Her mit der Langeweile!

0
Eines der wunderbaren Produkte meine kindlichen Langeweile
Eines der wunderbaren Produkte meiner kindlichen Langeweile

Als Kind war mir oft langweilig. Sterbensöde waren die Besuche bei Verwandten, bei denen die Erwachsenen nichts anderes taten, als zu essen, zu trinken und sich über Themen wie die Anschaffungskosten eines neuen Jägerzauns für den Vorgarten zu unterhalten. Genauso die Regentage, an denen kein Freund Zeit hatte und sich die Zeiger der Uhr so langsam bewegten, als wollten sie beim Marathon der Lahmschnecken den letzten Platz belegen. (Für alle Jüngeren, die das hier versehentlich lesen: Computer oder Smartphones gab es noch nicht, Youtube auch nicht und die damalige „Barbara Salesch“ war das Tele-Kolleg.)

Die Langeweile vertreiben

Da Langeweile auf Dauer langweilig war, suchte ich mir Beschäftigungen, die sie mir vertrieben. Ich sägte Apfelsinenkisten durch und baute aus den Hälften Regale, die ich rosa anpinselte und mit gelb-braunen Blüten verzierte. Ich strickte Norwegerpullis und zwei Meter lange Ringelschals. Ja, ich las neben den John-Sinclair-Heften, die meine Großtante von ihrer Arbeit in einem Zeitschriftenkiosk mitbrachte, wenn diese sich nicht verkauften, sogar die gesamten Buchreihen „Angelique“ und „Catherine“. Ich wurde also recht kreativ, um mir die Langeweile zu vertreiben (und hatte schon im August Weihnachtsgeschenke für die nächsten zwei Jahre parat). Heute hingegen wünsche ich mir, ich hätte hin und wieder mal Langeweile.

Keine Zeit für Langeweile

Von morgens bis abends bin ich heute nämlich in Aktion. Morgens scheuche ich die Kinder aus dem Bett und zur Schule, dann setze ich mich an den Schreibtisch und arbeite, ich mache das Essen, ich kaufe ein, wasche, putze, fege die Straße und mache das Nötigste im Garten, engagiere mich im Ehrenamt, plane, organisiere, tue. Und in der einzigen Zeit, die ich mit Nichtstun ( = nichts Produktives tun) verbringe, tue ich doch etwas: Ich gehe mit dem Hund spazieren, mache Sport oder lese abends im Bett noch ein paar Seiten eines Buchs. Für Langeweile ist da kein Platz. Und das ist schade.

Korken im Kopf

Denn die besten Ideen habe ich genau in den Momenten, in denen mein Kopf frei ist, in denen ich an nichts denken muss. Plötzlich sind sie da, ohne dass ich mir das Hirn zermartert hätte. Manchmal kommt mir das wie Zauberei vor. Nichts ahnend gehe ich mit dem Hund spazieren und auf einmal macht es in meinem Kopf plopp. Als ob ein Korken aus der Flasche gezogen würde. Oft habe ich das Gefühl, dass mein Gehirn diesen Moment braucht, in dem es zur Ruhe kommt, um richtig produktiv zu sein. Diesen Moment, in dem ich ein Bein vors andere setze, mich über den Geruch von Blumen oder Schnee freue oder mir den Wind um die Nase wehen lasse und dicke Regentropfen auf meinem Kopf zerplatzen. Dann ist mir zwar nicht – wie früher – langweilig, aber der Prozess ist ähnlich: Mein Kopf kann kreativ werden, Probleme lösen, ohne den Druck von außen zu haben.

Mehr, mehr!

Manchmal wünsche ich mir mehr von diesen „langweiligen“ Momenten. Ich würde sie nutzen, um mich in einen bequemen Sessel oder ins Gras zu setzen oder aufs Bett oder Sofa zu legen und vor mich hin zu starren. Nur langweilig würde mir unter Garantie nicht mehr, denn dafür ist der Film, der in meinem Kopf mittlerweile abläuft, viel zu spannend. Da sind so viele Geschichten, die noch nicht erzählt sind. Vielleicht ist das ja der Sinn der Langeweile in Kindheit und Jugend: Dass sie uns darauf vorbereitet, spätestens im Erwachsenenalter Ideen zu produzieren und unsere eigenen Geschichten zu erfinden. Denn eigentlich ist der Begriff Langeweile ja genauso paradox wie ein weißer Schimmel: Eine Weile ist kurz, nicht lang. Sie kann uns jedoch auch heute noch lang erscheinen, wenn wir mal wieder Erzählungen von Jägerzäunen lauschen müssen. Übrigens: Auch in einer solchen Situation hat es durchaus Vorteile, in die eigene Fantasiewelt abzutauchen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here