Ich will auf mein Herz hören – Nathalie Bromberger und ihr Zacken-Verlag

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Öffnet die Augen und spitzt die Ohren – hier kommen Nathalie Bromberger und ihr Zacken-Verlag! © Nathalie Bromberger
Öffnet die Augen und spitzt die Ohren – hier kommen Nathalie Bromberger und ihr Zacken-Verlag! © Nathalie Bromberger

Nathalie Bromberger hat viele Berufe: Sie ist Autorin, Illustratorin, Comiczeichnerin, Gestalt- und Kreativcoach und seit Neuestem auch – tada – Verlegerin. Doch vor allem ist Nathalie eins: eine unglaublich kreative, tolle Frau! Ich freue mich noch immer, dass wir uns vor einigen Jahren kennengelernt haben. Denn Nathalie hat nicht nur ihre ganz persönliche und (bestimmt nicht nur für mich) erhellende Sicht auf viele Dinge, sie macht immer wieder Mut, den eigenen Weg zu gehen. Auch wenn der manchmal ein bisschen holpriger ist – oder zumindest so tut.

Ha, und außerdem ist sie der beste Beweis dafür, dass kein Mensch zu jung oder zu alt ist, etwas Neues zu wagen und die Umstände zu ändern, die ihm nicht gefallen, und dass das gar nicht so viel Mut erfordert, oder Nathalie?

Das Problem ist aber gerade, Simone, dass es wahnsinnig viel Mut zu erfordern scheint. Und man es sich daher nicht traut. Während in Wirklichkeit gar nicht viel passieren kann, wenn man mit der Kreativität loslegt – nichts Schlechtes jedenfalls. Denn Gutes passiert jede Menge, wenn man einmal anfängt, dem Spaß, der eigenen Begeisterung und vor allem dem kreativen Herzen zu folgen.

Du hast Bücher als Autorin und Illustratorin in Verlagen veröffentlicht (Das Erfinder-Kritzelbuch und Klein und schlau – Experimente für junge  Forscherinnen und Forscher), warum hast du jetzt deinen eigenen Verlag, den Zacken-Verlag, gegründet (dessen Namen ich übrigens sehr toll finde)?

Das Experimentierbuch habe ich nicht mit einem Verlag gemacht, sondern mit der Initiative für junge Forscherinnen und Forscher – und das war eine tolle Zusammenarbeit, gerade weil es hier ganz anders lief als mit Verlagen. Meine ersten Bücher habe ich ja als junge Frau in den Niederlanden veröffentlicht und schon da fand ich die Zusammenarbeit zum Teil sehr frustrierend. Aber die negativen Erfahrungen mit Verlagen sind beileibe nicht die wichtigsten Argumente für die Verlagsgründung.  In meinem Blog hab ich letztens sieben gute Grunde dafür beschrieben – wäre ein bisschen lang, die alle hier aufzuzählen. Der wichtigste ist, dass ich erwachsen bin und Künstlerin – und dass die Rolle, die Autoren und Illustratorinnen in der Zusammenarbeit mit Verlagen haben, daher einfach nicht mehr zu mir passt.

Das Logo des Zacken-Verlags
Das Logo des Zacken-Verlags

War es schwierig, diesen Schritt zu gehen?

Nein, im Gegenteil. Ich habe wohl im Hinterkopf schon Jahrzehnte darauf zugearbeitet und in den letzten zehn Jahren alles gelernt, was ich für den Verlag brauche: Grafikdesign und Druckvorbereitung, mit WordPress arbeiten und – am wichtigsten: auf mein Herz hören. Als ich dann endlich die Formalitäten erledigt habe (Gewerbe anmelden, ISBNs beantragen …) war das nur noch befreiend.

Und warum hast du gleich einen Verlag gegründet? Es gibt doch auch die Möglichkeit, Bücher im Selfpublishing herauszugeben, ohne einen Verlag zu gründen?

