Marlies Ferber – Ich wollte immer schreiben

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Autorin Marlies Ferber
Marlies Ferber - hier ein bisschen unscharf, im Gespräch jedoch so gar nicht. © Marlies Ferber

Deutschland und China trennen etwa 7200 Kilometer. Weiter voneinander entfernt sind jedoch vermutlich die westliche und die chinesische Mentalität. Vieles, was für uns selbstverständlich ist, würden Menschen in China als unhöflich empfinden. Anderes hingegen, was in China (noch) Tradition ist, irritiert sicher so einige hier bei uns. Null-Null-Siebzig, Geheimagent ihrer Majestät a. D. James Gerald und die Hauptfigur von Marlies Ferbers Krimi „Mord in Hangzhou“, bringt die Unterschiede mit wenigen Worten auf den Punkt: „Jeder baut sich sein eigenes Nest aus den Zweigen der Wirklichkeit.“

Umso schöner, dass Marlies (übrigens Jahrgang 1966) in ihrem dritten Band um 0070 ihren Lesern die Zweige der chinesischen Wirklichkeit näherbringt. Und das so kenntnisreich, wie es wohl nur einer Sinologin mit Auslandserfahrung gelingen kann. Ich jedenfalls habe beim Lesen von „Mord in Hangzhou“ nicht nur einiges über das chinesische Lebensgefühl erfahren und welchen Veränderungen es in der heutigen Zeit unterworfen ist. Marlies hat es zudem geschafft, sowohl die Figuren als auch die Orte ihres Romans so plastisch zu schildern, dass ich sie vor meinem inneren Auge gesehen habe.

Ich finde ohnehin, es ist ihr bisher bester Roman. Und das sage ich nicht etwa, weil Marlies und ich uns seit über 20 Jahren kennen, sondern weil „Mord in Hangzhou“ zu den wenigen Romanen in diesem Jahr gehört, die mich bisher packen konnten. Sowohl vom Gefühl als auch von der Handlung her.

Der dritte 0070 ist nämlich auch noch spannend. Und das, obwohl ich diesmal vergleichsweise schnell auf den Täter gekommen bin (bei den Vorgängern hat mich die Auflösung hingegen beide Male total überrascht). Doch das machte überhaupt nichts. Denn der Weg bis zur Auflösung war nicht vorauszusehen, vor allem aber hat mich die Schilderung Chinas und seiner Menschen fasziniert. Und die neuen, längst nicht mehr so bärbeißigen Züge, die es an Marliesʼ Hauptfigur zu entdecken gab.

Ich freue mich daher umso mehr, dass Marlies mir ein paar Fragen beantwortet. Zu ihrem Buch, zum Schreiben, zu China und zum Leben allgemein.

Marlies, wie kamst du dazu, deine Hauptfigur diesmal nach China zu schicken?

Das hatte wohl damit zu tun, dass ich längere Zeit selbst in Hangzhou war … wenn ich ein Buch schreibe, mache ich eine Gedankenreise, und die geht idealerweise natürlich an einen Ort, den ich kenne, den ich faszinierend, schön und spannend finde und in den ich mich gern hineinträume.

Bist du eigentlich ein China-Fan, oder wie kamst du dazu, Sinologie zu studieren?

Nein, bis zum Studium hatte ich kaum etwas mit China zu tun. Ich wollte immer schreiben, daher lag es am nächsten, Journalistin zu werden. Dafür war es sinnvoll, erst einmal zu studieren – was, war eigentlich egal. Und dann entdeckte ich das Institut für Ostasienwissenschaften an der Ruhr-Uni Bochum und war fasziniert.

Du warst mit deinem Mann in China. Wie hast du das Land erlebt?

Spannend, voller Energie. Viele Gerüche, viele Geräusche, auf den Straßen. Albern. Laut. Neugierig. Lustig. Stressig. Gedrängt. Heiß. Nervig. Die vielen blütenweißen Hemden – und das Wissen: Die haben keine Waschmaschine.  Dann wieder: ruhig, voller Harmonie. Höflich, warm, mitfühlend. Intelligent – jedes Kind konnte besser Chinesisch lesen als ich, und jeder, wirklich jeder kann eine Karte lesen. Und immer wieder: lecker! China hat die beste Küche der Welt.

Zurück zu deinem neuen Buch „Mord in Hangzhou“. Man merkt beim Lesen, dass dir deine beiden Hauptfiguren James und Sheila sehr am Herzen liegen. Was macht dir an den beiden am meisten Spaß?

Schwierige Frage, aber ich glaube, am meisten Spaß machen mir die Dialoge der beiden. Und die Liebesszenen. Und wenn sie glauben, den jeweils anderen zu durchschauen und sich gegenseitig hinters Licht führen.

Hattest du eigentlich ein Vorbild für deine beiden Figuren vor Augen, als du sie entwickelt hast?

Meine Eltern. Sie sind nicht 1:1 James und Sheila, aber sie waren die Inspiration.

Deine Krimis sind nicht besonders blutig, sondern eher „cosy“, doch in deinem dritten Band ist eine leichte Abkehr vom klassischen Whodunnit à la Agatha Christie zu erkennen. So lässt du diesmal z. B. deinen Täter in einzelnen Sequenzen zu Wort kommen, damit wir einen Einblick in seine Denkweise bekommen. Wie kommtʼs? Was hat dich dazu gebracht?

