Sich gehen lassen oder nicht gehen lassen

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Bald lassen sie mich gehen. Hoffentlich.
Bald lassen sie mich gehen. Hoffentlich.

Ich weiß nicht mehr, wo ich sie letztens gelesen habe – vermutlich in einer der bunten Zeitschriften beim Zahnarzt oder aber irgendwo im Web –, jedenfalls ist sie mir im Gedächtnis geblieben: Die Frage, warum sich manche Menschen bloß „so gehen lassen“ (sich nicht mehr um ihr Äußeres scheren), wenn sie a) einen Partner haben, b) Eltern oder c) älter werden. „Sich so gehen lassen“ – diese vier harmlosen Wörter umfassen in der Kombination so viel Negatives: Disziplinlosigkeit auf der einen, Abscheu auf der anderen Seite.

Ich habe dann mal gegoogelt. Und zwar ganz wertfrei nur nach den Wörtern „sich gehen lassen“, kombiniert mit dem Begriff „Aussehen“. Denn Synonyme und Definitionen wollte ich von vornherein aus den Suchergebnissen ausschließen. Die erste Seite warf mir folgende Treffer aus:

Die ersten Treffer zu den Suchbegriffen "sich gehen lassen Aussehen"
Die ersten Treffer zu den Suchbegriffen „sich gehen lassen Aussehen“

Auffällig ist, dass es in den meisten der Suchergebnisse um Frauen geht. Okay, es gab ein paar geschlechtsneutrale Treffer und in Suchergebnis Nr. 3 ging es sogar um Männer, doch als völlig Unbeteiligte(r) kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass sich mehr Frauen als Männer „gehen lassen“. Oder zumindest wird es häufiger bemängelt.

Das Leben ist Veränderung

Davon einmal abgesehen, dass ich es echt sch… finde, wenn Menschen – übrigens ganz egal, ob Frauen oder Männer – auf ihr Aussehen reduziert werden, warum denkt denn so selten jemand darüber nach, ob es nicht vielleicht andere Gründe gibt als das „Sich-gehen-Lassen“, wenn sich der Körper eines Menschen verändert? Ich meine damit jetzt nicht etwa Krankheiten, die Einfluss auf das Äußere haben, sondern ganz natürliche Veränderungen in einem langen Menschenleben.

So wächst werdenden Müttern nun mal ein Bauch. In einem Winzi-Pinzi-Mini-Bäuchlein hätten drei oder mehr Kilogramm Kind nun mal keinen Platz oder müssten sich so strecken, dass sie gleichzeitig oben und unten herausragten. Dass die Dehnung der Haut dann nicht bei allen Frauen folgenlos verläuft, sollte ebenfalls klar sein. Schon mal einen Luftballon aufgeblasen und dann die Luft wieder rausgelassen? Genau!

Älter werden

Und so ist es auch mit dem Aussehen von Menschen, die allmählich älter werden (übrigens auch, wenn sie es nicht wahrhaben wollen). Wir sind nicht mehr so frisch und knackig, wie wir es noch mit 20 waren. Viele von uns haben ein paar (oder auch ein paar mehr) Kilos zugenommen, Falten haben sich nicht nur in unsere Gesichter gegraben (es sei denn, wir haben ein paar mehr Kilos zu viel, dann ist das Ganze nicht so offensichtlich) und die ersten Altersflecken zeigen sich auch auf der Haut.

Vieles davon ist ganz normal und hat nichts mit „sich gehen lassen“ zu tun. So verlangsamt sich etwa der Stoffwechsel ab einem bestimmten Alter. Da die meisten von uns diese Veränderung nicht bewusst wahrnehmen (der Stoffwechsel sagt schließlich nicht: „Übrigens ey, ich mach es dir nach und bin ab jetzt weniger aktiv“) und ihr Leben auch nicht verändern – also weniger essen und/oder mehr Sport treiben –, nehmen wir automatisch ein paar Kilo zu. Und das ist wohl auch gar nicht so negativ. Denn ein wenig mehr Gewicht im Alter scheint die Lebenserwartung zu erhöhen – jedenfalls gilt bei Älteren auch ein höherer Body Mass Index als normal. (Ganz abgesehen davon, dass Kilos die Falten glätten.)

Schönheit muss nicht makellos sein

Was ich im Übrigen auch finde: Es ist beileibe nicht die äußere Hülle allein, die einen Menschen schön macht. Menschen, die ausgeglichen und mit sich selbst im Reinen sind und das nach außen ausstrahlen, sind auch mit einigen Kilos „zu viel“ oder anderer vermeintlicher Makel oft viel schöner als solche, deren Gesicht und Körper zwar möglicherweise den heutigen Schönheitsmaßstäben (wer macht die überhaupt?) entsprechen, jedoch gestresst, unsicher oder unausgeglichen wirken. Ohnehin liegt Schönheit immer im Auge des Betrachters.

Wie auch immer: Ich finde es aberwitzig, wenn Menschen ganz normale Veränderungen des Körpers als ein „Sich-gehen-Lassen“ beurteilen. Was würde es denn im Gegenzug bedeuten, sich nicht gehen zu lassen?  Alle Falten wegoperieren zu lassen oder zumindest durch Make-up zu kaschieren? Ständig aufzupassen, was man isst, damit man bloß nicht zunimmt? Oder jedes gegessene Stück Schokolade wegzusporteln, nur damit es sich nicht auf den Hüften oder am Bauch absetzt?

Ganz ehrlich? So will ich nicht leben. Ich möchte Sport machen, weil er mir Spaß macht (macht er!), ich möchte aber auch ein Stück Kuchen essen oder ein Glas Wein trinken, ohne daran zu denken, dass die mein Gewicht gefährden könnten. Wenn deshalb jemand meint, er müsse mir sagen, ich ließe mich gehen, gibt es nur eine mögliche Reaktion: selbst zu gehen.

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