Ich kann gut streichen

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Martina Walter - Frau mit braunen Haaren und Brille
Martina Walter

Martina Walter, in den 1960ern geboren, ist Mutter von zwei Kindern, verheiratet, arbeitet in der Bücherei Bodenwerder, fotografiert, treibt regelmäßig Sport und beschäftigt sich intensiv mit gesunder Ernährung. Schön, dass sie trotz der vielen Dinge, die sie unternimmt, Zeit für ein Gespräch mit „Geboren in den Sechzigern“ gefunden hat.

Liebe Martina, wie schaffst du es, so viele verschiedene Dinge unter einen Hut zu bekommen? Hast du ein Geheimrezept?

Ich streiche regelmäßig, was mir nicht mehr so wichtig ist. Um etwas Neues anzufangen (lacht).

Und was ist dir nicht so wichtig? Fotografieren zum Beispiel ist dir wichtig, nehme ich an?

Ja, das ist mir wichtig. Aber das muss ich ja nicht ständig. Jetzt zum Beispiel habe ich wieder einen Kurs besucht und dann gemerkt, dass ich so eine Art von Fotografie, wie sie dort gezeigt wurde, nicht will. Das war so ein künstlerischer Ansatz. Ich aber möchte einfach nur schöne Fotos machen und wünsche mir, dass die Menschen, die ich fotografiere, sich auf den Fotos schön finden. Künstlerisch wertvoll müssen die Fotos jedoch nicht sein.

Hm, was mache ich noch, um all das, was ich tue, unter einen Hut zu kriegen? Ich hab natürlich das große Glück, dass ich keiner regelmäßigen Arbeit nachgehen muss.

Naja, komm: Du arbeitest in der Bücherei, du schmeißt den Haushalt, kümmerst dich um deine Familie, um deine Kinder und deinen Mann.

Aber ich mache viele Dinge, bei denen ich mir die Zeit selber einteilen kann. Das ist wahrscheinlich der Vorteil. Ich muss nicht alles sofort machen, sondern kann Dinge schieben, wie es am besten passt. Das finde ich sehr angenehm. Schon allein, weil mir die Zeit mit der Familie sehr wichtig ist, genauso gesunde Ernährung – und dazu brauche ich ebenfalls Zeit. Ein weiterer Vorteil, um mehrere Dinge unter einen Hut zu bekommen:  Ich habe sehr „pflegeleichte“ Familienmitglieder.

Die dir deine Freiräume lassen?

Ja, genau.

Was macht dir denn an deiner Arbeit in der Bücherei am meisten Freude?

Die vielen Menschen, die kommen. Die vielen unterschiedlichen Menschen. Die netten Kontakte. Und dass meine Kollegin und ich uns gegenseitig wiederum so viele Freiräume lassen. Und ich deshalb eigenständig viele Ideen einbringen und umsetzen kann – nach Absprache natürlich.

Ihr – die Bücherei Bodenwerder – organisiert ja auch viele Veranstaltungen: Autorenlesungen, Theaterbesuche, Flohmärkte, Aktionen für Kinder usw.

Genau. Und wenn mir da etwas Neues einfällt, sagt meine Kollegin in der Regel: „Mach mal ruhig.“ Beispielsweise gehen wir jetzt auf meinen Vorschlag hin auf eine kleine regionale Messe. Und da meine Kollegin viele Kontakte hat, managt sie dann das „Bürokratische“. Das teilen wir wirklich gut zwischen uns auf. Wir haben in den letzten Jahren auch viel erneuert, viel Altes weggeworfen, renoviert und vieles andere mehr. Und das kam bei unseren Lesern sehr gut an.

Jetzt aber noch mal zu den anderen Dingen, die du so machst. Wie bist du denn zum Fotografieren gekommen? Du machst das zwar nicht beruflich, aber du fotografierst ja schon so semiprofessionell.

