Miesmacher, Angstmacher

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Die Welt braucht mehr Mutmacher und weniger Angstmacher.
Die Welt braucht mehr Mutmacher und weniger Angstmacher.

Ja, ich gebe zu: Auch ich gehöre zu denen, die Dinge gerne mal kritisch betrachten und hinterfragen. Im Moment aber geht mir das viele Hinterfragen auf den nicht vorhandenen Sack. Da wird hinterfragt, wie es angesichts zunehmender Gewalt, Verfolgung, terroristischer Bedrohung und so fort weitergehen soll und was die so gepriesenen Werte einer freien Gesellschaft wert sind und ob diese Werte überhaupt gelebt werden bei all dem Neoliberalismus, der Korruption, der Unehrlichkeit.

Ich hab’ keinen Bock mehr auf diesen fiesen Pessimismus. Ich habe keine Lust mehr, mir das Leben vermiesen zu lassen. Es ist hart genug. Fair war es ohnehin nie. Schon in der Steinzeit nicht und heute auch nicht. Eine ideale Gesellschaft, in der alle gleich sind, gleich viel dürfen, können, besitzen, wird es niemals geben. Dafür sind Menschen einfach nicht gemacht (andere Tiere übrigens auch nicht).

Stetige Bedrohung?

Ja, wir leben in einer Zeit stetiger Bedrohung. Aber wann war das jemals anders? In meinem Leben jedenfalls nicht. Als ich klein war, gab es die Kuba-Krise und den Kalten Krieg, in den 1980er Jahre die atomare Bedrohung und Tschernobyl, in den 1990er Jahren kam der Irak-Krieg und im Nahen Osten war es ohnehin nie friedlich, an den 11. September 2001 erinnern sich die meisten wohl ebenfalls noch. Und, und, und. Obwohl ich damals nicht gelebt habe, gehe ich davon aus, dass auch die Menschen zur Zeit der Kreuzzüge, der Französischen Revolution und der Hexenverfolgung sich bedroht fühlten. Wenn nicht durch andere Menschen, dann durch Hunger oder Krankheiten.

Ja, so ist es nun mal. Das Leben ist nicht leicht. Es ist nicht fair. Es wird niemals fair sein.

Stille Helden

Dennoch gibt es Lichtblicke – und zwar jede Menge. Es gibt Menschen, die anderen helfen, ohne etwas dafür zu verlangen. Es gibt die stillen Helden, die ohne Aufhebens anpacken, trösten, in den Arm nehmen, abgeben, da sind. Es gibt sie immer und überall und gerade in den dunkelsten Stunden. Viele von ihnen wissen vorher nicht mal, dass sie Helden sein können. Sie selbst würden sich auch nicht als Helden bezeichnen, sondern sagen: „Das war doch ganz normal. Das würde jeder tun.“

Es gibt so viele Menschen, die helfen, abgeben, die Arme weit ausbreiten. Ich mag nicht immer nur hören, wie negativ alles ist, wie viel Angst wir haben müssen, wie wenig die Werte unserer Gesellschaft wert sind, die wir vermeintlich verteidigen. Klar ist vieles Scheiße und wird Scheiße bleiben. Hat jemand etwas anderes vermutet? Und trotzdem …

Die Bedrohung im eigenen Kopf

Nein, ich betrachte das Leben nicht durch eine rosa Brille, ich bin auch keine weltfremde Träumerin, ich habe jedoch keine Lust, immer nur das Negative zu hören, zu lesen, zu sehen. Denn je öfter man das hört, umso größer wird die Bedrohung im eigenen Kopf.

Vielleicht ist es an der Zeit, die positiven Dinge stärker ins Licht zu rücken, um zu sehen, dass eben nicht alles immer nur schlecht, schlimm, hässlich, bedrohlich ist. Um festzustellen, zu wie viel Gutem Menschen in der Lage sind. Denn die wenigsten Menschen wollen die Weltherrschaft. Die meisten wollen nur: leben.

