Nach dem Mauerfall waren die meisten von uns Einrichter

Autorin und Selfpublisherin Emilia Licht über das Leben in der DDR vor und nach der Wiedervereinigung

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Emilia Licht – Autorin des Romans „Von Mauern und Flammen
Emilia Licht – Autorin des Romans „Von Mauern und Flammen", der zur Zeit des Mauerfalls und danach spielt © Emilia Licht

Emilia Licht hat zwei Identitäten: In ihrem „Brotberuf“ ist sie Gebietsverkaufsleiterin. In ihrem zweiten Leben aber schreibt sie Bücher – unter eben dem Pseudonym Emilia Licht. Ihr neuestes Buch heißt „Von Mauern und Flammen“ und ist aktueller denn je. Denn es nimmt zur Zeit des Mauerfalls seinen Anfang und lässt die Jahre danach aus Sicht zweier in der DDR aufgewachsener Menschen Revue passieren – eingebettet in eine Liebesgeschichte, bei der man bis zum Schluss nicht weiß, ob sie glücklich endet.

Emilia weiß, wovon sie schreibt. Sie ist in den Sechzigern geboren, in der DDR aufgewachsen und war vor 25 Jahren, als die Mauer fiel, 21 Jahre alt. Nach der ersten Euphorie musste sie sich – wie so viele Bürger der ehemaligen DDR – den veränderten Gegebenheiten anpassen, sich z. B. damit arrangieren, dass es den Beruf, den sie einmal gelernt hatte, irgendwann nicht mehr gab, wie sie auf ihrer Autorinnen-Website selbst schreibt. Heute lebt Emilia in Dresden und berichtet u. a. auf ihrer Website auch über ihre vielen Reisen, die sie (vermutlich) nicht hätte machen können, wäre die Berliner Mauer auf Druck der Bevölkerung nicht in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 gefallen.

Ich freue mich besonders darüber, mit ihr darüber (aber nicht nur darüber) zu sprechen. Denn ich habe den Mauerfall „von der anderen Seite“ miterlebt. Und zwar durchaus hautnah, da ich damals im Grenzgebiet wohnte. Ich bin gespannt darauf, ob und wenn ja, wie unterschiedlich wir das Ganze erlebt haben.

Liebe Emilia, wie war das für dich, als die Mauer fiel? Wie hast du das überhaupt mitbekommen? Damit du weißt, wie es für mich war: Ich saß mit geschwollenem Gesicht vor dem Fernseher, da mir kurz zuvor drei Weisheitszähne gezogen wurden, und habe geweint. Aber nicht vor Schmerzen (Schmerzmittel gab es damals ja schon), sondern vor Freude. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich Bilder von damals sehe.

Ein geschwollenes Gesicht? Das tut mir ja beim Lesen weh. Ich hoffe, Du musstest nicht allzu lange leiden. Ich hatte nur einen geschwollenen Bauch.  Tatsache. Ich war im fünften Monat schwanger, saß zu Hause allein und sah die Bilder in den Nachrichten. Ich war fassungslos. Und zutiefst beunruhigt. Mein Mann war gerade in der Spätschicht arbeiten, im Stahlwerk, dort wo ich bis zu meiner Schwangerschaft auch gearbeitet hatte. Und nun saß ich da auf dem Teppich vor dem Fernseher und schaltete wie wild durch die Kanäle.

Durch einige besondere Gegebenheiten konnten wir in meiner Heimatstadt schon seit den siebziger Jahren ganz normal und regulär Westfernsehen empfangen. Ich zappte mich also durch ARD, ZDF und das DDR-Fernsehen. Und mit einem Ohr lauschte ich nach draußen, aber auf den Straßen blieb es lange ruhig. Ich fragte mich die ganze Zeit, ob mein Mann irgendwas auf der Arbeitsstelle mitbekäme und wenn ja, wie würden er und die Kollegen reagieren? Berlin war nur eine Autostunde entfernt. Ich war in großer Sorge. Dann verspätete er sich auch noch, entgegen seiner sonstigen Art. Ich stand ewig am offenen Fenster und sah immer wieder zu der Hausecke, um die er hoffentlich jeden Moment mit dem Fahrrad biegen müsste. Und dann kam er endlich! Ich lehnte mich hinaus in die Nacht, es war schon weit nach 23 Uhr und rief ihm zu: „Die Mauer ist auf!“ Meine Worte hallten zwischen den Häuserwänden und mein Mann entdeckte mich. Er riss die Hände vom Lenkrad, lachte und rief zurück: „Ich weiß!“

Hast du dich selbst gleich davon überzeugen müssen, dass die Grenzen tatsächlich offen waren? Oder hat es noch eine Weile gedauert, bis du das erste Mal nach Westdeutschland gefahren bist? Ich jedenfalls bin ziemlich schnell nach „drüben“ gefahren, habe auch bald eine Radtour über Schwerin an die Ostsee gemacht. Und fand die Unterschiede damals schon sehr offensichtlich – alles hatte damals nach der Wende noch so einen gewissen Charme des Verfalls.