Ich habe mir vor ungefähr 20 Jahren mal von einer Arbeitskollegin eine Spiegelreflexkamera ausgeliehen und habe den gewaltigen Unterschied zum „Knipsen“ entdeckt. Und habe dann einen Fotokurs – natürlich noch analog – mitgemacht. Dann habe ich mir – sehr spät – eine digitale Spiegelreflexkamera gekauft. Die hatte so viele Funktionen, dass ich irgendwann gedacht hab, da muss man doch noch mehr mit machen können, als ich es bis dahin konnte. Und habe dann einen Einsteigerkurs an der Volkshochschule zum Thema „Kamera neu gekauft – und jetzt?“ entdeckt. Dort habe ich dann vieles gelernt, was mit der Kamera überhaupt noch geht. Und auch der Fotograf, der den Kurs gab, hat mir gut gefallen. Daraufhin habe ich dann mehrere weitere Kurse belegt. Sechs inzwischen.

Kann man deine Bilder irgendwo sehen?

Nein. Ich möchte das nicht. Wenn mich jemand bittet: „Kannst du mal ein schönes Foto von mir machen?“, dann mach ich das. Am liebsten draußen. Und die Leute sollen sich auf den Bildern schön finden. Mein Anspruch ist, dass die Leute die Bilder anschauen und sagen: „Genau! So sehe ich aus.“ Einen künstlerischen Anspruch habe ich nicht, den Menschen sollen ihre Fotos gefallen, nicht mir. Bei Bekannten begleite ich demnächst noch eine Hochzeitsnachfeier, aber professionell mache ich das nicht. Trotzdem: Das Fotografieren macht mir viel Spaß.

Fotografierst du auch etwas anderes als Menschen? Machst du auch Naturbilder?

Weniger. Menschen sind mein Lieblingsmotiv. Schön ist es, wenn Menschen, die sich nicht gern fotografieren lassen oder sich auf Bildern grundsätzlich hässlich finden, mir das Feedback geben, dass ihnen meine Fotos von ihnen gefallen. Das ist mein Ziel: mit den Fotos den Leuten eine Freude zu machen.

Mit Anfang 20 konnten wir uns alle nicht vorstellen, 50 zu werden. Findest du den Unterschied zwischen Ende 40 und Anfang 20 aus heutiger Sicht nun tatsächlich so groß, und was ist für dich der Unterschied zwischen heute und damals?

Körperlich fühle ich mich nicht wirklich schlechter. Aber vielleicht hab ich mich auch schon an so manches gewöhnt. Trotzdem: Der Aufwand ist größer, um alles „am Laufen“ zu halten. Finde ich. Man muss sich schon ein bisschen mehr anstrengen, z. B. sich gesund ernähren, bewegen. Der Unterschied zwischen 20 und jetzt? Was ich jetzt schön finde, ist diese Ruhe im Leben. Mit Anfang 20 ist ja alles so aufregend: Man musste oder wollte sich im Beruf orientieren, eine Familie gründen, ein Haus bauen. Das war im Rückblick alles ganz schön anstrengend. Es war eben ein ganz anderes Leben. Für mich ist heute da so eine Ruhe reingekommen.

Etwas hat sich aber schon geändert: Nämlich, wenn mich heute meine Eltern brauchen, bin ich da und nicht – wie noch mit Anfang 20 – umgekehrt. Zu sehen, dass es ihnen mit zunehmendem Alter nicht immer gut geht, ist nicht leicht anzunehmen. Aber jetzt ist es an der Zeit, etwas zurückzugeben.

Hast du denn auch das Gefühl, in dir angekommen zu sein? Kann man das so sagen?

