Über die Toten reden, wäre bereits ein Fortschritt

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Erinnerungen sind wie ein Regenbogen - sie bringen Farbe in die Trauer.
Erinnerungen sind wie ein Regenbogen - sie bringen Farbe in die Trauer.

Es ist November. Zeit der Toten-Gedenktage. Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag und wie sie alle heißen. Da legen Offizielle Kränze an Gedenkstätten ab, entzünden Hinterbliebene Grablichter (heutzutage auch welche mit LED, statt mit echter Flamme), verkaufen Gärtnereien und Supermärkte zum Teil pottenhässliche Grabgestecke*, um die Toten zu ehren. Und ich? Ich ernte betretene Gesichter, wenn ich den Namen meines toten Mannes in einer Unterhaltung erwähne.

So gerne würde ich mit den Toten (oder ganz speziell einem) tanzen, wie es die Blogaktion des Totenhemd-Blogs „Ich habe mit den Toten getanzt“ vorschlägt, deren Teil dieser Beitrag ist. Doch wie kann ich das, wenn ich nicht über die Toten reden kann?

Lebendig in Erinnerungen

Viel zu oft wird der Tod bei uns verdrängt. Klar, niemand denkt gerne an den Tod. Nicht an den eigenen und schon gar nicht an den der liebsten Menschen. Doch verdammt: Der Tod ist Teil dieses Lebens und nicht über einen Toten zu reden, ist, als würde er zum zweiten Mal sterben. Als würde sein Name ausradiert, um bloß keine Erinnerungen zu wecken. Dabei sind die Erinnerungen doch alles, was die Hinterbliebenen haben. Es sind die Erinnerungen, in denen ein Toter lebendig bleibt.

Natürlich sind die zu Anfang schmerzlich. Natürlich kann es passieren, dass das Gesicht der Hinterbliebenen tränennass wird, spricht ein anderer Mensch mit ihnen über seine eigenen Erinnerungen an den Toten. Das ist schwer auszuhalten. Ja. Doch das Teilen dieser Erinnerungen ist zugleich heilsam. Es hilft, die Hinterbliebenen ins Leben zurückzuführen, dessen Teil sie nach wie vor sind, auch wenn ein Teil von ihnen mit dem Toten gestorben ist.

Bekannte, Freunde, Familie

Ich verstehe ja noch, dass es Menschen, die mich nicht gut kennen, vermeiden, den Namen meines Mannes in meiner Gegenwart auszusprechen. Das ist okay. Doch wenn es sich um enge Familienmitglieder handelt, die lieber stundenlang über ihre ach-so-interessanten Urlaubserlebnisse sprechen und es tunlichst lassen, den Namen meines Mannes auch nur zu erwähnen, dann bin ich nicht nur enttäuscht. Es lässt mich auch an meiner Beziehung zu diesen Familienmitgliedern zweifeln.

Fragen hilft

Ja, ich weiß, der Umgang mit Menschen, die vor Kurzem (oder auch vor Längerem – jeder Mensch trauert schließlich anders) einen ihrer Liebsten verloren haben, ist nicht leicht. Die wenigsten von uns haben gelernt, wie das geht: mit ihnen umgehen (so es sich überhaupt lernen lässt). Hinzukommt: Nicht alle trauern gleich.

Doch die richtigen Worte gibt es sowieso nicht, es gibt keinen Satz, der den Verlust abmildern könnte. Was man jedoch als Freundin oder Freund tun kann: Nachfragen, was hilft, was dem anderen gut tut. Fragen, ob es okay ist, sich gemeinsam zu erinnern, oder ob das derzeit zu sehr schmerzt. Im Gespräch bleiben, keine Angst haben, mit den eigenen Worten auch mal Tränen auszulösen, eventuell sogar mitweinen. Und sich nicht vor Erinnerungen fürchten. Wir müssen nicht gleich mit den Toten tanzen, sich gemeinsam an sie zu erinnern, über die Toten reden, ist vielen Hinterbliebenen bereits Trost genug.

Ein kleines Beispiel noch zum Schluss, wie das Erinnern (auch) aussehen kann:

Zum Konzert der Lieblingsband meines Mannes haben Freunde nach seinem Tod ein Bild von ihm mitgenommen und während der Songs hochgehalten. Eine kleine Geste, die mir die Tränen in die Augen trieb, als sie davon berichteten (der Gedanke daran tut das noch immer). Aber ich fand es wunderbar. Und ich bin sicher, es hätte meinem Mann gefallen.