Nein, keine zehn Pferde konnten mich in den ersten Wochen, ja Monaten dazu bringen, nach „drüben“ zu fahren. Ich habe dieser Maueröffnung, diesem plötzlichen „Jetzt seid ihr frei!“ nicht eine Sekunde getraut. Wie auch?! Ich kannte den Staatsapparat der DDR nicht anders als allmächtig. Unbesiegbar. Unbeugsam. Und da sollten ein paar unbedachte Worte eines zerstreuten Schabowskis genügen, um alle Schlagbäume einfach so zu heben? Niemals! Zur Weihnachtszeit verbrachten wir ein paar Tage Urlaub im Harz. Mein Bauch war noch ein wenig mehr geschwollen, aber es ging mir gut und wir genossen die schöne Landschaft. Findige Unternehmer hatten eine Buslinie von Wernigerode und von Gernrode nach „drüben“ eingerichtet. Tagesausflüge nach Goslar oder Braunlage. Ich habe meinem Mann angeboten, dass er gern fahren könne, aber ich würde da nicht einsteigen. Ich traute dem Frieden nicht.

Tatsächlich bin ich erst im April 1990, wenige Wochen vor der Geburt meines Sohnes in Berlin über den Checkpoint Charly gegangen. Zu Fuß, meinen nun riesigen Bauch noch weiter rausgestreckt, damit ihn auch ja jeder sehen konnte. Das ist kein Scherz. Ich dachte, wenn sie mich dann später verhaften würden, wären sie vielleicht gnädig.  Mein Mann hat uns dann irgendwie mit der S-Bahn nach Steglitz gebracht und ich habe in einer winzigen Poststelle für Aufsehen gesorgt, als ich mein Begrüßungsgeld abholen wollte. „Da sindse abba janz schön spät, wa?“

Wie hast du damals gelebt? Auf deiner Website schreibst du, du hättest bereits Kinder gehabt und eine Ausbildung hattest du auch schon abgeschlossen.

Kinder nicht, wie oben angedeutet, war ich mit meinem Sohn schwanger. Er blieb ein Einzelkind. Aber eine Ausbildung hatte ich natürlich schon gemacht. Ich war ja bereits 21 und in der DDR war das das normale Alter, in dem man eine Familie gründete. Nach der Schule eine Berufsausbildung, die im Normalfall zwei Jahre dauerte. Dann war man achtzehn und damit nicht nur volljährig, sondern auch wirtschaftlich selbstständig. Und kaum ein Jugendlicher blieb zu Hause bei den Eltern. Es sei denn, man studierte, dann dauerte es meistens etwas länger, aber auch nicht viel. Auch Studentinnen mit Kind waren ganz normal. Über die viel gerühmte Kinderbetreuung zu DDR-Zeiten ist ja genügend gesagt worden.

Wie habe ich sonst gelebt? Ich hatte nach der zehnten Klasse einen technischen Beruf gelernt, da mir der Weg aufs Gymnasium verwehrt war. Das hieß ja nicht so, sondern erweiterte Oberschule. Meine Eltern waren Lehrer, und da bereits mein großer Bruder zur Oberschule ging, war klar, dass ich kein Abitur machen würde. Die Mehrzahl der Plätze an der Oberschule waren Kindern von Arbeitern vorbehalten und solchen Jungs, die sich freiwillig für mehrere Jahre dem Armeedienst verpflichtet hatten. Ich fand das nicht schlimm, das mit dem verpassten Abitur, denn mein Verhältnis zu Schulen war nie sonderlich gut. Meine Leistungen waren okay, aber ich war nicht so ehrgeizig.

Nach der Berufsausbildung wurde ich von meinem Betrieb selbstverständlich übernommen, dann arbeitete ich, lernte meinen Mann kennen, wir heirateten, gut.