5 KOMMENTARE

  1. Liebe Simone, danke für diesen Beitrag! Demut ist ok, aber Leichenbittermiene, oft nur aufgesetzt, finde ich auch unangebracht. Die Lebensfreude (gern nachdenklich gefärbt) ist ein ganz wichtiger Teil unserer Kultur. Das hat nichts mit Tanz auf dem Vulkan zu tun. Wer will sich schon in eine Kultur integrieren, die nur von Pessimismus geprägt ist! Ganz wichtig finde ich, dass alle in Deutschland an dieser Kultur teilhaben dürfen. Nicht nur die, die jetzt neu hinzugekommen sind. Daran müssen wir arbeiten – in der Bildung, in der Kommunikation, im Alltag. Gruß, Johanna

    • Liebe Johanna, ich finde vor allem, dass Angst und Miesmacherei lähmen und argwöhnisch machen. Dass es Momente gibt, in denen man ängstlich ist oder auch skeptisch auf die Weltlage blickt, ist natürlich, doch auf Dauer macht Angst unfrei. Liebe Grüße Simone

  2. Liebe Simone, wir vergessen so leicht, wie nah am Abgrund „unsere“ Welt immer wieder steht. Wie fragil der Friede ist, den wir gern als selbstverständlich nehmen. Wie nah uns ferne Konflikte eigentlich sind, weil sie – leider – immer auch mit uns, also unserer westlichen Welt, zu tun haben. Ich bin zur Zeit so ungeheuer wütend, weil ich mich so ungeheuer hilflos fühle. Ich will das nicht. Und es kostet so ungeheuer viel Energie, nicht mutlos zu werden, nicht den Kopf zu senken, nicht einfach nur noch sein Ding zu machen und die Welt auszuklammern …
    Und dann zwinge ich mich, den Kopf aufrecht zu halten und AUCH zu sehen, wie wahnsinnig viele Menschen helfen … und kremple innerlich die Ärmel hoch und trage mein Scherflein, wo ich kann, wo es geht, im Kleinen. Das gibt Mut, das gibt Kraft und lässt mich hoffen. <3 Liebe Grüße Susanne

    • Liebe Susanne, ich glaube, dass Menschen durchaus einiges erreichen können – gerade, wenn sie zusammenstehen. Ich denke da z. B. an 1989, aber etwa auch an Myanmar, wo Aung San Suu Kyi jetzt – nach jahrelangem Hausarrest – mit ihrer Partei jetzt die absolute Mehrheit errungen hat.
      Das Problem ist auch, dass „bad news“ eben oft „good news“ sind, weil sie Reichweite erzeugen. Und dann bekommt man leicht das Gefühl, es sei alles, aber auch wirklich alles fürchterlich. In dem Sinne – ganz liebe Grüße Simone

  3. Spät gelesen, aber um so mehr gefreut dass mir jemand so auf dem Herzen schreibt…

    Mir geht es ähnlich wie Susanne, Dinge beschäftigen mich über das übliche Maß hinaus, machen mich wütend oder auch ängstlich. Das Problem liegt für mich darin, dass so viele Dinge auf uns einwirken. Die modernen Medien bewirken dass wir mehr erfahren als wir verarbeiten können, und da liegt ein kleiner Unterschied zu früher. So bleibt uns nichts anderes übrig als viele Dinge nicht an uns heranzulassen, allein um uns selbst zu schützen.

    Da bleibt die teils unbeantwortete Frage was denn nun wichtig ist und was nicht. Viele Dinge kann man ja auch erst mit Abstand beurteilen, vielleicht erst die Nachfolgegeneration im Geschichtsbuch. Da kann ich mich nur anschließen, die vielen kleinen Dinge sind es welche die Welt verbessern. Vor allem die Dinge die in unserer Nähe sind und die wir beeinflussen können. Da kann man natürlich falsche Entscheidungen treffen, kann man sich um unwichtige Dinge gekümmert haben und wichtige Sachen übersehen haben. Aber wenn man es gut gemeint hat, dann war es auch gut.

    In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein optimistisches Jahr 2016.

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