Musik nur, wenn sie alt ist?

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Variabler Musikgeschmack: Vinylplatten: Kate Bush, Meat Loaf, Lords of the New Church
Kate Bush, Meat Loaf oder Lords of the New Church: Welcher Musikgeschmack darf's denn sein?

„Geboren in den Sechzigern“ hat ein Ostergeschenk erhalten, und ich freue mich, es mit allen teilen zu dürfen. Und hier ist es: ein Beitrag von Katja Heimann-Kiefer und Frank Kiefer. Viel Spaß!

Heute in, sagen wir, 40 Jahren. Liebevoll hält Frank seine Krücke in den Armen, die linke Hand greift Akkorde in den nicht vorhandenen Saiten, die rechte schlägt einzelne Saiten zu einer zarten Melodie an. Plötzlich streckt er die Krücke nach vorne und knallt sie rhythmisch gegen das Tischbein: Donk! Donk! Donk! Donk! Donk! Augenrollend streckt eine Pflegerin den Kopf zur Tür hinein: „Herr Kiefer, nicht schon wieder ans Tischbein, das wissen Sie doch …“ Aber inzwischen ist schon wieder die Luftgitarre im Einsatz, denn nach der langsamen Eröffnung nimmt „Paint it black“ rasch an Fahrt auf. Frank krächzt: „I see a red door and I want it painted bla-hack …“ Katja sitzt daneben im Sessel und wippt so heftig mit dem Kopf, wie es ihre in jahrzehntelanger Bildschirmarbeit geschundenen Nackenwirbel zulassen.

So könnte es sein. Wir haben uns gefragt, wie der Musikgeschmack unserer Generation das Altern verändert. Wir stellen uns Altenheime vor, in denen die Stones, Bruce Springsteen, Herbert Grönemeyer oder The Police aus den Zimmern dröhnen. Wo sich alte Herrschaften am Samstagabend im Fernsehzimmer streiten, ob die Volksmusik-Show mit der Abschiedssendung des schon peinlich tatterigen Florian Silbereisen oder die Wiederholung des Rockpalast-Konzerts mit Bryan Adams im Dritten angeschaltet wird. Wo der Notarzt anrücken muss, weil Herr Schmidt von Zimmer 217 schon wieder den Moonwalk versucht hat, was sein Ischias zuverlässig mit mörderischen Schmerzen quittiert.

Forever young?

Schmunzeln müssen wir darüber vermutlich vor allem, weil diese Bilder so gar nicht unseren Vorstellungen von alten Menschen und ihrer Musik entspricht. Wie schnell denkt man an Volksmusik und bleibt dort gedanklich auch schon wieder stehen. Dabei ist doch schon der Musikgeschmack unserer Eltern alles andere als homogen – es ist ja nicht so, dass alle Menschen über 60 grundsätzlich mit volkstümlicher Musik zu beglücken wären: Jazz und Blues, Rock’n’Roll, Caterina Valente, Beatles … Sicher leben heute auch schon die ersten Stones-Fans im Altersheim. Und wenn wir erst einmal im Pflegeheimalter sind, werden sich die Unterschiede im Musikgeschmack bestimmt noch weiter auffächern.

Verdamp lang her

Welche Musik haben wir in den 1960er Jahren Geborenen eigentlich in unserer Jugend gehört? Wir müssen nicht lange überlegen, um zu erkennen, dass die Bandbreite riesengroß und diese Frage nicht mit einem Wort zu beantworten ist. Eurythmics oder AC/DC? Michael Jackson oder Reinhard Mey? Trio oder Queen? Dead Kennedys oder Nik Kershaw? Pink Floyd oder Abba? Und daneben gab es natürlich auch Schlager und Klassik.

Für Viele, längst nicht Alle, war der Musikgeschmack sicherlich identitätsstiftend, eine Möglichkeit, sich von anderen abzugrenzen – oder dazuzugehören, angesagt zu sein. Wer Anne Clark hörte, hatte im Plattenschrank sicher nicht Modern Talking daneben stehen. Wer zu Chris de Burgh schmachtete, war nicht unbedingt der lederbejackte Motörhead-Fan. Oder doch? Nicht wenige von uns hatten schließlich auch ihre Phasen – mal Heavy Metal, mal Disco, mal Liebesschnulzen – und was man heute cool fand, ließ einen ein paar Tage später schon wieder mit den Augen rollen.

