Mein Fluss

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Braun, brackig, zu hoch und doch wunderschön
Braun, brackig, zu hoch und doch wunderschön

Mein Fluss ist eine Sie. Ich würde gerne sagen, dass wir uns schon seit meiner Kindheit kennen, aber das wäre gelogen. Denn obwohl ich mich an sie erinnere, seit ich denken kann, glaube ich nicht, dass sie mich je wahrgenommen hat. Nicht einmal in den Momenten, in denen ich sie mit Füßen getreten habe.

Ich hingegen würde sie immer wiedererkennen, sogar mit verbundenen Augen. Denn sie hat einen ganz besonderen Geruch, der mir noch nirgendwo sonst begegnet ist. Brackig, mit ein wenig Moder und einem Hauch von Meer.

Wasserblick auf Weserschlamm
Wasserblick auf Weserschlamm

Die meisten Menschen rümpfen die Nase, wenn sie sie zum ersten Mal riechen. Ich hingegen sauge ihren Duft jedes Mal in mich hinein. Vielleicht, weil er in mir zugleich Erinnerungen als auch die Sehnsucht nach dem Rest der Welt weckt. Denn meine Flussliebe, die Weser, vereinigt sich an ihrer Mündung mit der Nordsee, die sich wiederum zum Atlantik öffnet.

Eine kapriziöse Dame

An manchen Tagen beweist die Weser allen, dass sie eine Dame ist. Dann riecht sie wie parfümiert. Manchmal denke ich, das könnte am Aromenhersteller flussaufwärts liegen. Vielleicht nimmt Madame Weser dessen Düfte aus der Luft auf, speichert sie in ihrem Oberflächenwasser und freut sich daran, nach Blüten und Hundefutter zu riechen, statt nach Moder und Verfall. Doch wahrscheinlich bilde ich mir die fremdartigen Gerüche nur ein. Oder das Wetter, die Strömung oder blühende Algen sind schuld.

Wer an der Weser lebt, lernt, mit ihr und ihren Launen zu leben. Denn manchmal schlägt sie sich den Bauch voll, schwappt über und breitet sich nach allen Seiten aus. Macht ihr dabei ein Felshang einen Strich durch die Rechnung, erhebt sie sich aus ihrem Bett. Mit ihrem einnehmenden Wesen umgarnt sie Straßen und Radfahrwege, Flusspromenaden und Keller.

Bald darauf hungert sie sich ungesund schnell wieder auf ihre alte Größe zurück. Dabei bleiben einige ihrer Mitbewohner in Tümpeln auf den umliegenden Wiesen zurück, weil sie den Rückweg nicht rechtzeitig geschafft haben. Und werden zu einem – im wahrsten Sinne des Wortes – gefundenen Fressen für Reiher und andere Fischliebhaber. Von Letzteren zeigen jedoch manche Erbarmen und bringen Fische, Muscheln und Flohkrebse mit Keschern und Eimern zurück ins Bett der Weser.

Hinterlassenschaften des Weserhochwassers: Pferdeegel
Hinterlassenschaften des Weserhochwassers: Pferdeegel

Die Rückkehr der Flohkrebse

Fische, Muscheln und Flohkrebse – sie sind auch ein Indikator für das Wohlbefinden des Flusses. Zur Hochzeit des Kalibergbaus reagierte Madame Weser auf die Einleitung von Schadstoffen nicht sauer, sondern salzig. Die Flohkrebse waren zu diesem Zeitpunkt fast völlig verschwunden. Kein Wunder, lag der Salzgehalt in der Oberweser Anfang der 1990er Jahre doch bei zum Teil über 2600 mg Chlorid pro Liter (die Flussgebietsgemeinschaft Weser empfiehlt 300 mg/l). Jetzt sind die Flohkrebse wieder da, aber noch immer ist der Chloridgehalt mit rd. 500 mg/l zu hoch, was sich hoffentlich bald ändert.

Toter Weserarm im Winter
Toter Weserarm im Winter

Doch immerhin ist er gering genug, dass sich auf der Weser in kalten Wintern wieder Eis bildet. Dann treiben zuerst kleine Eisblumen auf dem Wasser, die sich nach und nach zu größeren Schollen vereinen, an deren Rändern sich weiße Krusten zeigen. Allerdings ist spätestens am Kernkraftwerk Grohnde Schluss mit Eis. Denn das Kühlwasser für das Kraftwerk wird der Weser entnommen und – leicht erwärmt – wieder zurückgeleitet.

Partyflöße und Wegwerfgrills

Wegen ihrer Makel wurde die Weser jahrelang verspottet und verschmäht. Noch Anfang der 1990er Jahre wagte sich nur selten jemand mit dem Boot aufs Wasser und ins Wasser schon mal gar nicht. Das hat sich mittlerweile geändert. Und ich weiß nicht genau, ob mir das gefällt. Denn an schönen Tagen ähnelt mein Fluss immer mehr einer Hauptverkehrsstraße. Motorboote und Jetskis liefern sich Wettrennen oder ankern an Stellen, wo Wasservögel brüten. Betrunkene fahren laut grölend auf Partyflößen den Fluss hinab.

Wettrennen auf dem Weserwasser
Wettrennen auf dem Weserwasser

Erholungssuchende lassen ihre Wegwerfgrills – nomen est omen – nach dem Verzehr verkohlter Würste am Ufer zurück. Und auf dem (zugegeben sehr reizvollen) Weserradweg muss man an sonnigen Wochenenden den Finger an der Klingel lassen (jaja, schon gut, ich übertreibe. Verglichen mit anderen Orten ist das hier alles noch erträglich).

Ruhe am Fluss

Einerseits gönne ich meiner Weser die zunehmende Beliebtheit, andererseits liebe ich es, wenn wieder Ruhe einkehrt am Fluss. Wenn ich in meinem Lieblingshaken (einer Buhne) im Sand sitzen und die kleinen Fische am Uferrand beobachten kann, wie sie vor jedem Schatten davonstieben und dadurch das Wasser an der Oberfläche kräuseln. Wenn der Verkehr verstummt und die Vögel aus dem gegenüberliegenden Wald zu hören sind und das Platschen von Fischen, die aus dem Wasser springen. Wenn die Weser, die nie klares blaues Wasser führt, sondern sich in einem undurchsichtigen Braun besser gefällt, riecht, wie sie schon in meiner Kindheit gerochen hat. Dann befinde ich mich zwar direkt vor meiner Haustür, doch zugleich an einem meiner Sehnsuchtsorte. Was hab’ ich’s gut.

Blick von einem meiner Lieblingsplätze
Blick von einem meiner Lieblingsplätze

Gibt es Orte, an denen es euch ähnlich geht? Ich freue mich, wenn ihr sie mir verratet.

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