Okay, dann habe ich das mit den Kindern missverstanden. Aber weiter im Text: Inwieweit hat der Mauerfall dein Leben denn zunächst verändert? Und wie hast du diese Veränderungen wahrgenommen – eher positiv oder negativ? 

Der Mauerfall hat alles verändert. Mein vorgezeichneter Lebensweg löste sich irgendwann zwischen der Geburt meines Sohnes und der Wiedervereinigung im Oktober 1990 in Luft auf. Als ich nach einem Jahr Babypause an meinen alten Arbeitsplatz zurückkehren wollte, sagte man mir lapidar, dass ich keinen Platz mehr hätte. Schließlich sei ich doch verheiratet und verheiratete Frauen gehen im Kapitalismus nicht arbeiten. Auch das ist kein Scherz, sondern der Originalton der damaligen Personalabteilung.

Ich mache den Damen von damals bis heute keinen Vorwurf. Denn erstens haben wir das ja alle geglaubt, Werbung für Kaffee und Waschmittel kann doch nicht lügen. Und zweitens war ich dadurch gezwungen, meinen eigenen Kopf zu gebrauchen. Mich auf die Suche nach meinen Wünschen und Träumen, Talenten und Fähigkeiten zu begeben. Ich habe diese sehr realen Veränderungen durchweg positiv gesehen. Ich war immer guter Dinge, dass sich alles zum Besseren entwickeln würde. Ich habe damals noch geglaubt, dass uns nun nach dem Wegfall der Mauern tatsächlich überhaupt keine und nie wieder irgendwelche Grenzen gesetzt werden. Nun ja. Ich war immer noch sehr jung und immer noch sehr ahnungslos.

Ich würde mich freuen, wenn du ein bisschen aus der Zeit vor dem Mauerfall erzählst. Wie bist du/seid ihr aufgewachsen? Welche Unterschiede sind für dich im Nachhinein besonders auffällig?

Okay, eine Beichte habe ich ja schon abgelegt. Ich bin Lehrerkind. Aber nicht nur das. Ich bin auch Lehrer-Schwester, Lehrer-Enkelin, Lehrer-Tante. Kurzum, ich stamme aus einer Lehrer-Dynastie. Ich bin zwischen Büchern über Didaktik, Vorbereitungsarbeiten, Elternsprechstunden und Stundenplankonferenzen aufgewachsen. Zu meiner Zeit hatten wir ja auch noch sonnabends Schule. Das bedeutete, wenn ich in der Schule war, waren es meine Eltern auch. War ich zu Hause, waren es meine Eltern auch. Ebenso in den Ferien. Kam es daher, dass mein großer Bruder und ich schon sehr zeitig eigene Wege gegangen sind? Vielleicht. Jedenfalls hatten wir nach dem Unterricht (ganztags natürlich) immer irgendwas zu tun. Sportverein, Chor, sonstige Veranstaltungen. War wirklich mal nichts geplant, schwangen wir uns auf die Fahrräder und fuhren an den Rand unserer kleinen Stadt, in einen Kiefernwald. Dort bauten wir mit Freunden Leitern, um besser auf die Bäume klettern zu können. Oder aufwendige, unterirdische Höhlen, die wir mit allem Komfort ausstatteten. Das hat oft Monate gedauert und wenn so eine Höhle fertig war, saßen wir drin und schauten raus. Das wurde irgendwann langweilig, also bauten wir eine neue Höhle an einer schöneren Stelle.

Unsere Ferien verbrachten wir oft an der Ostsee. Lehrer in der DDR sind mit ihren Klassen im Sommer gern für zwei Wochen (!) auf Klassenfahrt gegangen. Nach Stralsund oder Rostock. Geschlafen wurde in einer Schule, auf Luftmatratzen, die Toiletten wurden zu Waschräumen, der Schulhof zum Fußballfeld. Aber die meiste Zeit waren wir sowieso am Strand. Und wir Lehrerkinder immer mitten drin. Ich begleitete abwechselnd meinen Vater oder meine Mutter auf solche Klassenfahrten. Mein Vater unterrichtete die großen Schüler, ab 14 Jahre aufwärts. Da war ich dann das Nesthäkchen und wurde von allen verwöhnt. Meine Mutter unterrichtete die Kleinen, ab 6 Jahre. Da war ich dann die Ältere und so eine Art Betreuer-Helferin. Manchmal gab es dafür auch ein Taschengeld.