Life is live

Aber sind wir nur die Musik unserer Jugend? Was ist mit heute? Hören wir jetzt andere Musik als früher? Na klar, denn schließlich bleibt die Musik nicht stehen und wir tun es auch nicht. Seit unserer Jugend haben wir viele Künstler neu kennen gelernt, deren Musik uns bereichert und die Vielfalt im CD-Regal vergrößert. Natürlich begegnen uns immer wieder Musikstücke, die von heutigen Jugendlichen bejubelt werden, die wir allerdings als unerträgliches Gejaule empfinden. Vielleicht mögen wir nur die neuen Künstler, deren Musik in Grundzügen wie das klingt, was wir in jungen Jahren mochten? Und was wird uns in 40 Jahren begeistern? Werden wir unserem Geschmack treu bleiben? Aber was auch immer in den nächsten Jahrzehnten musikalisch noch auf uns zukommt: Wir hoffen, dass wir uns diese Vitalität und die Freude an der Musik erhalten. Und vielleicht rocken wir dann trotz Rollator oder Krücken noch so wie heute.

Über die Autoren 

Katja (Jahrgang 1967) stammt aus Nord-, Frank (Jahrgang 1966) aus Süddeutschland. Kennen lernten sie sich in der Mitte, nämlich beim Übersetzerstudium in Hildesheim. Nach dem Studium gingen sie für einige Jahre nach Irland, leben inzwischen aber schon längst wieder in Deutschland – natürlich in Hildesheim. Während Katja weiterhin als Übersetzerin arbeitet, hat Frank noch ein Lehramtsstudium draufgesattelt und bringt jetzt Realschülern Englisch, Mathe und Französisch bei. Beide mögen Rock- und Folkmusik und sind somit auch musikalisch kompatibel, wenn auch Katjas Liebe zu Bruce Springsteen und Franks Liebe zu den Ärzten beim jeweiligen Partner nicht immer auf die gleiche Begeisterung stößt.

5 KOMMENTARE

  1. Sehr schön geschrieben. Another Brick in The Wall, das war zur Abi-Feier. Wenn in meinem Heim Florian S. gespielt wird dann werfe ich meinen Rollator Richtung CD-Player.

    • Respekt, wenn du dann noch mit deinem Rollator *werfen* kannst!

      Ich erinnere mich auch noch mit Wonne an das „Live Aid“-Konzert. Ich finde es noch heute toll von meinen Eltern (jetzt als Mutter kann ich das um so mehr würdigen!), dass ich den Fernseher über Nacht in mein Zimmer nehmen durfte. Ich habe mir den Wecker gestellt auf die Auftritte, an denen ich besonders interessiert war, und das ganze Wochenende Tag und Nacht fast nur im Konzertrhythmus gelebt. So toll! Und: Erinnert sich noch jemand an die tollen Auftritte von Tracy Chapman, die die Show mehrmals gerettet hat, als andere Acts ausfielen? Großartig…

  2. Hahahahaha…
    Herrlich, hier fallen all die Namen der Bands (und Künstler), die ich so gerne höre und deren Erwähnung große Fragezeichen über den Köpfen der heutigen Jugend hervorrufen – bis man ein Lied diese Künstler spielt.
    Denn dann fällt der heutigen Jugend plötzlich auf, dass viele der heutigen Lieder von „unseren“ Musikhelden gecovert wurden. 😀

    Natürlich findet sich meiner iTunes-Bibliothek auch der ein- oder andere Track aktueller Künstler, hören tue ich allerdings meistens Lieder von Pink Floyd, Genesis, Supertramp…

    Ich kann mit der heutigen Wegwerfmusik nicht viel anfangen. Einzig Robbie Williams hat sich in mein Herz gespielt. DEN finde ich echt gut. Na ja, auch er hat ja mittlerweile graue Haare… 😀

    • Ach ja, Genesis. Das wunderbare Album „The lamb lies down on broadway“ … Robbie mag ich auch sehr (nicht nur, weil ich ’ne Frau bin – der ist einfach ein guter Entertainer).

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