Mut hat viele Gesichter

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Ein Anagramm. Eines der vielen Gesichter des Muts.
Ein Anagramm. Eines der vielen Gesichter des Muts.

Die Gesellschaft braucht mehr Mut, die Politik braucht mehr Mut, die ganze Welt braucht mehr Mut. So oder so ähnlich schallt es uns tagtäglich von vielen Seiten entgegen, denn Mut ist ein großes Thema. In den konventionellen Medien, in persönlichen Gesprächen, im Internet. Doch was ist Mut eigentlich? Eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage wird es vermutlich nicht geben. Denn Mut ist für jeden etwas anderes. Was der eine mutig findet, ist für die andere Pipifax.

Ist Mut altersabhängig?

Auch zwischen den verschiedenen Altersgruppen gibt es wahrscheinlich keinen Konsens darüber, was Mut ist. Während wir, die wir jetzt Mitte 40 bis Mitte 50 sind, es in unserer Jugend womöglich noch mutig fanden, kurz vor der nächsten Kurve den Schleicher vor uns zu überholen oder ein Kleidungsstück anzuziehen, mit dem wir auffielen, heißt Mut für viele von uns heute längst nicht mehr (nur), etwas Gefährliches oder Verrücktes zu unternehmen. Ganz im Gegenteil: Auffällige Kleidung ist nicht mehr gewagt, sondern peinlich. Und viele von uns finden gefährliche Überholmanöver nicht mehr mutig, sondern waghalsig. Nicht zuletzt, weil ein großer Teil von uns schmerzlich lernen musste, dass nur die Jugend mit Unsterblichkeit gesegnet ist. Die Nackenschläge sind in unserem Alter härter geworden und die Einschläge nähergekommen.

Trotzdem sind die Wenigsten von uns ent-mutigt. Unser Mut ist nur ein wenig leiser geworden. Doch manchmal sind wir vielleicht sogar mutig, ohne es zu wissen. Denn Mut hat viele Gesichter. Mut heißt, wie ich finde. nämlich nicht nur, sich seinen Ängsten zu stellen. Das ist nur eine Facette des Muts. Es gibt jedoch noch viele weitere.

Was ist Mut?

Mut kann auch Zivilcourage sein. Zivilcourage heißt für mich, der eigenen Überzeugung nach zu handeln, die eigene Meinung zu vertreten oder anderen Menschen in schwierigen Situationen zu helfen oder beizustehen. Und das auch dann zu tun, wenn andere wegsehen oder eine völlig andere Ansicht haben. Zivilcourage muss dabei nicht zwangsläufig damit einhergehen, dass man die eigenen Ängste überwindet. Sie kann sich auch darin äußern, dass man eben nicht wie ein Lemming den anderen hinterherrennt.

Mut kann zudem heißen, zu seinen Schwächen zu stehen oder Fehler einzugestehen. Auf die Gefahr hin, sich damit vor anderen bloßzustellen.

Mutig ist auch, wer eingefahrene Wege verlässt und etwas Neues ausprobiert. Denn Neues ist häufig bedrohlich. In diesem Fall stellt man sich übrigens ebenfalls nicht zwingend den eigenen Ängsten, sondern der Gefahr des Neuen.

Dann gibt es natürlich auch noch den Mut der Verzweiflung. In einer scheinbar ausweglosen Situation macht man etwas, das man sonst nie tun würde, weil es die einzige Möglichkeit ist, der Situation zu entkommen oder sie zu verbessern. Zum Beispiel so etwas wie der US-Amerikaner Aron Ralston. Ralston brach seinen eigenen Arm und amputierte ihn anschließend mit einem Messer, weil dieser in einer Felsspalte so eingeklemmt war, dass Ralston sich nicht befreien konnte. Ralston wäre gestorben, hätte er sich nicht zu diesem Schritt durchgerungen.

Und es gibt kalkulierten Mut (manche sprechen vielleicht eher von kalkuliertem Risiko). Das ist der Mut, sich auf eine Situation einzulassen, die im Normalfall gefährlich ist. Im Vorfeld versucht man aber, die mit der Situation verbundenen Risiken zu minimieren. Kalkulierten Mut findet man z. B. im Motorsport. Die Rennfahrer trainieren nicht nur tagtäglich, auch ihre Teams versuchen, die Fahrzeuge so sicher wie möglich zu machen.

Warum sind Menschen mutig?

Mut hat nicht nur viele Gesichter, es gibt auch unterschiedliche Beweggründe dafür, mutig zu sein. So sind manche Menschen nur deshalb mutig, weil sie anderen etwas beweisen wollen. Das kann die Mutprobe unter Halbwüchsigen sein, aber auch eine Aktion, mit der jemand einem Menschen, der für ihn oder sie wichtig ist, zeigen will, was er/sie drauf hat. Die Belohnung für den eigenen Mut ist dabei in aller Regel die Bestätigung der anderen.

