Ein Leben im Fußball-Weltmeisterschafts-Zeitraffer

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Buch zur Fußball-Weltmeisterschaft 1978
Mein einziges WM-Buch ...

Fußball verfolgt mich seit meiner Kindheit. Einige Zeit nach meiner Geburt fiel das berühmt-berüchtigte Wembley-Tor, und alle Fußballfans in Deutschland ärgerten sich. 1970 war ich zwar noch zu klein, um die Bedeutung der Fußball-Weltmeisterschaft zu erfassen, doch ich wunderte mich, dass meine Eltern so viel Zeit vor dem Fernseher verbrachten und nicht mit mir spielten.

1974

1974 bekam ich dann schon mehr von der Aufregung um die WM mit. Kein Wunder, gewann doch die Bundesrepublik Deutschland im eigenen Land den Titel. An die Spiele selbst kann ich mich jedoch nicht erinnern. Ich weiß noch nicht mal, ob ich sie mitgeschaut habe.

1978

1978 kaufte ich mir im Anschluss sogar ein Buch über die WM (siehe oben) – und das, obwohl die Bundesrepublik nach der Gruppenphase ausgeschieden war.

1982

1982 schaute ich mit einer Freundin alle Spiele der deutschen Mannschaft. Wir feuerten die Fußballspieler an, skandierten bei jeder Ecke laut „Ecke – Tor, Ecke – Tor!“. Trotzdem ging das Endspiel gegen Italien 3:1 verloren. Wahrscheinlich haben wir zu leise geschrien.

1986

1986 war meine erste WM nach dem Auszug aus meinem Elternhaus. Die Spiele verfolgte ich trotzdem. Mit zahlreichen neuen Freunden vorm Fernseher. Public Viewing war noch nicht erfunden. Trotz unserer Unterstützung scheiterte Deutschland erneut im Finale. An Diego Maradona und Argentinien.

1990

1990, kurz vor der offiziellen Wiedervereinigung Deutschlands, gewann die deutsche Fußballnationalmannschaft, damals noch BR Deutschland abgekürzt, schließlich den Weltmeistertitel. In dieser Nacht zogen Autokorsos durch die Straßen, wurden Deutschlandfahnen geschwenkt und mehr oder minder sieges(be)trunkene Menschen machten die Nacht zum Tag. Das war neu. Mir war das unheimlich. Genau wie die vielen kriegerischen Metaphern in Bezug auf Fußball („Schlacht“, „Abwehr-Bollwerk“, „Elfmetertöter“ usw.) und das laute „Sieg, Sieg“-Gegröle inner- und außerhalb der Fußballstadien. Waren das die ersten Schritte hin zu einem Deutschland, in dem sich wieder das hässliche Gesicht des Nationalismus zeigte?

Um meine Angst in Worte zu fassen, schrieb ich einen Kommentar über die Nacht, als Deutschland den dritten Weltmeistertitel errang. Mit ihm bewarb ich mich kurz darauf für ein Journalistik-Aufbaustudium an der Universität Hohenheim. Die sicherte mir daraufhin tatsächlich einen der begrenzten begehrten Plätze zu. Ich sagte ab. Kurz zuvor hatte ich bereits einen Volontariatsvertrag unterschrieben.

1994 und 1998

Die nächsten Weltmeisterschaften 1994 und 1998 waren nicht der Hit. Beide Male schied Deutschland im Viertelfinale aus. Vermutlich habe ich beide WM deshalb auch nicht mehr wirklich auf dem Schirm.

2002

Auch 2002 war nicht so der Renner, obwohl Deutschland im Finale stand – und dort 2:0 gegen Brasilien unterlag. Vermutlich, weil die deutsche Mannschaft mich mit ihrem Fußball nicht wirklich begeistern konnte.

2006

2006 jedoch, zur WM im eigenen Land, da war ich mit Leib und Seele dabei. Weil das Wetter großartig und allein deshalb die Laune gut war, die Nationalmannschaft Hurra-Fußball spielte, aber auch, weil die Deutschen sich tatsächlich als gute Gastgeber entpuppten. Selbst das Fahnengeschwenke, das mich 1990 noch verstört hatte, konnte ich mittlerweile akzeptieren. Schließlich hatten die wenigsten Fans übersteigerte nationalistische Hintergedanken, sondern wollten nur ihre Unterstützung für die Nationalmannschaft kundtun. Und als die dann gegen Italien im Halbfinale verlor, war ich begeistert, dass die Party trotzdem weiterging und die deutsche Mannschaft zum „Weltmeister der Herzen“ gekürt wurde. Ein Gänsehautgefühl!

2010

2010 besiegte Spanien die deutsche Mannschaft im Halbfinale, und ich fühlte mich ernüchtert und leer. Da hatte die Mannschaft so tollen Fußball gespielt und scheiterte an der abgezockteren spanischen Auswahl, die schließlich hochverdient Weltmeister wurde.

2014

Tja, und jetzt, 2014, freue ich mich für die Mannschaft über den Gewinn des Weltmeistertitels. Es ist aber nicht so ein Hochgefühl, wie es wahrscheinlich 2006 oder 2010 gewesen wäre. Es ist ein Mitfreuen für die Spieler, die so lange auf diesen Moment hingearbeitet haben. Wahrscheinlich bin ich zwischenzeitlich erwachsen geworden.

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