Die nachhaltigsten Unterschiede, die ich vor allem bei Kindern der heutigen Generationen sehe, ist die Frage nach der Herkunft. In meiner Erinnerung haben wir Kinder uns nie über die Berufe der Eltern meiner Freunde unterhalten. Es machte keinen Unterschied, also hatte es keinen Wert. Nicht, dass in der DDR Ärzte nicht besser gestellt waren als Maurer oder Busfahrer. Aber es war irgendwie immer klar, dass man nicht wirklich Karriere machen konnte, sondern dass man eben für bestimmte Wege vorgesehen war. Ergo kam es uns auch nicht in den Sinn, großartig über Zukunftschancen nachzudenken oder sich gar den Freundeskreis nach den jeweiligen Potentialen der anderen auszusuchen.

Diese immaterielle Grundstimmung ist es vielleicht auch, die sich mir bis heute als Unterschied auch bei den Erwachsenen zeigt. Mir fehlt bis heute ein logischer Grund, eine Immobilie zu besitzen. Ich wüsste nicht nur nichts damit anzufangen. Hinzu käme auch meine innere Abwehr gegen Ballast. Ich hätte Angst, für immer an einem Ort verweilen zu müssen. Schulden zu machen, um etwas zu besitzen, finde ich irgendwie merkwürdig. In der DDR bin ich mit dem Gefühl aufgewachsen, dass ich arbeite, um zu leben. Nicht anders herum. Der Job war nie Mittel der Identifikation oder gar der Definition eines Lebens. Man ging arbeiten, aber man ging darin nicht auf oder verloren.

 Habt ihr als Kinder und Jugendliche etwas von einer allgegenwärtigen Bespitzelung mitbekommen? Oder ist das eher so wie heute, wo man auch nicht mitkriegt, ob die NSA einen überwacht?

Ja und nein. Wann genau mir die Existenz der Stasi zum ersten Mal wirklich bewusst wurde, weiß ich nicht mehr. Sie war eben da, jeder wusste es, niemand sprach darüber. Hin und wieder wurde über Nachbarn gemunkelt, ob sie nun „bei Mielkes Truppe“ waren oder nicht, aber das hat uns Kinder nicht bewegt. Ich denke, dazu kann die Generation meiner Eltern mehr sagen. Ich persönlich hatte nur einmal mit der Stasi zu tun bzw. mit einer Überprüfung. Ich habe im zarten Alter von fünfzehn Jahren mit dem Segelfliegen begonnen und vor dem ersten Alleinflug musste natürlich die „Unbedenklichkeit“ von offizieller Stelle eingeholt werden. So hieß das damals. Und bedeutete nichts anderes, als dass verwandtschaftliche Beziehungen, so es sie denn gab, in den Westen überprüft wurden. Ich hatte zwei Cousinen im Westen, aber keinen Kontakt mehr. Diese Feststellung hätte ich den Herren in Grau selbst sagen können, so hätten sie sich ein dreiviertel Jahr Schnüffelei erspart. Nur haben sie mich eben nicht gefragt.

Ansonsten war es eher so ein Gefühl. So, wie man heute bei jeder Bezahlung mit der ec-Karte weiß, dass damit Daten auf eine unbekannte Reise geschickt werden, so wussten wir eben damals, dass wir nie wirklich unbeobachtet waren. Und so wie heute haben wir auch damals einfach versucht, das Beste daraus zu machen. Oder es eben zu ignorieren. Heutzutage hat man ja auch nicht wirklich eine Wahl.

Beschäftigt dich das Thema „Mauerfall und die Zeit danach“ sehr? Hast du es vielleicht deshalb in deinem Buch „Von Mauern und Flammen“ aufgegriffen?

Nein, der Mauerfall an sich beschäftigt mich nicht mehr. Ich bin sehr dankbar für diese Entwicklung und vor allem bin ich dankbar, dass es so viele mutige Menschen gegeben hat, die sich eben nicht arrangiert haben. Sondern die sich daran gestört haben, dass wir im Unterricht zwar die englische und französische Sprache lernen durften, aber von Staats wegen niemals Big Ben oder den Eiffelturm sehen sollten. Und ich bin natürlich dankbar, dass mein Sohn bereits nach dem Mauerfall geboren wurde. Er hatte und hat dadurch so viele Möglichkeiten.

Erzähl doch ein bisschen über dein Buch. Fiel es dir schwer, dich mit der Thematik Mauerfall auseinanderzusetzen, auch wenn dein Buch vorrangig ja eine Liebesgeschichte ist?

