Isabelle Hoberg übers Tanzen, Modeln und ihr Retreat für kurvige Frauen

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sabelle Hoberg und ihr Retreat für kurvige Frauen auf Ibiza
Isabelle Hoberg und ihr Retreat für kurvige Frauen auf Ibiza © Isabelle Hoberg

Isabelle Hoberg ist diplomierte Tanzdozentin und Choreografin der Rotterdamer Tanzakademie, in den 1960ern geboren und war, wie sie sagt, eigentlich immer zu dick für das, was sie gemacht hat. Denn als Tänzerin auf der Bühne muss man „viel, viel dünner“ sein, um Anerkennung zu finden. Deshalb unterrichtete sie hauptsächlich. Trotzdem musste sie oft gegen schiefe Blicke kämpfen, musste beweisen, dass sie das, was sie tat, wirklich beherrschte.

Anfang der 1990er Jahre wurde sie in New York als Model für große Größen entdeckt. Doch selbst, als sie durchgestylt vor der Kamera stand und Mode auf dem Laufsteg präsentierte, waren da noch Selbstzweifel und das Gefühl, sich selbst und anderen nicht zu genügen. Erst Jahre der Körperarbeit – verschiedene Ausbildungen in Techniken, die die Energien im Körper in Fluss bringen (unter anderem Qi Gong, Reiki, EFT, Meditation) – sowie die ganzheitliche Unterstützung einer Ärztin haben Isabelle dazu gebracht, sich mit ihrem Körper anzufreunden und ihn und damit auch sich selbst als Ganzes anzunehmen.

Doch ohne diese Vorgeschichte wäre sie vermutlich nicht auf die Idee für ihr Herzensprojekt gekommen: einem Retreat für kurvige Frauen. Wer sich unter einem Retreat nichts vorstellen kann: Es handelt sich dabei um einen Rückzug von der gewohnten Umgebung. Zwei ideale Orte für einen solchen Retreat hat Isabelle bislang gefunden: auf Ibiza und in der Eifel. Und dort will sie anhand ihrer Erfahrungen und mithilfe unter anderem von Qi Gong, Massagen, Meditationen und von ihr selbst zusammengestellten Energieübungen dazu beitragen, dass Frauen zu mehr Selbstliebe finden und mehr Achtsamkeit für sich und ihren Körper entdecken.

Allein dieses Licht ist Grund genug, nach Ibiza zu fahren, oder?
Allein dieses Licht ist Grund genug, nach Ibiza zu fahren, oder? © Isabelle Hoberg

Ich freue mich, dass Isabelle zu einem Gespräch für Geboren in den Sechzigern bereit war, denn sowohl das, was sie tut, als auch ihre Geschichte fand ich unglaublich spannend. Und das Gespräch mit ihr war so nett und Isabelle so sympathisch, dass ich große Lust hätte, an einem ihrer Retreats teilzunehmen (weshalb ich sie auch gefragt habe, wie kurvig frau sein muss, um mitzufahren. Die Antwort erfahrt ihr weiter unten). Und nein: Ich bekomme kein Geld für diese Aussage oder diesen Text, sondern meine es, wie ich es sage.

Isabelle, du hast eine Ausbildung zur Tanzlehrerin und Choreografin gemacht. Wie kamst du dazu?

Ich komme aus einer Tänzerfamilie, meine Mutter war Tanzlehrerin und mein Vater war in der Nachkriegszeit Tänzer an der Kölner Oper. Daher war das fast ein vorgegebener Weg. Und das, obwohl mir durch meine Erziehung ständig gesagt wurde: Du kannst nichts, du bist nichts wert, du genügst nicht und bist sowieso zu doof. Im Tanzen hatte ich etwas gefunden, was ich konnte, wo mein Talent lag. Also habe ich mich über meine Tanzleistung definiert. Dort fühlte ich mich heimisch, bekam die mir fehlende Bestätigung. Da ich schon in meiner Studienzeit dicker wurde, musste ich mir und anderen immer doppelt beweisen, dass ich gut tanzen, unterrichten und choreografieren konnte. Trotzdem, tief in mir drin, meinte ich nie zu genügen.

Wie kam dann das Modeln dazu?

Ende der 1980er Jahre bin ich in die USA gegangen – von Holland nach New York –, um meine Tanzausbildung dort weiterzuführen. Dort hat mich ein Fotograf angesprochen, ob ich nicht modeln wollte. Modeln für große Größen war damals 1990/1991 in den USA schon ein riesiger Markt und das war eine ganz neue Welt, eine neue Erfahrung für mich. Denn ich war Tänzerin, trug am liebsten Tanzkleidung und war weder modeaffin noch kannte ich mich mit Make-up und allem, was dazugehört, besonders gut aus. Aber durchs Tanzen hatte ich gelernt, mich zu bewegen und auch zu lachen, selbst wenn es mir mal nicht so gut ging. Durch das Tanzen fiel es mir leicht, das alles für Fotos oder auf dem Laufsteg abzurufen, sogar wenn mein Privatleben eher traurig war.