Ja, ich weiß, was ich will und nicht will. Und ich kann gut streichen, wenn ich meine: Das brauche ich jetzt nicht mehr. Ich finde das Leben jedenfalls nicht schlechter als damals. Es ist so eine Gelassenheit im Leben und so vielen Dingen gegenüber. Damals, mit 20, musste oder wollte ich immer meinen Kopf durchsetzen. Das sollte so und so sein. Dann habe ich dafür gekämpft. Heute sage ich schon mal: „Okay, dann machen wir das anders.“ Bei Dingen, die nicht wirklich wichtig sind, kann ich mittlerweile gut sagen: „In Ordnung, dann lassen wir die so laufen.“ Dafür lohnt es sich nicht mehr, sich über alle Maßen anzustrengen. Und das ist auch gut, stelle ich jetzt fest.

Wärst du denn gerne noch mal 20?

Mit der Gelassenheit von heute, ja. (lacht) Das war auch schön. Ich finde, jede Zeit hat etwas Schönes, jede Zeit ist anders. Ich finde nicht unbedingt, dass das Leben heute mit Ende 40 schlechter ist. Es ist nur anders.

Wie fühlst du dich mit Ende 40? Weiser, ruhiger oder vielleicht auch lauter als früher?

Mit Weisheit würde ich jetzt diese eben schon genannte Gelassenheit bezeichnen. Diesen anderen Blick auf viele Dinge, den ich sehr angenehm finde. Ruhiger jedoch finde ich mich nicht. Ich mach am liebsten immer noch das Licht aus auf der Party. Vielleicht brauch ich nicht mehr ständig Trubel um mich herum, aber wenn, dann richtig.

Selbstbewusster bin ich auf alle Fälle. Ganz klar. Ich stehe jetzt dazu, dass ich meinen Beruf im Moment nicht ausübe, weil ich zu Hause bin und mich um Haushalt und Kinder kümmere. Die klassische Rollenaufteilung eben: Der Mann geht arbeiten, und die Frau ist zu Hause. Das hat mir früher jedoch viele Probleme bereitet.

Jahrelang hatte ich deshalb das Gefühl, mich gegenüber anderen Frauen, die gearbeitet haben, rechtfertigen zu müssen. Die anderen Mütter machten immer so einen auf wichtig: „Nein, ich kann dies nicht tun und das nicht tun. Nein, ich kann keinen Kuchen backen. Ich muss arbeiten.“ Ich hab dann immer gedacht: Ich möchte auch mal so wichtig sein. Ich hatte mich deshalb auch direkt entschieden, wieder arbeiten zu gehen, als mein jüngstes Kind fünf geworden war. Hatte auch schon alles geklärt. Aber irgendwie ging es mir nicht gut dabei. Meinem Mann auch nicht. Wir hätten beide Schichtdienst arbeiten müssen.

Ich wusste aber auf einmal gar nicht, warum es mir nicht gut ging. Und habe so rumüberlegt: Was ist das, was dich so beschäftigt? Und dann wusste ich: Es ist diese Vorstellung, wenn ich morgens Frühdienst habe und um viertel nach fünf aus dem Haus muss, wie wird das? Müssen die Kinder dann alles alleine machen, wenn mein Mann auch nicht da ist? Schließlich haben wir hier niemanden, der hätte einspringen können. Keine Oma, die das hätte übernehmen können. Und der Kleine kam zur Schule. Da hab ich gemerkt, dass mich das alles sehr beschäftigt und dass es eine organisatorische Höchstleistung gewesen wäre. Und dass ich dann auch nicht mehr zufrieden bin, wenn ich immer nur hin und her hetze und nichts wirklich richtig machen kann. Deshalb habe ich dann zu meinem Arbeitgeber gesagt: „Leute, es wäre schön gewesen, aber es geht einfach nicht.“ Darunter hab ich noch eine Weile gelitten. Doch inzwischen sage ich mir: Was für einen Luxus habe ich eigentlich! Ich mache viele Dinge, und ich mache so vieles, was ich gern tue und wann ich es möchte. Wer hat schon diesen Luxus? Und dann denk ich auch, dass ich mein Helfersyndrom, das ich als Krankenschwester habe (lacht), ja nicht ausleben muss, indem ich einen festen Arbeitsvertrag habe, sondern ich kann allen Menschen in meinem Leben jeden Tag etwas Gutes tun.