Es fiel mir nicht schwer, im Gegenteil, es war eine wunderbare Zeitreise. Und ich sehe es auch nicht vorrangig als Liebesgeschichte. Eher als eine Liebesgeschichte in Zeiten des Mauerfalls. Denn das ist für mich persönlich die bedeutendste Erinnerung an diese Zeit. Dass jedes individuelle Leben, jede Liebe, jede Beziehung irgendwie weiter ging. Die Menschen verliebten und entliebten sich trotzdem. Ich erinnere mich sehr klar an ein paar Momente, manchmal Stunden, öfter nur Minuten, in denen ich innehielt. Dann rieselte dieses Gefühl für die Außenwelt in meine eigene, private Welt. Dann nahm ich wahr, dass um uns herum und mit uns in diesen Wochen und Monaten echte Weltgeschichte geschrieben wurde. Ein Umbruch, der nicht nur in seiner Durchführung, sondern auch in seinen Konsequenzen so unabsehbar war, dass wir doch eigentlich alle die Luft hätten anhalten müssen. Haben wir aber nicht getan. Wir haben einfach weitergelebt. Die meisten von uns waren in dieser Zeit hauptberuflich Einrichter. Es galt, sich schnellstens und so verlustarm wie möglich in der neuen Zeit und mit den neuen Herren an der Macht einzurichten.

Dieses Nebeneinander von Weltgeschichte und ganz profanen Dingen wie der großen Liebe wollte ich zeigen. Wie anpassungsfähig der Mensch sein kann. Und natürlich wollte ich auch die Kraft der Emotionen zeigen. Für mich sind Emotionen die eigentlichen Steuermänner dieser Welt. Wenn die vielen tausend Demonstranten in Leipzig nicht das unauslöschliche Gefühl der Ungerechtigkeit und der Wut in sich verspürt hätten, wäre das alles dann möglich gewesen? Und war es nicht letztlich die Feigheit der SED-Riege, die zuerst zu diesem Machtmissbrauch und dann, 1989, zu dieser kampflosen Kapitulation geführt hat? Mut gegen Feigheit. In meinem Buch stehen Radolf und Katja auch für diese gegensetzlichen Empfindungen. Radolf scheint immer der Mutigere zu sein, was seine berufliche Karriere betrifft. Er begreift die Wende als große Chance. Doch er bleibt feige, was seine Gefühle für Katja angeht. Und Katja? Sie scheint zunächst diejenige zu sein, die sich in eine trügerische Sicherheit flüchtet, die sich nicht aus ihrer Höhle wagt. Doch dann ist sie es, die im Moment der größten wirtschaftlichen Unsicherheit alles auf eine Karte setzt. Und sich mutig ihren Träumen stellt.

Du schreibst ja, dass du leidenschaftlich gern reist. Welche Traumziele hast du bereits besucht und was möchtest du unbedingt noch sehen?

Oh, ja, ich verreise wirklich gern. Ich bin so wahnsinnig neugierig. Dabei ist es fast egal, wo ich bin. Ich genieße ein paar sonnige Herbsttage auf der Insel Rügen genauso, wie ich die Inseln in der Karibik genossen habe oder den rauen Nordatlantik, als wir im Juni zum Nordkap gefahren sind. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich in New York an der Wall Street stehe, und mich überfällt schiere Freude, wenn ich den Sonnenuntergang am Bodensee betrachten kann.

Was möchte ich unbedingt noch sehen? Die Liste ist unendlich und eng verknüpft mit meinem Konto.  Sehr weit oben stehen Irland, Schottland, die Provence. Also vorrangig Landschaften. Ich bin ein Augen-Mensch.

Auch übers Reisen hast du ein Buch geschrieben bzw. darüber, wie man Reiseberichte so schreibt, dass andere sie gerne lesen (Gute Reise! Schöner Bericht). Wie kamst du auf die Idee?

Auf diese Idee haben mich meine Leser gebracht. Ich habe die Reiseberichte ja schon lange auf meiner Website veröffentlicht. Und bin oft gefragt worden, wie man denn als Laie so einen Reisebericht hinbekommt. Dann häuften sich irgendwann die Fragen dazu, also habe ich es in dem kleinen Ratgeber erklärt.

Du bist Hybridautorin, d. h., du hast sowohl für Verlage geschrieben als auch deine Bücher selbst veröffentlicht. Nach dem direkten Vergleich: Was ist für dich persönlich besser bzw. was müsste dir ein Verlag bieten, damit du dort veröffentlichst?