Hast du das dann auch in Deutschland weitergemacht?

Zurück in Deutschland habe ich zunächst mit Tanzunterricht Fuß gefasst. Dann habe ich auch hier angefangen zu modeln. Und obwohl man mir im Beruf oft gesagt hat, wie toll ich aussah, obwohl es viele schöne Bilder von mir gab, habe ich tief in mir drin immer an mir gezweifelt. Das liegt wohl daran, dass das Äußere das Innenleben nicht verändern kann. Man muss sich erst von innen verändern, um Selbstbewusstsein und Selbstakzeptanz auch nach außen auszustrahlen, wenn du verstehst, was ich meine. Jedenfalls war es so, dass ich die Tage, an denen alles gut lief, mehr oder weniger hingenommen habe. An den Tagen jedoch, an denen in meinem Job etwas schief lief, kamen die Selbstzweifel hoch und ich fühlte ich mich wie eine Versagerin, wie der schlechteste Mensch. Ich habe mich lange nur über Leistung definiert, hatte immer das Gefühl, ich muss die Anforderungen der anderen erfüllen, um zu genügen.

Und auch beim Modeln gab es Zwänge. Es war wichtig, auf der jeweiligen Kleidergröße zu bleiben, nicht einfach so zu- oder abzunehmen, da man ja für eine bestimmte Größe gebucht wurde. Es gab viele Jobs für mich in einer bestimmten Kleidergröße. Also war mein Anliegen und gleichzeitig auch mein Druck, auf eben dieser Größe zu bleiben. Damals, als ich angefangen habe zu modeln, habe ich mit einer kleinen Größe 44 begonnen, heute trage ich Größe 46/48.

Das muss anstrengend gewesen sein.

Schon. Vor allem dachte ich irgendwann: Das kann nicht alles gewesen sein. Auch weil mein Privatleben alles andere als schön war. Ich habe mir dann Hilfe gesucht durch meine Ärztin, mein Familiensystem analysieren lassen und dabei verstanden, warum ich so reagierte und fühlte, wie ich es tat. Das war der Anstoß für mich, mein Leben zu ändern. Ich habe zwar weiter getanzt und gemodelt, mich aber ständig weiterentwickelt und sozusagen eine Schicht nach der anderen entfaltet.

Was hast du getan?

Ich habe verschiedene Ausbildungen zu Körperarbeit gemacht, ich habe eine Qi Gong- und eine Massageausbildung, habe Reiki, EFT und andere Energietechniken erlernt und gemerkt, wie man den Energiefluss im Körper beeinflussen kann. Das löst Blockaden und bringt dann auch den Geist in Bewegung.

Über die Jahre habe ich mich mit meinem Körper angefreundet, habe gelernt, zu ihm zu stehen. Denn er trägt ja auch meine Geschichte. Ich habe gelernt, ihn nicht länger zu verurteilen, sondern ihn anzunehmen – so, wie er ist. Viel gebracht hat mir dabei die Arbeit mit dem inneren Kind, dabei kommen die Gefühle aus der eigenen Kindheit hoch. Ich habe gelernt, meinem inneren Kind zu zeigen, dass ich da bin und es beschütze, zum Beispiel gegen Angriffe und vor dem Gefühl, nicht zu genügen. Darüber konnte ich endlich mir und anderen verzeihen. Und ich habe gelernt, meinem Körper und auch dem Leben gegenüber dankbar zu sein. Für mich steht jedenfalls fest, dass mein Leben, egal, wie es bis heute verlaufen ist, einen Sinn ergibt.

Was für eine Aussage – yeah! © Isabelle Hoberg
Was für eine Aussage – yeah! © Isabelle Hoberg

Wie kamst du dann auf die Idee für dein Kurvige-Frauen-Retreat?

Meine beste Freundin ist Besitzerin eines Yogastudios und hat schon viele Yogareisen veranstaltet. Darüber war sie plötzlich da: die Idee, kurvigen Frauen einen freien Raum, einen Rückzugsort zu bieten, an dem sie einfach nur sein können, ohne beurteilt zu werden oder ohne dass jemand Ansprüche an sie stellt. Als ich diese Idee hatte, machte mein Herz einen großen Sprung. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst, aber ich hatte wirklich das Gefühl: Ja, genau das ist es! Das will ich machen. Das ist das, worauf ich die ganze Zeit hingearbeitet habe.