Aber du arbeitest doch! Nicht nur in der Bücherei, sondern auch zu Hause. Ich finde ohnehin, dass Familienarbeit viel zu wenig gewürdigt wird. Und dabei ist sie so wichtig.

Ja, aber das habe ich mir so ausgesucht. Und ich brauche keinen Schichtdienst machen, ich arbeite zu Zeiten, zu denen ich alles mit dem Rest, den ich mache, verbinden kann.

Mit 20 hat man viele Träume. Konntest du davon bislang einige verwirklichen?

Ich kann mich nicht an keinen Traum erinnern, der so präsent war. Wahrscheinlich wäre er mir nur im Gedächtnis, wenn er sich nicht erfüllt hätte.

Wie hat sich aus deiner Sicht das Leben der 20-Jährigen und Jüngeren heute im Vergleich zu unserem Leben als 20-Jährige verändert?

Ich finde, sie haben sehr viel Stress, schon durch ihre Handyerreichbarkeit. Das finde ich richtig schlimm, ständig erreichbar zu sein. Doch hat man als Einziger kein Handy, bekommt man nichts mehr mit. Wie frei waren wir doch im Vergleich dazu! Uns konnte keiner hinterhertelefonieren, uns konnte keiner erreichen. Und wenn man nicht selbst zu Hause anrief, weil man länger wegbleiben wollte, konnte man sagen: „Ich hab keine Telefonzelle gefunden, aus der ich hätte anrufen können.“

Heute hingegen gibt es Mütter, die schon fast erwarten, dass ihre Kinder sie über alles informieren, dass sie z. B. eine SMS schreiben, wie die Klassenarbeit gelaufen ist. Ich finde, man sollte die Kinder einfach mal in Ruhe lassen. Auch Nachrichten wie „Ich bin jetzt Mittagessen“, die ältere Kinder, die im Berufsleben stehen oder studieren, ihren Eltern aus einer anderen Stadt schicken, sind doch so was von unwichtig. Es ist so viel Informationsmüll unterwegs, den kein Mensch braucht, der aber Stress verursacht. Stress, ständig jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen.

Es wird auch so viel über die Jugendlichen geschimpft. Ich mag das nicht, denn letztendlich hat unsere Leistungsgesellschaft sie dazu gemacht, wie sie sind. Für viele Eltern zählt nur das Abitur. Und was ist mit dem Rest? Die tollen, jungen Menschen, die andere Dinge super machen? In der Grundschule beginnt der Druck, und dann kann schon die Unbeschwertheit verloren gehen. Wenn’s gut läuft, haben Jugendliche  einfach diese Leichtigkeit, dieses Gefühl des ewigen Lebens,  das ist doch toll. Und wenn wir ehrlich sind, Chaoten gab’s schon immer.  Bestimmt haben sich unsere Eltern auch über uns die Haare gerauft. Ich bin mir sicher. Ich habe davon nichts gemerkt. Ich hoffe unseren heutigen Jugendlichen geht’s genauso.

70 % lernen die Kinder vom Vorbild.  Und das ist unsere Aufgabe!

Sind die Jugendlichen heute denn selbstbewusster?

Ja. Sie sind selbstbewusster, aber trotzdem noch nicht so reif. Ich glaube, wir wussten schon eher, was wir mal machen wollen.

Was meinst du? Unterscheiden wir uns von unseren Eltern, als die in unserem jetzigen Alter waren? Und wenn ja, inwiefern?

So viele Unterschiede sehe ich jetzt nicht. Außer vielleicht, dass die wenigsten Mütter zur damaligen Zeit erwerbstätig waren. Insofern mussten sie sich nie vor anderen rechtfertigen, warum sie nicht arbeiten gingen. Sie mussten sich deshalb nicht minderwertig fühlen.

