Introvertierte sind nicht nur leise, Extrovertierte nicht nur laut

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Kleine können groß und Große klein sein. Das Gleiche gilt für introvertierte und extrovertierte Menschen.
Kleine können groß und Große klein sein. Das Gleiche gilt für introvertierte und extrovertierte Menschen.

Introvertierte Menschen gelten als leise, zurückhaltend und auch ein wenig schüchtern. Ihnen wird nachgesagt, sie würden Gruppenaktivitäten meiden, sich in der Öffentlichkeit vorwiegend still verhalten und Small Talk verabscheuen. Extrovertierte Menschen hingegen werden als laut, gesprächig und dominant beschrieben. Sie sollen ideale Small Talker sein und Gespräche an sich reißen.

Du introvertiert? Quatsch!

Im letzten Jahr habe ich an einem Seminar bei der wunderbaren Erika Weber teilgenommen, das mir gezeigt hat, was ich unterschwellig wohl wusste, mir aber nicht bewusst war: Ich gehöre zur Gruppe der Introvertierten.

Manche meiner Bekannten, denen ich das gesagt habe, haben mich angesehen, als sei ich ein Auto, nur nicht so schnell.

„Du? Introvertiert? Dass ich nicht lache. Das glaube ich nicht. Du mischst
dich in öffentliche Diskussionen ein, leitest Veranstaltungen, moderierst,
machst Öffentlichkeitsarbeit für Institutionen und Unternehmen. Du bist
nicht introvertiert!“

Doch. Bin ich. Im Gegensatz zu extrovertierten Menschen muss ich nach solchen Aktivitäten nämlich meine Akkus erstmal wieder aufladen. Im stillen Kämmerlein, beim Spaziergang allein mit dem Hund, beim einsamen Grübeln über eine Geschichte oder einen Artikel, den ich für meinen Job oder für mich privat schreibe. Extrovertierte Menschen hingegen laden ihre Akkus im Kontakt mit anderen Menschen auf: indem sie zeigen dürfen, was sie können, indem sie mit anderen ins Gespräch kommen, indem sie Vorträge halten und so weiter. Ich jedoch brauche Abstand. Ich mag nach solchen anstrengenden Aktivitäten erstmal keinen fremden Menschen sehen, hören, sprechen. Nur meine Familie und besten Freunde dürfen mich dann aus meinen Gedanken reißen, doch selbst das ist mir manchmal zu viel und ich ziehe mich lieber mit einem Buch zurück, um darin zu versinken, oder hänge meinen Gedanken nach.

Über den eigenen Schatten springen kostet Kraft

Es ist nämlich ein Märchen, dass introvertierte Menschen (sich) in der Öffentlichkeit nicht präsentieren können oder keinen Small Talk beherrschen. Es strengt sie nur stärker an, im Mittelpunkt zu stehen oder Gespräche zu führen, die kein anderes Ziel haben, als sich gegenseitig abzuchecken oder eine unangenehme Stille zu übertönen (die sie selbst vielleicht gar nicht als unangenehm empfinden).

Und sie treten oft anders auf als extrovertierte Menschen. Treten vom Rednerpult zurück, wenn sie gesagt haben, was sie sagen wollten, überlassen mit Vergnügen anderen die Manege und das Bändigen der Löwen, gestikulieren weniger ausladend, reden nicht nur um des Redens willen und aus reiner Freude daran, sondern um zu vermitteln, was sie zu vermitteln haben. Das heißt nicht, dass es nicht auch für Introvertierte bereichernd ist, die Bühne ganz für sich zu haben. Sie müssen im Anschluss jedoch auftanken, à la „in der Ruhe liegt die Kraft“.

Energie aus sozialen Kontakten

Genauso, wie Introvertierte Spaß an öffentlichen Auftritten haben können, lassen Extrovertierte bei öffentlichen Auftritten natürlich nicht nur die Sau raus, sondern haben auch was zu sagen. Doch sie genießen es eher, im Mittelpunkt zustehen, ziehen ihre Energie aus der Aufmerksamkeit anderer, laufen erst dann zu Hochform auf, wenn sie in einer Gruppe sind. Sie könnten jeden Tag in der Menge baden und drehen beim Small Talk richtig auf.

Mischung aus Extra- und Introversion

Weder ist das eine besser noch das andere schlechter – und natürlich haben viele Menschen von den beiden Polen Introversion und Extraversion etwas. Doch meistens schlägt das Pendel in die eine oder andere Richtung aus. Wer wissen möchte, ob bei ihm oder ihr die extro- oder die introvertierte Seite stärker ausgeprägt ist, kann einen Kurztest nach dem Myers-Briggs-Typenindikator machen, der eine erste Einschätzung gibt. Ein deutscher kostenloser Kurztest findet sich hier, auf Englisch gibt es hier einen Test. Mehr über introvertierte Menschen gibt es auf der Website von Sylvia Löhken und in ihren Büchern.

Wie auch immer: Festgelegt ist bei jedem Menschen wohl nur die Grundrichtung. Genauso wie introvertierte Menschen lernen können, in der Öffentlichkeit mehr Gehör zu finden und auf ihre Weise Menschen zu begeistern, schaffen es extrovertierte Menschen mit etwas Übung, sich stärker zurückzunehmen und besser zuzuhören. Ab einem gewissen Alter können viele Menschen ohnehin beide Seiten bedienen – die eine besser, die andere weniger gut.

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