Ein Verlag sollte mir eine Partnerschaft auf Augenhöhe bieten und ein zukunftsgerichtetes Konzept. Wer weiterhin stur darauf beharrt, E-Books für 12,99 € anzubieten, hat meiner Ansicht nach die Zeichen der Zeit nicht verstanden.

Was gefällt dir besonders am Selfpublishing und was findest du eher lästig?

Mir gefällt am meisten, dass ich mein Tempo selbst bestimmen kann. Keine Abgabetermine, keine Wartezeiten auf Lektorat und/oder Programmplätze. Außerdem finde ich die Möglichkeit, zeitnah maßgeschneiderte Werbung zu machen, sehr schön. Ich kann direkt reagieren, wenn ich von Lesern Feedback bekomme.

Lästig finde ich, dass viele Hobbyautoren meinen, sie müssten unbedingt ihr erstes Werk veröffentlichen. Ohne Rücksicht auf Leser, ohne Sinn für Qualität, und vor allem ohne den Hauch einer Ahnung, dass Schreiben in erster Linie ein Handwerk ist. Sicher gibt es Überraschungserfolge, und die sind dann auch mit Recht erfolgreich. Die sind aber leider in der Minderheit.

Wie bringst du deinen Brotberuf und das Schreiben unter einen Hut?

Indem ich es einerseits strikt voneinander trenne. Mich aber andererseits auch von den Menschen und vielfältigen Erlebnissen inspirieren lasse. Der Rest ist dann eine Frage der Eigenorganisation. Da ich aber keine große Familie und keinen Garten zu versorgen habe, bleibt genügend Zeit. Natürlich schreibe ich nicht so viel wie ein Berufsautor, aber ich habe mindestens genauso viel Spaß daran.

Gibt es schon ein nächstes Projekt, an dem du arbeitest? Verrätst du uns da was drüber?

Natürlich arbeite ich an meinem nächsten Roman. Ich verrate so viel, dass es sich um eine Familiengeschichte handelt, die ihren Anfang im Dresden der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts nimmt. Ein kleines Mädchen wächst dort behütet und geliebt auf, erlebt dann Krieg und Bombardierung, den Arbeiteraufstand in den Fünfzigern, Flucht, usw … Viel mehr möchte ich allerdings nicht sagen. Vielleicht noch das Thema. Es wird in meinem neuen Buch darum gehen, wie man ein selbstbestimmtes Leben führt, wenn alle äußeren und manche inneren Umstände eigentlich dagegen sprechen.

Und zuletzt: Du lebst nach wie vor in Ostdeutschland, im wunderschönen Dresden. Hast du dir jemals überlegt, nach Westdeutschland zu ziehen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?

Diese Frage gefällt mir. Obwohl ich natürlich diplomatisch antworten könnte, lege ich mich einfach fest: Dresden ist in meinen Augen die schönste Stadt Deutschlands. Ich kann das sagen, denn ich habe in etlichen Städten gearbeitet, bin oft umgezogen. Hamburg, Köln, München. Sie haben sicher alle ihren Reiz, aber keine so wie Dresden. Und außerdem habe ich hier meine große Liebe gefunden. Mein Mann ist gebürtiger Dresdner, er würde nie woanders leben wollen. Wir haben hier alles, was uns gefällt, was wir brauchen, was wir genießen. Auch mein Sohn, der meine große Reiseleidenschaft geerbt hat, lebt gern in Dresden. Wir sind hier glücklich.

Vielen Dank, liebe Emilia, für dieses interessante Gespräch. 

2 KOMMENTARE

  1. Mir fehlt bis heute ein logischer Grund, eine Immobilie zu besitzen. Ich wüsste nicht nur nichts damit anzufangen. Hinzu käme auch meine innere Abwehr gegen Ballast. Ich hätte Angst, für immer an einem Ort verweilen zu müssen.
    eins der vielen Zitate, die ich hier anführen wollen würde 🙂
    Danke, Emilia, und danke Simone, für dieses wunderbare Interview. Ich hab mich, als 68er Jahrgang, total wiedererkannt. Ja, wir waren alle Einrichter… und ja… wir haben einfach weiter gemacht. Eine irre Zeit, die Wendejahre…
    ich freu mich sehr auf das nächste Buch, Emilia.
    Liebe Grüße
    Claudia

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