach der Berentung meines Mannes wollen wir dort sehr viel Zeit, die uns übrig bleibt, verbringen. Beeindruckt bin ich vom Berg Ararat, den ihn umgebenden Konflikten, Kulturen, Landschaften und Zeugnissen nach wie vor ohne Ende. Am meisten beeindruckt haben mich vielleicht diese zwei Dinge von der ersten Reise: Ich hatte mir ganz stolz aus meinen Bücherstapeln herausgesucht, dass die Armenier den Berg selten Ararat, sondern Masis nennen, und habe das – noch stolzer – unserer zauberhaften Reisebegleitung Kavi (die inzwischen unsere Freundin ist) zum Besten gegeben. Sie hat (hinreißend charmant) gelächelt und gesagt: „So nennen wir den auch nicht. Wir nennen ihn unser Berg.“ Zu der Zeit hatte ich gerade meinen ersten Berlin-Marathon hinter mir, in mir war ein ungeheurer Wille zu laufen, und wenn man von der Höhe über Yerevan zum Ararat hinüberschaut, wirkt der Abstand ungefähr marathonhaft (es sind in Wahrheit etwa 60 km, für einen Ultra-Streckenläufer also durchaus machbar). In mir erwachte der Wunsch, dort hinüber zu laufen, und das habe ich Kavi gesagt. „Kannst du versuchen“, hat sie geantwortet. „Aber über die Grenze kommst du nicht.“

Ich habe das natürlich gewusst. Aber wie vollkommen irr und unfassbar es ist, ist mir in diesem Moment erst begreiflich geworden: Auch als freundlich grinsende, marathonlaufende Oma ohne Gepäck komme ich über diese Grenze, die ein leeres, atemberaubend schönes Land – einen einigen Kulturraum – teilt, nicht hinweg. Das sitzt in mir, in all seiner himmelschreienden Absurdität.

Zuletzt noch ein kleiner Blick in die Zukunft: Gibt es ein neues Projekt, für das du genauso „brennst“ wie für Und sie werden nicht vergessen sein? Was können wir als Nächstes von dir lesen?

Ich denke, für ein Projekt ganz so sehr brennen wie für Ararat werde ich wohl nicht noch einmal. „The first cut is the deepest“, und das finde ich auch schön. Es muss nicht alles wiederholbar sein, nach dem Roman mag von mir aus vor dem Roman sein, aber nach Ararat ist nie mehr vor Ararat. Dass es nur eine erste Liebe, nur ein erstes Kind, nur ein erstes Mal Vor-Mount-Ararat-stehen gibt, hat seinen Sinn und darf wehtun, weil darin ja der Zauber liegt. Aber Ararat hat mich ohne jede Frage verwöhnt und verdorben – Romane, für die ich nicht brenne, kann ich jetzt nicht länger schreiben. Gott sei Dank. Mein Verlag – dem sei erst recht Dank – hat mir ermöglicht, ein Projekt zu verwirklichen, auf das ich während der Recherche zu Ararat gestoßen bin und das viel zu wenig Raum darin hatte: Ich habe mich während der Interviews in Paris in Missak und Melinee Manouchian und Jean Moulin sehr innig verliebt und darf derzeit (als Charlotte Roth) an einem Roman zur französischen Resistance arbeiten. Mehr darf ich aber wirklich nicht dazu sagen, sonst schmeißt der nette Verlag mich raus, und zwar zu Recht.

Liebe Charlie, vielen Dank für deine Antworten.

Liebe Simone, zu danken habe nur ich. Danke für die ungewöhnlichen, schönen, spannenden Fragen, danke, dass Du mir erlaubt hast, über Ararat zu reden – daran, dass ich demzufolge viel zu viel gelabert habe, bist Du nun allerdings selbst schuld …

Wer nun mehr über Und sie werden nicht vergessen sein erfahren möchte, findet hier weitere Informationen und eine Leseprobe.

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