* Ich finde viele pottenhässlich, aber hey: Das ist meine ganz persönliche Meinung, fühlt euch nicht angegriffen, solltet ihr eine andere haben.

13 KOMMENTARE

  1. Das ist ein sehr schöner Beitrag.
    In der Tat fällt es Menschen schwer, auf Trauernde zuzugehen und zu reden, Teils weil sie nicht vermeintliche Wunden aufreißen möchten, Teils weil sie selbst nicht die Worte finden die trösten könnten. Besonders schlimm ist dieses Schweigen.
    Mein Beruf ist Steinbildhauerin und in den Beratungsgesprächen für ein Grabdenkmal gibt es immer wieder diese Situationen, in denen ich staune wie getrauert/verdrängt wird oder wie durch eine Geste oder ein Wort Dämme einbrechen. Meine Bitte wäre, dass die Familien reden.
    Die Wahrnehmung des Charakters eines Menschen und seine Bedeutung für den einzelnen können sehr verschieden sein- es erstaunt mich beispielsweise, wenn allein bei der Oberflächengestaltung ein Teil der Familie eher etwas rauhes möchte, da der Verstorbene ihnen eher schroff in Erinnerung ist, die anderen dann erklären, dass eine glatte polierte Oberfläche doch eher passen würde. ( Das hat schon zu heftigen Diskussionen geführt und dies ist nur ein kleines Beispiel).
    Die Endlichkeit bewusst machen und als Normalität begreifen, das wäre das Ziel.

    • Danke, Carola. Ich glaube, in deinem Beruf muss man nicht nur das Handwerk beherrschen, sondern auch immer wieder seelische Unterstützung leisten (ich habe übrigens für das Grab meines Mannes einen Stein gewählt, der das Raue und das Glatte in sich vereint 🙂 ).

  2. Genau, Simone, du hast ganz recht, die Erinnerungen sind so wichtig. Sie sind traurig, weil jemand nicht mehr da ist, machen gleichzeitig aber auch glücklich, weil man sich an das Schöne erinnern kann. Sich im Gespräch gemeinsam zu erinnern, tut auch gut, aber natürlich geht das nur, wenn man den Namen nennt. Und wenn jemand im Gespräch ganz selbstverständlich vorkommt, ist er auch immer noch ein bisschen bei uns.

    Es macht mich übrigens glücklich, von dem Bild auf dem Konzert zu lesen. Was für eine wunderbare Idee seiner Freunde, das kann man ja gar nicht beschreiben …

  3. Herzlichen Dank für diesen Artikel.
    Ich habe diese Erfahrungen auch gemacht und glaube, dass Menschen es auch deshalb vermeiden über Tote zu sprechen, weil damit die eigene Endlichkeit bewusster wird. Und damit auch das bislang ungelebte Leben. Ungelebtes Leben und Angst vor dem Sterben hängt zusammen. Darauf hat mich der Amerikaner Irving Yalom gebracht.
    Manchmal umgebe ich mich im Geist ganz bewusst mit meinen toten Angehörigen und Freunden und stelle mir vor, wie sie mir Mut machen in meinem eigenen Leben weiterzugehen.
    Herzliche Grüße

  4. Liebe Simone, ich glaube, dass dahinter oft Hilflosigkeit steckt, wenn der Name deines Mannes nicht genannt wird. Nicht zu wissen, ob du das möchtest. Und nicht in der Lage sein, zu fragen, was du möchtest. Und auch die Angst, dann nicht „richtig“ zu reagieren, wenn du traurig wirst, Verzweiflung zeigst oder einfach weinst. Vielleicht geht das auch gerade Menschen so, die dir nahestehen. Weil sie denken, sie müssten ja eigentlich wissen, was richtig ist?
    Ich habe auch schon Menschen gekannt, die total abgewehrt haben, wütend wurden oder sich übergriffig behandelt fühlten, wenn Krankheit oder Tod angesprochen wurde.
    Natürlich gibt es Leute, die deine Trauer und den Tod nicht thematisieren, weil sie sich damit nicht befassen wollen. Vielleicht sogar, weil es dabei nicht um sie selbst geht. Über solche Menschen, gerade wenn es Verwandte sind, kann man sich getrost mal Gedanken machen.
    Die Aktion bei dem Konzert ist großartig!
    Ich denke, wir haben wenig Rituale, die uns helfen, über Tote zu reden, den Tod ins Leben zu integrieren. Und wir müssten sie uns schaffen.
    Vielen Dank für diesen Text!