Stimmt, da ist die Erwartungshaltung an die Frauen heute größer. Auch die anderer Frauen. Schade eigentlich. Jeder/jede sollte doch nach seiner/ihrer Façon glücklich werden.

Ich bin aber trotzdem froh, zwei Berufe gelernt zu haben.

Zwei Berufe?

Bevor ich Krankenschwester wurde, habe ich eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht. Doch anschließend gefiel mir das nicht. Ich wollte auch eigentlich immer Krankenschwester werden, doch irgendwie hat sich das zunächst nicht ergeben.

Jetzt fällt mir übrigens noch etwas ein, was uns von unseren Eltern unterscheidet. Meine Mutter hat zu Hause alles organisiert, alles, was mit den Kindern zusammenhing. So ist sie z. B. in die Schule gegangen, wenn es etwas zu besprechen gab, zu Elternabend und Elternsprechtagen, zum Arzt. Mein Vater wäre zu so etwas nie mitgegangen. Das war Sache meiner Mutter. Mein Mann und ich teilen uns das. Die Rollenverteilung früher war eben etwas anders.

Gibt es ein Ereignis, das dein Leben verändert hat?

Ich denke, mit das Wichtigste war zu erkennen, dass ich viele wertvolle Dinge mache, auch wenn ich keine 20 oder 40 Stunden in der Woche arbeiten gehe. Ab dem Zeitpunkt wurde mein Leben leichter. Daraufhin habe ich mir dann auch die Tätigkeit in der Bücherei gesucht. Ich bin einfach in die Bücherei gegangen und habe gefragt, ob meine jetzige Kollegin jemanden braucht, der hilft. Tja, und das hat dann geklappt.

Gibt es etwas, das du unbedingt noch machen möchtest?

Im Moment habe ich das Gefühl, ich kann alles noch machen, was ich will. Ich habe nicht das Gefühl, ich müsste mir jetzt schon aussuchen, was ich unbedingt machen will, weil ich nicht mehr alles schaffe.

Und wie stellst du dir dein Leben in 20 Jahren vor?

In 20 Jahren wäre mein größter Wunsch,dass meine Kinder im Leben gut zurechtkommen. Ich wünsche mir, dass wir fit sind und ein bisschen rumreisen können. Und zwar alles ganz entspannt, ohne strammes Programm.

Gibt es Themen, zu denen du deine Einstellung über die Jahre völlig verändert hast?

Ich gehe heute mit Lehrern anders um, bin gelassener, was das Schulthema angeht. Auch, was die Kinder ganz allgemein angeht. Mir ist vor allem wichtig, dass sie stark sind und das Leben meistern können. Das andere kommt dann schon. Dann finde ich jetzt auch schön, dass der Körper nicht mehr so sehr im Vordergrund steht wie in jungen Jahren, dass man nicht unbedingt mehr ganz schlank sein muss. Ich bedauere diejenigen, die an diesem Punkt noch nicht angekommen sind. Ich finde es zwar wichtig, nicht übergewichtig zu sein, aber Wonneröllchen sind okay. Die kommen ohnehin. Das können die Wenigsten verhindern.

Was ist dir denn besonders wichtig heute?

Besonders wichtig ist mir, dass die Kinder das Schöne an unserer Welt und Umwelt erkennen und man damit verantwortungsvoll umgehen muss. Weil ich denke, dass wir in den letzten 100 Jahren da ziemlichen Bockmist getrieben haben. Ich freue mich z. B., wenn sie bemerken, dass die Vögel zwitschern. Wichtig ist mir auch, dass die Kinder sich anderen gegenüber respektvoll verhalten. Naja, den respektvollen Umgang überhaupt finde ich wichtig. Und dass die Kinder ihr Leben meistern, wenn sie aus dem Haus gehen. Ich gehöre nicht zu den Müttern, die klammern und jammern, wenn ihre Kinder weggehen. Ich freue mich darüber, wenn sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Schließlich ist es doch das Ziel jeder Mutter, ihre Kinder irgendwann selbstständig in die Welt zu entlassen. Wenn das so ist, haben wir doch alles richtig gemacht.