Und ich wusste, ich möchte das auf Ibiza machen. Denn auf Ibiza herrscht einfach eine besondere weibliche Energie. Das klingt vielleicht esoterisch, aber es ist tatsächlich so: Die Insel tut Frauen gut.

Ohne Worte. © Isabelle Hoberg
Ohne Worte. © Isabelle Hoberg

Wie kann ich mir den Aufenthalt dort vorstellen?

Wir wohnen dort in einer herrlichen, luxuriösen Villa, 150 Meter vom Strand entfernt. Die Villa hat aber auch einen Pool. Jede Frau kann also entscheiden, ob sie etwas von der Außenwelt mitbekommen oder lieber beim Haus bleiben möchte. Ich möchte allen Frauen den Aufenthalt so schön, wie möglich machen, und sie umsorgen, sodass sie sich fallen lassen können. Dabei hilft mir meine Köchin Hélène, eine wunderbar warmherzige Frau, die beim Kochen auf alle Bedürfnisse eingeht. Ganz wichtig ist mir, dass die Frauen im Laufe des Aufenthalts feststellen, sie müssen sich nicht ständig mit anderen vergleichen, sie sind genau so richtig, wie sie sind. Ich möchte auch, dass sie merken, wie schön und hilfreich es sein kann, die Akzeptanz einer Frauengruppe zu spüren, wie gut es tun kann, einfach nur zu sein.

Dazu gehört übrigens auch, dass ich allen Frauen anbiete, an Energieübungen teilzunehmen. An Qi Gong zum Sonnenaufgang, an Meditation oder Tanz am Abend oder an einem von mir entwickelten Bewegungskonzept für mehr Gesundheit und Lebensfreude, das ich Beauty Moves nenne und das besonders auch für kurvige Frauen geeignet ist.

Daneben biete ich eine spezielle Indian Head Massage an und zeige Selbstmassagetechniken. Alle diese Angebote können die Frauen wahrnehmen, sie müssen es aber nicht. Denn es ist mir ganz wichtig, dass die Frauen sich nicht verpflichtet fühlen, teilzunehmen. Alles kann, aber nichts muss. Das Gleiche gilt übrigens auch für das restliche Programm. Wir richten uns ganz nach den Wünschen der Frauen. Bei Bedarf bieten wir Ausflüge an, etwa zum Hippie-Markt oder zu einem einsamen Plateau, von dem man Es Vedrà sehen kann, einen Ibiza vorgelagerten Felsen. Dieses Plateau ist ein, wie ich finde, verwunschener Ort, an dem man mit sich selbst in Einklang kommen kann. Auch sind natürlich Besuche in Cafés und Aufenthalte am Strand möglich. Doch jede Frau entscheidet selbst, wie viel Außenwelt sie zulassen möchte.

Wie kurvig muss eine Frau denn sein, um mitfahren zu können?

Ich finde, das ist keine Sache der Kleidergröße. Wichtig ist für mich aber, dass die Frauen sich gegenseitig akzeptieren und keine Vergleiche anstellen à la „Die ist doch aber gar nicht kurvig, die ist doch im Vergleich zu mir dünn“. Allen Frauen muss klar sein, dass die jeweils anderen sich als kurvig empfinden, vielleicht auch Probleme haben, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie sind. Ich jedenfalls, aber das habe ich vorhin ja schon gesagt, trage Kleidergröße 46+.

Du bietest auch Retreats in der Eifel an. Kann ich mir das ähnlich vorstellen?

Ja. Diese Aufenthalte sind kürzer und finden auf einem Hof in der Eifel statt, den zwei Freunde von mir, einer davon Klangtherapeut, gekauft und in dem sie Ferienwohnungen eingerichtet haben. Ich freue mich schon riesig darauf, denn auch die Eifel ist ein wunderbarer Ort, um zur Ruhe zu kommen und bei sich selbst anzukommen.

Liebe Isabelle, ich wünsche dir viel Erfolg mit deinem Projekt und danke dir ganz herzlich für dieses Gespräch.

Neben ihrer Website hat Isabelle Hoberg natürlich auch eine Facebook-Seite, die ihr hier finden könnt.

8 KOMMENTARE

  1. Was für ein interessantes Interview. Ein interessanter Lebenslauf – und eine wunderbare Idee.

    Und: Wo bekommt man bitte dieses T-Shirt??

  2. Ibiza tut Frauen gut – das kann ich bestätigen! Danke für dieses wunderbare Interview, das mich die eigenen Kurven gleich positiver sehen lässt.

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