Viele Menschen sind jedoch auch deshalb mutig, weil sie sich selbst etwas beweisen möchten. Ihre wichtigste Belohnung kommt daher nicht von außen, sondern von innen. Es ist der Stolz, etwas geschafft zu haben.

Es gibt jedoch auch Situationen, in denen man keine andere Wahl hat, als Mut zu beweisen. Zum Beispiel, weil die eigene Gesundheit in Gefahr wäre, würde man nicht handeln. Und manchmal tun Menschen einfach nur so etwas Mutiges. Weil sie nicht anders können. Oder es auch gar nicht besonders mutig finden, was sie tun, sondern ganz selbstverständlich.

Mut hat jedoch immer etwas mit Handlungen, mit Taten zu tun. Die man tut oder aber unterlässt. Denn Mut kann durchaus auch darin liegen, etwas zu lassen. Sich beispielsweise nicht an einer dummen Mutprobe zu beteiligen, auf die Gefahr hin, von den anderen Beteiligten ausgegrenzt zu werden.

Was für den einen mutig ist, ist es für den anderen lange nicht

Mutig zu sein bedeutet ebenfalls für jeden etwas anderes. Der eine muss all seinen Mut zusammennehmen, um jeden Morgen aufzustehen, weil das Aufstehen Schmerzen bereitet. Für den anderen fängt Mut erst dort an, wo jemand aus einer Höhe von 39 Kilometern auf die Erde springt.

Es gibt Gefahrensucher, Adrenalinjunkies, die brauchen den Kick der Grenzerfahrung, um sich lebendig zu fühlen. Sind sie deshalb mutig? Dann wiederum gibt es Menschen, die unter Gefährdung ihrer Gesundheit oder ihres Lebens andere Menschen verstecken oder auf andere Weise schützen, sich selbst jedoch nicht als mutig empfinden. Weil das ja jeder machen würde. Aus Mitleid und aus Menschlichkeit.

Mut liegt also auch immer im Auge des Betrachters.

Sich selbst Mut machen

Jede(r) von uns kommt manchmal in Situationen, in denen wir mutig sein, unsere Angst oder unseren inneren Widerstand überwinden sollten oder vielleicht sogar müssen. Angst an sich ist eigentlich nichts Schlimmes, sie ist ein nützliches Überlebenswerkzeug. Wer Angst hat, dessen Organismus schüttet Hormone aus, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen, ihn leistungsfähiger, aber auch aufmerksamer machen. Manche Menschen sind wacher und leistungsbereiter, wenn sie unter dem Einfluss dieser Hormone stehen, die auch als Stresshormone bekannt sind. Sie brauchen also so eine Art Lampenfieber, um richtig aufzudrehen. Angst kann aber, wenn sie übermächtig wird, auch lähmen. Doch man kann etwas gegen sie unternehmen. Man kann selbst etwas dafür tun, neuen Mut zu schöpfen. Nämlich, indem man versucht, die angstauslösenden Hormone abzubauen bzw. deren Ausschüttung zu verhindern. Das macht zugleich entspannter und mutiger.

Meine drei Tipps für mehr Mut in Alltagssituationen sind deshalb:

  1. Eine raumgreifende Körperhaltung einnehmen: Wer seine Arme ausbreitet, aufrecht steht oder sitzt, die Beine breit genug auseinander stellt, um einen festen Stand zu haben, und vielleicht noch den Kopf anhebt, macht sich größer und breiter, als er oder sie ist. Eine solche Körperhaltung signalisiert Selbstbewusstsein, Mut. Und tatsächlich gehen Wissenschaftler davon aus, dass allein das Einnehmen einer solchen Haltung Menschen etwas mutiger und selbstbewusster werden lässt. Nicht zuletzt vermutlich, weil man in einer solchen Haltung besser und befreiter ein- und ausatmen kann als in einer geduckten oder zusammengekrümmten Position.
  2. Durchatmen: Wenn man mehrfach tief ein- und wieder ausatmet, dabei vielleicht sogar kurz die Augen schließt, verfliegt oft ein Teil der Furcht.
  3. Die Angst einfach weglachen.

Es gibt aber natürlich auch immer wieder Situationen, in denen wir selbst gar nicht mutig sein müssen, es auch gar nicht sein können. In diesen Momenten müssen andere für uns mit mutig sein, müssen uns stützen, helfen und ein Stück von dem Mut abgeben, den sie selbst besitzen. In jedem Alter.

Dieser Artikel geht übrigens zurück auf die #Mutmachparade, die Johannes Korten in seinem Blog Jazzlounge ausgerufen hat. Vielen Dank für die wunderbare Anregung, intensiver über Mut nachzudenken.

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