Welches historische Ereignis, das du miterlebt hast, hat dich am meisten beeindruckt?

Der Mauerfall. Ich krieg jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke. Es war so unfassbar, was da passiert ist. Die gleiche Freude wie damals kommt immer noch auf, wenn ich Bilder oder Filmausschnitte von damals sehe. Das war so unglaublich. Das Durchhaltevermögen und der Zusammenhalt der Menschen war beeindruckend. Egal, was daraus geworden ist.

Weißt du noch, was du am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, gemacht hast?

Ich habe auf meinen Neffen aufgepasst, der drei Jahre alt war. Habe im Wohnzimmer gesessen und das Ganze verfolgt. Und plötzlich gedacht, was bollert da über mir so? Da hüpfte der Kleine in seinem Schlafsack über mir in seinem Zimmer herum. Und ich hab erst nichts davon mitbekommen. Dann bin ich natürlich schnell hin, und wir beide haben dann gekuschelt.

Und was hast du am 11. September 2001 getan, als der Terroranschlag aufs World Trade Center erfolgte?

Ich habe gebügelt und dabei ferngesehen. Ich habe dann tatsächlich gedacht: „Ach, so einen blöden Actionfilm will ich jetzt nicht gucken.“ Dann habe ich umgeschaltet, und da kam dann dasselbe. Ich habe das Ganze erst gar nicht so registriert, bis die Nachrichtensprecher ihre bestürzten Kommentare abgaben. Dann flog das zweite Flugzeug ins World Trade Center. Das Ganze war so beklemmend.

Haben dich diese und ähnliche Ereignisse verändert? Hast du mehr Angst?

Nein, ich hab generell wenig Angst.

Was würdest du an historischen Ereignissen denn gerne noch erleben? Den Weltfrieden oder die Landung von Außerirdischen? Oder etwas ganz anderes?

Es ist nicht wirklich ein historisches Ereignis, aber ich finde die Entwicklung unserer Ernährung so dramatisch. Die Massentierhaltung, gentechnisch veränderte Lebensmittel, Fertiglebensmittel, Fast Food usw. Ich wünsche mir, dass es da eine Abkehr von gibt. Denn so kann es nicht weitergehen. Nehmen wir nur mal als Beispiel die Antibiotikanutzung in der Tierhaltung. Es gibt mittlerweile so viele resistente Krankheitserreger, viele davon sind mittlerweile schon im Fleisch. Und ich befürchte, dass es irgendwann zu einer katastrophalen  Seuche kommt, die ein komplettes Umdenken notwendig macht. Bislang wird das alles noch zu wenig beachtet, und selbst kleinste Veränderungen dauern immer so lange.

Was ist für dich die größte technische Errungenschaft?

Das Internet. Die weltweite Verbindung der Menschen miteinander, die viel Gutes bringt, man muss nur den Umgang dosieren.

Gibt es eine Musiker, eine Band, einen Song, einen Film, einen Schriftsteller oder ein Buch, der, die oder das dich dein Leben lang begleitet hat?

Abba. Abba war einfach toll. Die Musik ist immer noch toll. Zu meinem 40. Geburtstag waren Verwandte von mir für mich Abba. Sie haben sich dementsprechend angezogen und eine Playback-Show gemacht – nur für mich. Das war eines der schönsten Geschenke.

Danke, Martina, für dieses tolle Gespräch!

 

1 KOMMENTAR

  1. Martina, ich finde es toll wie du das mit dem streichen hinbekommst. Mir fehlt es da manchmal, aber ich denke dass es gerade heute mit den vielen Medien und Möglichkeiten wichtig ist dass man filtert.

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