Neu anfangen

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Manchmal ist es richtig, neu anzufangen.
Manchmal ist es richtig, neu anzufangen.

Noch einmal neu anfangen, etwas völlig anderes machen als bisher – Medien, die sich an die Generation der sog. Babyboomer wenden, scheinen voll von Menschen zu sein, die ihr Leben im Alter um die 50 oder später gänzlich umgekrempelt haben. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es diese Menschen. Da wandert der eine in die USA aus, während die andere sich beruflich neu orientiert und ein Dritter an seinem ersten Triathlon teilnimmt. Sogar in der örtlichen Tageszeitung stand an diesem Wochenende ein Bericht über einen Mann, der mit Ende 40 seinen Job als Personalverantwortlicher gekündigt hat, um einem katholischen Orden beizutreten und Priester zu werden. Jetzt fährt er mit seiner rollenden Kapelle (aka Wohnmobil) durch Deutschland und betreut Behinderte und Suchtkranke.

War alles bisher richtig?

Immer wenn ich solche Berichte höre oder lese, befällt mich eine unbestimmte Sehnsucht. Ich denke daran, was ich wohl alles verpasst habe, weil ich mein Leben so geführt habe, wie ich es habe. Habe ich alles „richtig“ gemacht? Was erwarte ich vom Rest meines Lebens? Was würde ich gerne ändern? Möchte ich noch einmal von vorn anfangen? Ist das möglich und was bedeutet von vorn überhaupt?

Die Antworten muss sich jeder Mensch selbst geben

Für mich persönlich bin ich zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen. Natürlich gibt es Dinge, die ich in meinem Leben gern gemacht hätte. So habe ich nach der Schule geschwankt, ob ich in den Journalismus gehe oder Medizin studiere, aber der Numerus clausus für Medizin und meine Abitursnote vertrugen sich nicht. Ich hätte warten müssen. Das wollte ich nicht. Zudem hatte ich Angst vorm Anatomiekurs. Also wurde ich Journalistin und schreibe seit 25 Jahren (nicht nur) über medizinische Themen. Und das macht mir immer noch Spaß. War also wohl die richtige Entscheidung. Denke ich. Ich kann ja nicht wissen, ob mir die Arbeit als Ärztin genauso viel oder sogar mehr Freude bereitet hätte. Es bringt also nichts, weiter darüber nachzudenken. Und jetzt noch ein Medizinstudium zu beginnen … ach nö (davon mal abgesehen, dass man mich vermutlich nicht mehr zulassen würde).

Falsch abgebogen? Manchmal …

So ähnlich geht es mir auch mit den anderen Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe. Ich mache mir Gedanken darüber, ob sie richtig waren, und komme zu dem Ergebnis, dass es weitgehend okay so ist, wie es ist (irgendwas ist ja immer …). Zwischendurch bin ich ein paar Mal falsch abgebogen, doch diese Entscheidungen habe ich korrigiert, manchmal, weil ich es selbst gemerkt habe, manchmal, weil andere mir mit der Lichthupe signalisierten, dass ich in die falsche Richtung fuhr.

War das jetzt schon alles?

Und trotzdem überlege ich ab und zu, ob das jetzt schon alles war. Und bin immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass ich ja was ändern kann, wenn ich möchte. Vielleicht werde ich das auch noch tun. Vielleicht schmeiße ich alles hin und wandere aus. Vielleicht gründe ich eine Sekte und schare Unmengen von Anhängern um mich. Vielleicht baue ich Wein in der Toskana an, richte einen Gnadenhof für Tiere ein, eröffne eine Strandkorbvermietung an der Weser oder fahre als Skater-Oma auf Inlinern um die Welt. Vielleicht … ja, vielleicht. Oder auch nicht.

Man nimmt sich immer mit

Während das alles bei mir bislang Gedankenspiele sind, gibt es natürlich Menschen, die nicht nur ab und zu, sondern ständig unzufrieden sind. Wer dazu gehört, sollte sich tatsächlich darüber Gedanken machen, etwas zu ändern, etwas Neues zu beginnen. Über eines sollte man sich jedoch im Klaren sein: Manche Probleme lassen sich auf diese Weise nicht lösen. Denn egal, was man macht oder wohin man geht: Man nimmt sich –  die eigenen Gedanken, die eigenen Überzeugungen, die eigenen Gefühle – immer mit.

2 KOMMENTARE

  1. Ich glaube, man muss nicht zwingend unzufrieden sein, um etwas Neues zu beginnen. Es kann ja auch pure Neugier sein. Ich versuche immer gern wieder was Neues. Seit ich vor ein paar Jahren gehört habe, dass mit dem Älterwerden die „Ersterlebnisse“ immer rarer werden, bin ich sehr gern auf der Suche nach solchen 🙂

    Jedenfalls finde ich es toll, wenn Menschen um die 50 oder 60 mit etwas ganz Neuem liebäugeln. Ich gehe sogar so weit, diesen Menschen eine glücklichere Zukunft vorauszusagen als jenen, die einerseits frustriert sind („Meine Kinder brauchen mich nicht mehr und in der Arbeit brauchen sie mich auch nicht mehr“), sich andererseits aber zu alt finden, um was Neues zu machen („In meinem Alter gehört sich das doch nicht/geht das nicht/was sollen die andern denken“). Aber natürlich gibt es auch solche, die sich dann gern zurücklehnen und es genießen, nichts mehr ändern zu müssen. Das ist dann auch schön.

    • Stimmt, da hast du recht – man muss nicht immer unzufrieden sein, um etwas Neues zu beginnen. Und Neues ist spannend, schön, aufregend. Aber sein Leben völlig auf links drehen, das macht man, glaub ich, nur, wenn man nicht weiterleben kann oder mag, wie bisher. Beispiel: Der Personalverantwortliche, der jetzt Pater ist, meinte, er hätte seinem Leben einen Sinn geben wollen.

      Was das Zurücklehnen und Genießen angeht: Ich wünsche mir, das viel öfter zu können. Bislang kam leider immer das Leben dazwischen …

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