Lebensabschnitte – Plädoyer für mehr Achtsamkeit

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Sind Lebensabschnitte etwas Verbindendes oder Trennendes, fragt sich Henrike Doerr.
Sind Lebensabschnitte etwas Verbindendes oder Trennendes, fragt sich Henrike Doerr.

Ich bin Mitglied im besten aller Texterinnen-Netzwerke, dem Texttreff. Dort gibt es die (vergleichsweise junge) Tradition, sich gegenseitig am Ende des Jahres mit Blogbeiträgen zu beschenken. Blogwichteln nennt sich das. In diesem Jahr hat meine liebe Kollegin Henrike Doerr, die auf Outdoor-Traum übers Draußen-Unterwegssein bloggt, einen Gastbeitrag für Geboren in den Sechzigern geschrieben. Nachdem ich ihn gelesen hatte, war ich völlig begeistert. Ich bin sicher, dass es euch genauso gehen wird. Viel Spaß mit Henrikes wunderbarem Text.

„Geboren in den Sechzigern“ – der Name des Blogs verrät schon die Zielgruppe. Es geht um die Gemeinsamkeiten dieser Generation. Ich kann dazu nicht viel sagen. Ich bin in den Siebzigern geboren. Ich glaube aber, dass es neben Gemeinsamkeiten in Generationen auch generationenübergreifende Lebensphasen gibt, die alle Menschen einer Gesellschaft betreffen. Phasen, die besonders prägen, die Abschnitte markieren und Eintritte in neue Lebenswirklichkeiten. Die Schulzeit, die Zeit zwischen dem Schulabschluss und der Ausbildung danach, der Berufseintritt, Hochzeit, Elternschaft, Ruhestand – das sind nur einige von diesen Lebensabschnitten, die viele Generationen erleben. Das verbindet – auch generationsübergreifend, weil man auf ein gemeinsames Repertoire an Erfahrungen zurückblicken kann.

Es kann aber auch trennen. Dann nämlich, wenn man diese scheinbar universellen Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten nicht teilt. Wenn man etwa arbeitslos ist in einer notorisch vom Burn-out bedrohten Gesellschaft. Oder kinderlos das Wochenende plant und der Bekanntenkreis keine Zeit mehr hat. Wenn alle Welt Weihnachten mit der wachsenden Familie feiert und alle Welt dabei nicht die einschließt, die allein zu Hause sitzen oder noch nicht einmal ein Zuhause haben.

Wie geht man damit um, wenn diese universellen, generationenübergreifenden Lebensphasen für einen selbst nicht gelten? Wenn man sich immer ein bisschen anders fühlt als die anderen, weil man bestimmte Erfahrungen nicht teilen kann? In der Psychologie wird von den Entwicklungsphasen des Kindes gesprochen, die es beim Heranwachsen durchläuft. Wieder etwas Universelles. Sind diese Lebensphasen nicht auch Entwicklungsphasen? Nur im Erwachsenenalter? Was also, wenn man diese Schritte nicht mitmacht? Ist man dann unterentwickelt?

Sicher regt sich beim Lesen Widerspruch: Natürlich nicht! Es darf doch jeder leben, wie er will! Wir sind doch eine tolerante Gesellschaft! Sicher sind wir das oder wollen es doch gerne glauben. Um Toleranz geht es hier jedoch nicht. Es geht vielmehr um Identität. Wo verortet sich ein Mensch, der bestimmte Dinge nicht mitmacht? Bei seinesgleichen? Wer sind die? Andere Arbeitslose? Andere Kinderlose? Andere Behinderte? Sicher mag es mitunter helfen, sich mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen zu umgeben. Aber reicht das? Sich selbst auf dieses eine Merkmal, diese eine übersprungene Lebensphase zu reduzieren?

Wie feiert man als Single Weihnachten, wenn alle Menschen, die man gern um sich hätte, bei ihren Familien sind? Wie pflegt man als Kinderloser Freundschaften, wenn die Freunde zwischen Halbtagsjob und Kinderbetreuung aufgerieben werden? Wie gestaltet man als Arbeitsloser seine Freizeit, wenn jeder Tag Freizeit ist und alle Bekannten über ihr Arbeitspensum klagen?

Es scheint, dass die universellen Lebensphasen tatsächlich jeden betreffen und prägen. Die Menschen, die sie mitmachen durch ihre Erfahrungen damit, und die Menschen, die sie auslassen, durch ihr Positionieren zu dieser Erfahrungslücke. Nur verbindend ist das dann nicht mehr.

Was ich mir wohl wünsche, ist mehr Einendes über trennende Lebensphasen hinweg. Mehr Achtsamkeit füreinander und weniger voraussetzende Selbstverständlichkeit. Bei allen Menschen, egal ob Mann, Frau, Single, Ehepartner, Mutter, Arbeitssuchender oder Berufstätiger. Aber das ist wohl ein frommer Wunsch zum Jahresende, denn sind wir nicht alle Kinder unserer Zeit und unserer Erfahrungen?

P. S.: Natürlich hab’ ich auch gewichtelt. Meine Wichteltexte könnt ihr auf den Blogs von Karin Klug und Karin Fenz nachlesen.

3 KOMMENTARE

  1. Toller Text und viele der Gedanken kann ich als kinderlose Frau und als eine Frau die viele Jahre alleinlebend war, total gut nachvollziehen. Ich weiß auch, dass ich viele Jahre meines Lebens damit gehadert habe, dass in meinem Leben einige Dinge nicht so liefen, wie es angeblich „normal“ wäre. Bis ich irgendwann verstand, dass die angebliche Normalität viele Menschen ausgrenzt und es eben auch andere Normalitäten gibt.
    Anfügen möchte ich hier, dass es in der Wissenschaft sehr wohl auch differenzierter Darstellungen von Lebensphasen/ Entwicklungsphasen gibt. Erik Erikson hat da welche erarbeitet, die ich immer wieder spannend finde. https://de.wikipedia.org/wiki/Stufenmodell_der_psychosozialen_Entwicklung

    Mit einem Teilbereich, mit der Generativität und wie diese von kinderlosen Frauen gelebt wird, habe ich meine Masterthesis geschrieben. Wenns jemanden interessiert, gibt’s hier als e-book http://www.amazon.de/%C3%84lterwerden-generativen-Verhalten-kinderloser-Frauen-ebook/dp/B00R38EGNY/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1451482952&sr=8-1&keywords=vom+%C3%A4lterwerden+und+generativen+verhalten
    Ich hätte auch noch Downloadgutscheine zu vergeben 🙂

    • Ja, ich finde die Gedanken von Henrike auch sehr nachvollziehbar. Ich denke, in gewissen Punkten geht es vielen Menschen so oder so ähnlich.

      Deine Masterthesis klingt übrigens sehr spannend, Sonja. Habe gerade einen Blick hinein geworfen. Sich mit diesem Thema zu beschäftigten, war sicherlich hochinteressant.

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