Mehr riechen! Plädoyer für einen unterschätzten Sinn

3
Machen wir’s den Hunden nach: Lasst uns mehr riechen!
Machen wir’s den Hunden nach: Lasst uns mehr riechen!

Heute roch es im Freien nach verbranntem Holz. Auf dem Land ein untrügliches Zeichen für den nahenden Winter. Auch das Gras auf den Weiden roch nach Vergang, nach Sich-Kleinmachen und aus Schutz vor dem Frost In-den-Boden-Hineinkriechen. Selbst die Blumen verströmten ihren Nach-Regenduft nicht mehr verschwenderisch wie noch vor wenigen Wochen. Als ob sie ihre Kraft für die kommende Kälte aufsparen müssten.

Düfte kitzeln Gefühle wach

Ich liebe es, durch die Welt zu gehen und Gerüche aufzusaugen. Manchmal schließe ich die Augen, halte mir die Ohren zu und versuche, die Welt nur durch die Nase wahrzunehmen. Riechen ist für mich der am meisten unterschätzte Sinn. Dabei rufen Düfte Erinnerungen hervor und kitzeln zugleich Gefühle wach. Gute und schlechte. Das soll daran liegen, dass wir Gerüche nicht immer benennen können, wenn wir sie erstmals wahrnehmen. Denn wir haben zu wenig Wörter für Düfte. Statt der Wörter speichert das Gehirn dann eben die Erinnerungen zum Duft. Und die ruft es mitsamt den an die Erinnerung gekoppelten Gefühlen ab, sobald sich das gleiche Geruchsmolekül wieder in unseren Riechzellen verfängt.

Gerüche = Erinnerungen

So ist der Geruch nach Pinien für mich wohl auf ewig mit Italienurlauben im VW Käfer verbunden. Jedes Mal, wenn er meine Nase kitzelt, sehne ich mich nach Sonne, Sommer, Sand und Sombreros (okay, Sombreros stimmt nicht. Klingt aber gut). Der Geruch von vermoderndem Laub und feuchter Erde mit einer pilzigen Nuance hingegen ist für mich der Duft des Herbstes. Und Schnee rieche ich schon, bevor er fällt. Die kalte Luft duftet dann besonders frisch (und jetzt erzähle mir bitte niemand, man könne Schnee nicht riechen).

Von beruhigenden und anregenden Düften

Es gibt Gerüche, die bei den meisten Menschen aus unserem Kulturkreis ähnliche Erinnerungen hervorrufen. So ist Tannenduft fast schon ein Synonym für Weihnachten und der Geruch von Sonnenmilch für Urlaub. Manche Gerüche üben zudem auf viele Menschen eine ähnliche Wirkung aus: Lavendel etwa beruhigt, während Zitrusduft eher anregt. Das passiert übrigens auch, wenn wir den Duft nicht bewusst wahrnehmen, ihn „überriechen“. Unterschwellig reagiert unser Gehirn doch auf ihn.

Diese Wirkung machen sich Menschen zunutze, die etwas verkaufen wollen. So werden Läden zum Teil mit ganz bestimmten Gerüchen beduftet, die den jeweiligen Produkten angepasst sein sollen. Ob’s jedoch verkaufsfördernd wirkt, steht in den Sternen. Mich jedenfalls vertreiben extreme Duftwolken eher aus Geschäften. Aber das ist eine andere Geschichte …

Gerüche und Kreativität

Gerüche und Kreativität bilden für mich ebenfalls eine Einheit, weil Gerüche nicht nur bestimmte Erinnerungen, sondern auch Gefühle hervorrufen. Und Kreativität hat (zumindest meiner Meinung nach) immer auch mit Gefühlen zu tun. Das Ergebnis eines kreativen Prozesses spiegelt nicht nur die Gefühle des Schaffenden wider, sondern löst im besten Fall auch Gefühle bei den Betrachtern, Befühlern, Lesenden aus. Und wenn der oder die Schaffende während des kreativen Prozesses diese Gefühle spürt, ist es umso wahrscheinlicher, dass die Gefühle auch bei den Menschen ankommen, die das Ergebnis sehen, hören, fühlen oder riechen. Gerüche können im kreativen Prozess dazu beitragen, diese Gefühle auszulösen oder zu verstärken.

Ab nach draußen und Nase auf!

Also geht nach draußen, öffnet nicht nur Augen und Ohren, sondern auch eure Nasen und lasst die Gerüche eurer Umgebung auf euch einwirken. Die angenehmen wie die abstoßenden. Vielleicht betrachtet ihr das Gewohnte dann mit anderen Augen, vielleicht entdeckt ihr Neues im Gewöhnlichen. Vielleicht könnt ihr sogar Altbekanntes neu genießen oder ihr konzentriert euch zumindest weniger auf belastende Gedanken und mehr auf das, was ihr wahrnehmt. Doch selbst, wenn das nicht der Fall ist: Die Welt zumindest hin und wieder gezielt mit dem Geruchssinn wahrzunehmen, bringt einen Perspektivwechsel, der erfrischend sein kann. Es sei denn, der Hund hat sich gerade in stinkendem Fisch gewälzt …

3 KOMMENTARE

  1. Da es mich bereits als Kind vor schlechten Gerüchen gegraust hat, habe ich diesen Sinn mit sehr viel Dankbarkeit verkümmern lassen. Vielleicht ist es der letzte Sinn, der mir bleibt, wenn Seh- und Hörsinn sich altersgerecht verabschiedet haben 😉
    LG
    Sabiene

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here