Wenn ich nur Romane schreiben würde, hätte ich mich vielleicht auch nicht dazu entschlossen, sondern stattdessen E-Books über BoD (Anmerkung: BoD = Books on demand – ein Dienstleister fürs Veröffentlichen von Büchern) herausgebracht. Aber für mich sind Bücher mehr als Text. Ich will Bücher zum Anfassen machen, das Haptische finde ich ganz wichtig. Und natürlich hat alles, was ich mir ausdenke, auch Zeichnungen. Und viel Farbe. Da reichen E-Books nicht und mit meinen Ideen kam ich bei BoD und Co. schnell an die Grenzen. Auch bei meinem Budget übrigens, denn in Farbe drucken ist so viel teurer als Schwarzweiß. Aber die finanziellen Begrenzungen laden auch wieder zu kreativen Lösungen ein. Und mir macht es wahnsinnig Spaß, über die verschiedenen Möglichkeiten der Veröffentlichung, des Drucks, des Papiers, des Vertriebs und Verkaufs nachzudenken.

Du schreibst auf deinem Blog, dass du dich entschlossen hast, jetzt „Vollherz-Unternehmerin“ zu werden. Du bist ja schon lange Freiberuflerin. Inwiefern unterscheiden sich die Freiberuflerin und die Unternehmerin Nathalie?

Für mich ist das ein riesiger Unterschied. Als Freiberuflerin ist mein „Produkt“ direkt an meine Person gebunden. Ob ich nun stundenweise abrechne oder projektweise: Die Kunden bekommen einen Batzen meiner Zeit. Und die Arbeit könnte nicht durch jemand anderen ausgeführt werden, meine Arbeit ist meine Handschrift. Unternehmen dagegen bedeutet für mich: etwas aufzubauen, das größer ist als meine Person und das auch ohne mich existieren könnte. Eine Freundin hat sich schiefgelacht als sie hörte, dass ich darüber nachdenke, andere Illustratoren zu beauftragen. Ich könne doch selbst zeichnen. Ja, das könnte ich – aber meine Art zu zeichnen passt vielleicht nicht zu jedem Buch, das ins Verlagsprogramm von Zacken passt. Und ich sehe das ganz nüchtern: Jedes Buch bekommt, was es braucht, um seinen Geist entfalten zu können. Außerdem kann ich gar nicht alles selbst machen, wenn ich meine unzählbaren Ideen verwirklichen will. Zusammenarbeit ist auch deshalb sehr verlockend.

Ich mag deine Art, ans „Unternehmertun“ dranzugehen, wie deine Autokorrektur „Unternehmertum“ verbessert hat. Was möchtest du als Unternehmerin unbedingt machen, was keinesfalls?

Ganz unbedingt will ich auf mein Herz hören und nur das tun, was ihm gefällt. Ansonsten will ich: Verantwortung nehmen, für meine Entscheidungen einstehen, mich nicht verstecken, sondern raus in die Welt gehen und mit vielen wunderbaren Menschen zusammenarbeiten. Im Moment bin ich gerade dabei, Kontakte mit anderen VerlegerInnen zu knüpfen, ich denke, dass ich von denen sehr viel lernen kann.

Erzähl doch noch ein bisschen über den Zacken-Verlag. Weißt du schon, welches das erste Projekt deines Verlages sein wird (wenn du noch nicht darüber reden möchtest, ist das natürlich auch völlig okay – man muss ja auch Betriebsgeheimnisse wahren)? Gibt es eine spezielle Richtung für die Bücher, die du veröffentlichen willst?

Die ersten drei Projekte, die ich dieses Jahr noch herausbringen will, sind ein Kinderbuch zum Thema Anderssein, ein „Buch mit Zubehör“ über Niedermacher und … nee, über das dritte rede ich lieber noch nicht.

Wirst du trotzdem weiter für andere Verlage schreiben oder zeichnen?

Wenn ich ein Projekt interessant finde, natürlich. Und ich will auch weiter Aufträge von Kunden annehmen, weil ich merke, wie inspirierend es ist, mit anderen zusammenzuarbeiten oder auch einfach ausführend zu arbeiten. Dabei entdecke ich immer wieder neue Seiten von mir und von meiner Arbeit.

