Interrail – die große Freiheit für 440 DM

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Das Gestell für den Schlafsack ist abgebrochen. Sonst ist er fast wie neu - der 30 Jahre alte Rucksack.
Das Gestell für den Schlafsack ist abgebrochen. Sonst ist er fast wie neu - der 30 Jahre alte Rucksack.

Neulich habe ich meinen ersten Reiserucksack wiedergefunden. Im Haus meiner Eltern. Er wartete im Keller auf mich. Natürlich hatte er über die Jahre etwas Staub angesetzt. Doch er war, trotz einiger Mängel, noch der gute, alte Rucksack, der mich auf vielen Reisen begleitet hat.

Ich nahm ihn in die Hand, wischte den Staub von seinem Rücken, setzte ihn probehalber auf und staunte. Mit dem unbequemen Ding war ich durch halb Europa gereist? Denn so komfortabel wie die heutigen Modelle waren die Wanderrucksäcke der frühen 1980er Jahre nicht. Meiner war zudem noch ein Billigmodell. 69 DM hatte er damals gekostet. Das habe ich mir gemerkt, weil diese Summe ein schmerzliches Loch in mein Schülerinnenportemonnaie riss.

Doch ich wollte ihn. Ich brauchte ihn. Denn wie sonst, außer mit Rucksack, hätte ich in den Sommerferien auf Interrail-Tour gehen sollen?

Mit dem Zug durch ganz Europa

Interrail – das war nicht nur ein Monat Europa mit dem Zug für alle von 16 bis 26 Jahren. Das war grenzenlose Freiheit für 440 DM. Nur in Deutschland musste man noch die Hälfte des regulären Fahrpreises bezahlen, weshalb der typische Interrailer Deutschland auf dem kürzesten Weg hinter sich ließ.

Mein damaliger Freund und ich, wir sparten diese Zugkosten sogar noch. Wir trampten einfach. Nach München, von wo aus der Hellas-Express uns in 40 Stunden nach Griechenland bringen sollte. Immer in der Tasche: ein Kursbuch, das alle nationalen und internationalen Zugverbindungen innerhalb Europas aufführte.

Käsefüße und Mettwurststullen

Die Fahrt mit dem Hellas-Express war ein Abenteuer. Wir hatten Sitzplätze in einem Abteil reserviert, das wir uns mit vier anderen Rucksacktouristen teilten. Nachts zogen wir die Sitze aus, sodass das Abteil eine einzige große Liegefläche war. Schlafen war wegen der Enge trotzdem kaum drin.

Außerdem wurde es umso heißer im Zug, je weiter wir nach Süden kamen, und nach einiger Zeit begann es im Abteil zu riechen. Nach Käsefüßen, Schweiß und warm gewordenen Mettwurstbroten, die als Proviant in unseren Taschen steckten.

In Jugoslawien verwandelte sich der Express schließlich in einen Nahverkehrszug. Er hielt an jeder Milchkanne, doch aussteigen durften wir nicht. Und an den Landesgrenzen wurden wir streng kontrolliert. Als wir endlich in Athen ankamen, atmeten wir auf. Zwar war die Luft auch hier nicht viel besser als im Abteil (Smog kannte man damals schon), aber wir konnten endlich unsere Arme und Beine ausstrecken und uns waschen. Und das Beste: Wir waren endlich da. In Griechenland!

Der Weg ist das Ziel

Doch in Athen wollten wir nicht bleiben, also ging unsere Reise gleich weiter. An einen Ort ans Meer. Wo genau wir hinwollten, wussten wir nicht. Wir kannten Griechenland nicht, hatten keinen Reiseführer und ließen uns einfach treiben. Blieben mal hier, mal dort. Oder suchten uns unsere Reiseziele nach dem Namen aus. Besonders klangvolle Orte gewannen. Einmal stiegen wir sogar mitten in der Nacht in einem kleinen Ort aus, nur um in den nächsten Zug wieder einzusteigen.

Übernachtet haben wir auf unserem Weg über den Peleponnes ohnehin häufig im Zug, denn dadurch sparten wir Geld. Davon hatten wir nämlich zu wenig, und man konnte ja nie wissen, ob man nicht noch mal eine stille Reserve brauchen würde. Deshalb zelteten wir häufig wild, und gingen nur auf einen Campingplatz, wenn wir uns waschen wollten. Nun ja …

Zeltaufbau auf dem Peloponnes in den 1980ern.
Beim Zeltaufbau auf dem Peloponnes in den 1980ern.

Vom Peleponnes ging es dann nach Korfu, wo wir Badeurlaub machten (und uns ausgiebig wuschen). Danach nahmen wir die Fähre nach Brindisi in Italien. Anschließend fuhren wir an Italiens Küste entlang und dann über Frankreich (mit Zwischenstopps in Paris und an der Atlantikküste), Belgien und die Niederlande wieder nach Hause. Den direkten Weg über die Schweiz konnten wir nicht nehmen, weil wir sonst eine zu lange Strecke durch Deutschland hätten fahren müssen. Die Hälfte des Fahrpreises …

Erholsam war das Ganze nicht. Ich kam total k.o. zu Hause an und musste erstmal richtig ausschlafen (und mich waschen …, ähem). Aber wir haben viel gesehen, viel erlebt und viel gelernt. Und am Schluss der Reise machte uns im Kursbuchlesen niemand so schnell was vor.

Interrail heute

Interrail gibt es übrigens immer noch. Und es ist nicht mehr nur auf die Altersgruppe zwischen 16 und 26 Jahren begrenzt. Allerdings ist es um einiges teurer geworden. Ein Monat unbegrenztes Bahnfahren in der zweiten Klasse in Europa kostet für Erwachsene unter 60 Jahren 668 Euro, für Jugendliche zwischen zwölf und 25 Jahren 442 Euro (Stand: Juni 2014). Günstiger wird das Ganze, wenn man ein Ticket kauft, das kürzer (z. B. 22 Tage) gültig ist, oder nur ein Land bereist.

Oder aber wir warten noch, bis wir 60 sind. Dann wirdʼs wieder billiger. Mein Rucksack jedenfalls steht bereit.

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