    • Stimmt schon, oft ist es Hilflosigkeit. Aber wenn ich über ihn rede, einfach so, ohne zu weinen, sondern nur sage, er hat in dieser oder jener Situation das gemacht, dann brauchen doch nahestehende Menschen nicht sofort das Thema wechseln, oder? Wie auch immer: Ich frage mittlerweile, ob Bekannte oder Freunde, die Ähnliches erleben oder erlebt haben, darüber reden möchten. Wenn nicht, ist das für mich okay, wenn doch, ebenfalls.

  5. Ach Simone, ich kann das so gut verstehen. Ich habe Glück mit meiner Familie und meinen Freunden. Wir reden oft über meinen Mann und es ist gar nicht schlimm, wenn ein paar Tränchen rollen. Für mich ist das sehr schön und wichtig.
    Die Asche meines Mannes ist vertreut worden. Die eine Hälfte in den Rhein (Wahlheimat), die andere Hälfte in den Teutoburger Wald (seine Geburtsheimat). Er wollte es so und er wollte auch keine Trauerfeier. Mitte nächsten Jahres, wenn sich sein Todestag zum 2. Mal jährt, will ich diese Feier nachholen. Gefeiert werden soll aber sein Leben. Die meisten halten das für eine schöne Idee. Ich bin gespannt und freue mich drauf.

  6. Ich kann gut verstehen, dass dich das wütend macht! Und bei allen schlauen Erklärungsansätzen – nicht sie brauchen Verständnis, die wegsehen und das Thema wechseln, sondern du. So ein Schicksalsschlag rüttelt halt den Freundes- und Familienkreis einmal kräftig durch und einige fallen dabei durchs Sieb, während andere plötzlich nie geahnte Qualitäten zeigen. Das ist in Ordnung so, ich finde es sogar gut. Man sieht viel klarer, mit wem man seine kostbare Lebenszeit teilen möchte und wen man nicht braucht.

    Ich habe von Anfang an viel über meinen Mann gesprochen. Wie denn auch nicht, wir haben so viel geteilt, da kommen immer wieder Erinnerungen hoch! Am Anfang waren das bittersüße Momente, aber bald war es normal. So bleibt er Teil unseres Lebens und unserer Familie, und so soll es auch sein. Ich glaube, diese „Konfontationstherapie“ hat einigen auch über ihre eigene Unsicherheit hinweggeholfen, sodass sie selbst auch wieder normal von ihm reden können.

    • Ja, du hast recht. Verständnisvoll zu sein, ist gut und schön, doch wenn ich das Gefühl habe, zu kurz zu kommen, weil ich einfach nicht mehr sagen kann, was ich sagen möchte, dann ist vielleicht auch in der Beziehung etwas falsch. Schade, aber ist so.

      Konfrontationstherapie ist übrigens ein prima Begriff!

  7. Liebe Simone, du schreibst immer auf eine so schöne Art dass man viele Dinge in seinem eigenen Leben wiedererkennt. Meine „Mitkommentatoren“ haben ja schon vieles gesagt, aber mir fällt noch etwas ganz Merkwürdiges ein, der Gedanke kam bei deinem Satz „nicht über einen Toten zu reden, ist, als würde er zum zweiten Mal sterben“. Ich schreibe mir Adressen und Geburtstage in meinem Handy auf, aber ich lösche nie jemand. Speziell bei den Toten schaffe ich das nicht. Manchmal ist das ein komisches Gefühl, wenn man an den Geburtstag erinnert wird, als würde sich derjenige bei einem melden. „Hey, Alter, ich habe heute Geburtstag, hast du mich etwa vergessen?“. Vielleicht ist es meine Art an meine toten Freunde und Familienmitglieder zu denken. Mein Weg sie nicht zu vergessen. Ich hätte ein schlechtes Gewissen wenn ich sie löschen würde. Als würde ich sie verstoßen.

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