Doch jetzt noch mal weg vom Thema Verlag. Deine Blogartikel zum Thema Kreativität haben mir schon einige Male die Augen geöffnet. Zum Beispiel sagst du, dass Kreativität für dich ein Prozess ist, der unabhängig von dem ist, was dabei herauskommt. Kreativität spiegelt sich also nicht darin wider, ob das Ergebnis besonders toll oder erfolgreich ist, sondern im Tun. Wann kannst du am besten kreativ sein? Geht das jeden Tag? Hast du bestimmte Zeiten? Oder gibt es bestimmte Rituale oder Tricks, die dir beim Kreativsein helfen? Denn manchmal muss man als Freiberuflerin oder Unternehmerin ja die Kreativität auch ein bisschen herbei locken, z. B. wenn es darum geht, Deadlines zu halten.

Ich hab in den letzten zwei Jahren ja so eine Art Selbsthilfeprogramm durchgezogen, um mich von meinen kreativen Zweifeln zu befreien. Das hat erstaunlich gut geholfen, auch wenn es verrückterweise gar nicht so genau zu sagen ist, was ich jetzt anders mache. Es ist eher so, dass ich anders BIN: Ich habe meine Ängste losgelassen und ein enormes Vertrauen gefunden. Und erstaunlicherweise merke ich, dass ich besser arbeite, wenn ich wenig arbeite. Ich plane nur noch zwei Stunden am Tag mit kreativer Arbeit ein und höchstens ebenso viel für Buchhaltung und Co. Den Rest der Zeit lasse ich offen und seit ich das so handhabe, bin ich viel produktiver. Denn die wichtigste Arbeit geschieht nicht am Computer, sondern irgendwo zwischen Herz und Hinterkopf. Und dieser Prozess kann sich nur entfalten, wenn man ihm Vertrauen und Zeit schenkt.

Wann bist du mit dem Ergebnis eines kreativen Prozesses besonders zufrieden?

Wenn ich Spaß habe und mich lebendig fühle.

Gibt es etwas, was du Menschen empfiehlst, die gerne kreativ werden möchten, aber nicht wissen, wie?

Arbeite mit allen Sinnesorganen und lass es dir gutgehen. Wenn kreative Arbeit quälend ist, lohnt sie sich für mich nicht.

Arbeitest du weiterhin als Kreativitäts-Coach? Kann man dich buchen oder gibst du Kurse – und wenn ja, wo?

Ja, aber zur Zeit biete ich nur Kreativitätstrainings an, das sind intensive Einzeltrainings, bei denen ich mit Kreativen daran arbeite, den Kern ihrer Kreativität zu entdecken, herauszufinden, wo all die roten Fäden zusammenkommen und ihre Energie sich bündelt. Weil das sehr intensive Arbeit ist, mache ich das aber nur zwei- bis dreimal im Monat. Ich ziehe ja demnächst nach Frankfurt und will dort dann auch wieder Workshops für Gruppen anbieten.

Gibt es etwas, das du Menschen gern mit auf den Weg geben würdest, die wie du in den Sechzigern geboren wurden?

Vielleicht diesen Gedanken: Als wir jung waren, Anfang der Siebziger, da war so eine tolle offene und lebendige Zeit, die Leute haben die verrücktesten Projekte gemacht und sich nicht „vom Markt“ oder von dem was angeblich unmöglich ist, zurückhalten lassen. Unsere Generation hat sich da etwas zu viel ernüchtern lassen. Ich weiß, dass ich als junge Frau mich auch von den verrückten Ideen der 68er abgrenzen musste, so ging es sicher vielen anderen auch. Aber jetzt sind wir in einem Alter, in dem gilt: Wenn wir jetzt nicht loslegen, dann ist es vielleicht zu spät. Ein bisschen mehr Übermut und Idealismus dürfen wir uns ruhig auf die Fahnen schreiben. Mir gefällt dein Blog auch deshalb so gut, weil er mich an die Zeit erinnert, in der alles möglich war.

Danke, Nathalie – natürlich für deine letzte Aussage 🙂 , vor allem aber für deine Antworten.

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