Tatsächlich peinlich?

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Peinlichkeit und Zivilcourage – zwei Seiten einer Medaille
Peinlich? Vielleicht auch ein neuer Trend oder ein Statement ...

Ich habe einen Lieblingswitz. Seit Jahren. Leider handelt es sich um einen Witz, über den außer mir kaum jemand lacht. Fast immer, wenn ich ihn erzähle, ernte ich verständnislose Blicke. Die ersten Male war mir das noch peinlich. Denn ich fand den Witz damals so komisch, dass ich nach dem Erzählen jedes Mal laut und anhaltend gelacht habe. Daraufhin schlich sich in die bereits verständnislosen Blicke stets noch größeres Unverständnis, gepaart mit, naja, nennen wir es mal Mitleid. Und das war nicht unbedingt angenehm.

Heute erzähle ich den Witz nicht mehr so häufig wie früher, doch auch die Reaktionen der anderen sind mir nicht länger peinlich. Schließlich weiß ich inzwischen, was mich (meistens) erwartet. Und kalkuliere die irritierten, mitleidigen Blicke der anderen nicht nur ein, sondern warte gespannt auf die Reaktionen und amüsiere mich darüber.

Was diese Geschichte soll? Erstens zeigen, dass selbst Dinge, die einem einmal peinlich waren, belanglos werden können. Dass man über sie lachen kann – irgendwann. Und zweitens, dass man nicht auf etwas verzichten sollte, was Spaß macht oder einem am Herzen liegt, nur weil andere es womöglich peinlich finden könnten.

Peinlichkeit – was ist das eigentlich?

Wikipedia spricht davon, dass Peinlichkeit in früheren Zeiten körperlichen Schmerz oder zumindest eine sehr unangenehme Belästigung bezeichnete. Irgendwie logisch, denn Peinlichkeit leitet sich von Pein ab. Und tatsächlich können Dinge, die unangenehm sind oder für die man sich schämt, heftige körperliche Reaktionen hervorrufen: Herzrasen, Schweißausbrüche und der gemeinerweise für alle sichtbare klatschmohnrote Kopf sind dabei noch die kleineren Übel.

Doch was ist Menschen überhaupt peinlich? Für was schämen sie sich? In der Regel für eigene, der Situation unangemessene Verhaltensweisen, für Missgeschicke, unbedachte Äußerungen. Manchmal aber auch für das Verhalten anderer, mit denen sie in enger Beziehung stehen. So ist es beispielsweise nicht sonderlich angenehm, wenn das eigene Kind sich benimmt wie ein Mini-Rambo und die Blicke der Umstehenden sagen, dass man es als Elternteil wohl einfach nicht drauf hat. Oder wenn ein Bekannter andere nahestehende Personen in deren Beisein mit wenig netten Bemerkungen überzieht.

Manchmal schämt man sich sogar für Unbekannte wie den C-Promi, der sich im Fernsehen die eigene Unterhose über den Kopf zieht und dann halb nackt „Horch, was kommt von draußen rein“ grölt. Das nennt sich dann Fremdschämen und kann ebenfalls ganz schön wehtun.

Muss man sich überhaupt schämen?

In vielen Fällen sind peinliche Situationen nur deshalb peinlich, weil es den unausgesprochenen Konsens gibt, dass man bestimmte Dinge „nicht macht“. Doch wer bestimmt eigentlich, dass sich etwas nicht „gehört“? Und muss man überhaupt alle unausgesprochenen Verhaltensregeln befolgen, die zudem noch – wie kompliziert! – von Kultur zu Kultur unterschiedlich sind? Schließlich sind nicht wenige davon blödsinnig („Männer weinen nicht“), andere wiederum überkommen („Frauen vertreten ihre Meinung nicht lautstark“) – und doch gibt es immer jemanden, der darauf pocht, dass sie eingehalten werden. Und es natürlich peinlich findet, wenn dies nicht geschieht, und das auch kundtut.

Klar, Dinge, die die Freiheit anderer beeinträchtigen oder ihre Menschenwürde verletzen, sollte jeder unterlassen. Doch wenn ein Mensch in der Öffentlichkeit nicht weint, weil andere davon peinlich berührt sein könnten oder er sich selbst bloßstellen würde, geht das „Das-gehört-sich-Nicht“ zu weit. Das Gleiche gilt für Situationen, in denen jemand gern seine Meinung äußern würde, es aber lässt, weil man so was ja nicht tut. Beispiele: Mitten in einem Vortrag aufstehen und gehen oder bei einer politischen Veranstaltung kritische Fragen stellen.

Peinlichkeit und Zivilcourage – zwei Seiten einer Medaille

Der häufigste Grund, warum ein Mensch eine Handlung unterlässt, die ihn blamieren könnte, ist sicherlich die Angst, von anderen belächelt, beschimpft oder gar ausgegrenzt und zum Außenseiter zu werden. Doch zum Glück gibt es genug Menschen, die sich trotzdem über unausgesprochene Verhaltensregeln hinwegsetzen. Die sie brechen und auf diese Weise dazu beitragen, dass überkommene Richtlinien langsam aufweichen. Gäbe es diese Menschen nicht, dürften z. B. Frauen nach wie vor keine Hosen tragen oder Kinder immer noch geschlagen werden.

Peinlichkeit hat also manchmal auch etwas mit Zivilcourage, Mut oder dem Willen zur Veränderung zu tun. Denn natürlich fielen die ersten Frauen, die Hosen trugen, auf, waren ihren Mitmenschen peinlich und Anfeindungen ausgesetzt. Und zugleich mutig, weil sie das alles in Kauf nahmen.

Öfter mal peinlich sein!

Auch wir in den 1960ern Geborenen haben etwa davon profitiert, dass der Moral- und Verhaltenskodex der 1950er Jahre in den 1970ern/1980ern durch mutige Frauen und Männer bereits aufgeweicht war. So durften wir z. B. bereits in „wilder Ehe“, wie man es damals nannte, zusammenleben oder uneheliche Kinder bekommen, ohne gleich die Familie in Verruf zu bringen. Selbstverständlich waren für uns beispielsweise auch gleiche Bildungschancen für Männer und Frauen.

Warum sollten wir also nicht heute, wo wir dank unseres Alters über ein gewisses Selbstvertrauen und Standing verfügen, auch mal über den eigenen Schatten springen und hin und wieder etwas tun, was in den Augen anderer peinlich ist? Und zwar, weil es uns zum derzeitigen Augenblick richtig erscheint oder wir auf diese Weise dazu beitragen können, etwas zu verändern, was uns nicht gefällt. In der Hoffnung, damit künftigen Generationen das Leben zu erleichtern.

Also warum nicht mal eine Demonstration organisieren, wenn einem etwas stinkt? Oder zumindest an einer teilnehmen? Warum nicht mal seine Meinung äußern, statt immer nur alles zu schlucken? Warum nicht neue Wege gehen, wenn die alten ausgetreten sind? Selbst wenn andere Menschen Bedenken äußern oder lachen. Und warum nicht auch einfach mal so, nur weil es Spaß macht, auffallen – z. B. durch Kleidung, Haarfarbe oder merkwürdige Witze? Das mögen zwar einige andere peinlich finden, doch allen kann man es ohnehin nicht recht machen.

All das macht das Leben jedenfalls interessanter, bunter. Natürlich manchmal auch komplizierter. Doch wer hat gesagt, dass es leicht wird?

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