Ich glaube, das ist gar nicht mal eine Abkehr vom klassischen Whodunnit. In einem der berühmtesten Krimis von Agatha Christie kommt schließlich der Täter die ganze Zeit über zu Wort … Aber du hast recht, es ist eine Neuerung im Vergleich zu den vorherigen 0070-Geschichten. Es erschien mir reizvoll, einmal den Leser mehr wissen zu lassen als James. Bei „Operation Eaglehurst“ und „Agent an Bord“ gibt es eine rein personale Erzählhaltung, das heißt, wir sind immer bei James, blicken ihm über die Schulter, erleben das, was er erlebt, und wir können nur in seinen Kopf schauen und in keinen anderen, alle anderen Figuren erleben wir nur durch ihr Handeln und Tun in James‘ Beisein. Dies einmal anders zu machen war ein reizvolles Experiment, und auf die Idee hat mein Mann mich gebracht, der genau dies bei einer Geschichte von Stephen King sehr spannend fand.

Es gibt beim Schreiben ja unterschiedliche Vorgehensweisen. Manche Autoren planen (fast) jede einzelne Szene minutiös, andere haben nur eine Grundidee und schreiben einfach los. Was für ein Typ bist du?

Die meisten Autoren machen sowohl das eine als auch das andere, glaube ich, nur ist die Gewichtung unterschiedlich, und wenn man mit der einen nicht weiterkommt, wechselt man zwischendurch zur anderen. Bei mir dominiert die „Von-Hölzchen-auf-Stöckchen“-Methode – allerdings durchsetzt von sehr viel Nachdenken, und es braucht auch zwischen den einzelnen Schreibphasen viel Zeit, damit sich die Geschichte setzt, die Figuren sich herauskristallisieren und ich wieder klar sehe. Es ist kein Spaziergang in der Sonne, sondern ein langsames Vortasten im Nebel, und zwischendurch klart es sich dann öfter mal auf. Der große Nachteil des Vorantastens ist das fehlende Erfolgsrezept, die Unsicherheit bis fast zum Schluss: Okay, diesmal habe ich den Weg gefunden, aber ob das beim nächsten Buch nochmal klappt?

Hast du schon vor 0070 Geschichten geschrieben? Gibt es womöglich sogar einen Schubladenroman, der nicht veröffentlicht ist?

Mehrere, kein einziger Krimi übrigens. Schreiber ist man ja nicht erst mit der Veröffentlichung des ersten Buchs, ich denke, fast alle von uns haben noch den einen oder anderen Roman in der Schublade. Aber da bleiben sie besser auch.

Du bist eine der wenigen Autorinnen, die ihr Manuskript direkt den Verlagen und nicht zuerst einem Agenten angeboten haben und ins Verlagsprogramm aufgenommen wurden. Würdest du diesen Weg noch einmal gehen? Oder würdest du dir einen Agenten suchen, wenn du deinen Erstling noch einmal vorstellen müsstest?

Ich würde es wieder so machen, weil es so gut geklappt hat und ich den direkten Kontakt mit dem Verlag als bereichernd empfinde. Beides hat sicherlich Vor- und Nachteile. Eine Agentur weiß in der Branche gut Bescheid und würde vielleicht bessere Konditionen ausgehandelt haben (z.B. im E-Book-Bereich gibt es ja große Veränderungen), andererseits streicht eine Agentur 20% des Honorars ein. Insgesamt ließe sich diese Frage vielleicht am besten mit Deng Xiaoping beantworten: Es ist egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist. Hauptsache, sie fängt Mäuse.

Wäre für dich Selfpublishing eine Option gewesen?

Ja.

Geht es nach diesem dritten Band mit James und Sheila noch weiter?

Ich schreibe gerade am 4. Band, der voraussichtlich im Herbst 2015 erscheinen wird. Ein Weihnachts-Krimi, der in London spielt.

Bist du jetzt eigentlich am Ziel deiner Wünsche angekommen, was deinen Beruf angeht? Oder gibt es noch weitere Dinge, die du gerne machen möchtest?

Angekommen, definitiv … und staune oft selbst noch darüber. Aber ich merke auch, dass ich nach vier Bänden 0070 allmählich eine Pause brauche, um den Kopf wieder frei zu bekommen, und Lesungen machen zwar Spaß, bedeuten aber jedes Mal eine große Überwindung und nervliche Belastung.

Und was für Ziele oder Wünsche hast du sonst noch?

Nahziele: Im August kommt der erste 0070-Krimi, „Operation Eaglehurst“, auf die Bühne in meiner Heimatstadt. Gestern war ich bei den Proben, das war sehr spannend, und es macht Spaß zu beobachten, wie etwas, das ich mir ausgedacht habe, jetzt auf diese Weise Gestalt annimmt. Ab September gebe ich ein Schuljahr lang am Gymnasium ein Seminar „Kreatives Schreiben“, darauf freue ich mich sehr. Fernziel: Oma werden …

Welchen Tipp würdest du unveröffentlichten Autorinnen und Autoren geben – ganz egal, ob es dabei ums Schreiben oder Veröffentlichen geht?

Das, was mein Mann mir immer gesagt hat beim Schreiben von 0070  Operation Eaglehurst, das Mantra, das von den reichlich vorhandenen Selbstzweifeln ablenkte: Schreib einfach weiter!

Ganz lieben Dank für dieses Gespräch, Marlies.

Ein Tipp übrigens noch zum Schluss: Jeder der 0070-Bände lässt sich unabhängig von den anderen lesen. Klar ist es einfacher, am Anfang („Operation Eaglehurst“) anzufangen und dann über „Agent an Bord“ zu „Mord in Hangzhou“ überzugehen, doch nötig ist es nicht. Es handelt sich um abgeschlossene Geschichten, die in die Rahmenhandlung um die Beziehung zwischen James und Sheila eingebettet sind. Viel Spaß beim Lesen!

Cover von "Mord in Hangzhou"
Der dritte 0070. Meinen geb ich nicht wieder her!

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