Rein in die Komfortzone!

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Die Sterne lassen sich auch von der Komfortzone aus betrachten. Man muss sie nicht immer vom Himmel holen.
Die Sterne lassen sich auch von der Komfortzone aus betrachten. Man muss sie nicht immer vom Himmel holen.

Jedes Mal, wenn ich die Aufforderung „Raus aus der Komfortzone!“ lese, stelle ich mir die Frage: Warum nur soll ich einen Bereich verlassen, in dem ich mich wohl fühle? Ich finde, es kann im Alltag gar nicht genug Komfortzonen geben, um für die Herausforderungen des Lebens gewappnet zu sein.

Von Pseudo-Komfortzonen …

Jaja, ich weiß. Komfortzone ist ein Wort, das im oben genannten Zusammenhang für Situationen steht, in denen sich Menschen im Sinne von „Warum etwas ändern, was doch funktioniert – irgendwie jedenfalls?“ eingerichtet haben. Bei solchen Situationen handelt es sich in vielen Fällen jedoch um Pseudo-Komfortzonen – und die sind oft gar nicht kuschelig. Bestes Beispiel: Wenn Menschen sich damit arrangieren, mit Personen zusammenzuleben, die ihnen nicht gut tun, es sich aber nicht eingestehen. Und zwar, weil eine Trennung von diesen Menschen unter Umständen hieße, Bequemlichkeiten überwinden zu müssen und/oder vielleicht auch Privilegien aufzugeben – kurz: sich anzustrengen. In diesem Fall bedeutet die Aufforderung „Raus aus der Komfortzone“ nichts anderes, als den Arsch hochzukriegen, sich etwas zuzutrauen und damit das eigene Leben zum Besseren zu wenden (oder es zumindest zu versuchen).

… und Rückzugsräumen

Aber hey, wer sagt denn, dass es in einer Komfortzone immer grauenvoll, schrecklich oder furchtbar sein muss? Eine Komfortzone ist doch erstmal was Angenehmes. Eine Art Ruheraum, in dem ich so sein kann, wie ich will, in dem ich mich nicht verstellen muss, in dem niemand überhöhte Anforderungen an mich stellt, in dem ich einfach nur sein darf. Was ist daran falsch? Solche Komfortzonen – Rückzugsräume – finden viele Menschen im Privatleben. Doch auch im Beruf gibt es sie manchmal.

Schneller, höher, weiter

Stellt sich die Frage, ob man all diese Komfortzonen verlassen muss, etwa weil andere meinen, dass da noch „mehr“ kommen muss, dass nicht genügt, was bereits da ist. Muss ich mich am ständigen Schneller-höher-Weiter beteiligen, wenn ich zufrieden bin mit dem, was ich habe? Muss ich nach den Sternen am Himmel greifen, wenn mir die Zimtsterne auf dem Teller ausreichen? Muss ich immer mehr und noch mehr wollen? Ist es nicht für mich – und vielleicht auch für meine Umwelt – besser, wenn ich mich beschränke, weil ich mich wohlfühle mit dem, was ich habe?

Der Spruch „Raus aus der Komfortzone“ legt nämlich unterschwellig auch nahe, dass ein Mensch nie genug erreichen kann, egal, wie sehr er sich abstrampelt. Denn immer ist zu einem bestimmten Zeitpunkt eine neue Komfortzone erreicht, aus der es auszubrechen gilt. Doch ist es tatsächlich sinnvoll, ständig zu neuen Ufern aufzubrechen? Bringt ein solches Abstrampeln mehr Zufriedenheit, mehr Wohlgefühl?

Wann ist genug genug?

Mehr Geld zum Beispiel macht ab einem bestimmten Einkommen (die Forscher Daniel Kahneman und Angus Deaton sprechen von 75 000 US-Dollar pro Jahr) scheinbar nicht glücklicher, selbst wenn es dazu beiträgt, dass Menschen ihr Leben insgesamt positiver bewerten. Auch die Anerkennung von anderen – so angenehm sie ist – bringt vielfach nur einen kurzfristigen Kick. Dann muss wieder was Neues her. Und auch das nutzt sich irgendwann ab.

Durchatmen in der Komfortzone

Wer nicht mehr jede Fahrt im großen Vergleichskarussell mitmacht, sondern sich stattdessen lieber eine eigene kleine private Komfortzone einrichtet, ist deshalb keinesfalls immer faul, träge oder bequem. Denn auch in Komfortzonen können sich Ideen entwickeln, können Menschen kreativ sein. Hinzukommt: Die Zeit, die wir in der Komfortzone verbringen, ermöglicht uns, durchzuatmen und Luft zu holen. Luft, die wir für die Herausforderungen brauchen, denen wir uns noch stellen müssen. Schließlich muss irgendwann jeder Mensch die eigene Komfortzone wieder verlassen. Dann ist es gut, ausgeruht zu sein.

7 KOMMENTARE

  1. Stimmt. Komfortzone kann man auch in einem anderen Licht betrachten, nicht immer nur im Leistungsfokus. Eine Komfortzone als eine Art „Homebase“, von der aus ich mit neuer Kraft neue (oder auch alte ;o)) Dinge schaffen kann, ist immens wichtig. Und übrigens genauso wichtig für Leistung und Erfolg! Denn nur wer seine Batterien regelmäßig aufladen kann, hat auch Kraft für den Alltag!

    Danke, dass du uns daran erinnerst!

    • Ich finde ohnehin, dass es Quatsch ist, ständig Ausschau nach dem zu halten, was ich noch in meinem Leben optimieren könnte. Einfach mal zufrieden sein ist doch auch schön (jedenfalls dann, wenn es genug Gründe dafür gibt 🙂 ).

  2. Genau – mal durchatmen dürfen, ohne ständig an sich selbst rumoptimieren müssen … Manchmal finde ich es allerdings schwierig, mir diese Forderungen nicht zu eigen zu machen. Immerhin gibt es ja noch die Möglichkeit, nach dem Ausbrechen wieder zurückzukehren. 🙂

    • Jipp, ich finde es auch manchmal schwierig. Aber ich habe gemerkt, die besten Ideen kommen ohnehin dann, wenn ich nichts erzwingen will, sondern einfach mal stillhalte.

  3. Die (unausgesprochene) radikale Antithese zur Komfortzone, immer wenn irgendwelche Medienmenschen von „Komfortzone“ schwurbeln, scheint das Stahlgewitter à la Ernst Jünger zu sein: Krieg, Kampf ums nackte Überleben, gegen minus 40 Grad, Bären, Wölfe und bolschewistische Partisanen bei höchstens 500 Kalorien am Tag, barfuß und halbnackt versteht sich… natürlich würden sich besagte Medienmenschen niemals diesem Stahlgewitter aussetzen wollen, wozu auch, schließlich könnten sie dann ja nicht mehr für üppige Honorare über die moderne Verweichlichung lamentieren. Ich übrigens auch nicht – wozu auch?

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