Graue Haare, graues Denken?

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Grau oder silbern, das ist hier die Frage.
Grau oder silbern, das ist hier die Frage.

Du, ich und ja, auch Sie da hinten, selbst wenn Sie es vielleicht noch nicht wissen: Wir liegen dieses Jahr voll im Trend. Und zwar mit unseren grauen Haaren. Jedenfalls vermelden seit Mitte 2014 immer mehr Modezeitschriften, dass „Silber das neue Blond“ sei.

Nee, watt haben wir für ein Glück! Endlich brauchen wir mal gar nichts tun, um auf der Höhe der Zeit und der Mode zu sein. Wir brauchen die Haare nicht mehr auszureißen oder zu färben, nur waschen sollten wir sie vielleicht noch.

Ich mochte ja die weißen Haare immer schon, die vor ein paar Jahren anfingen, zwischen meiner Ursprungshaarfarbe (Naturhaarfarbe kann ich jetzt wohl nicht mehr sagen) zu sprießen. Sie verleihen dem Straßenköterblond so schöne Glanzlichter. Auch eine gute Freundin von mir, die schon mit Mitte 20 teilweise ergraut war, hat bereits vor ein paar Jahren beschlossen, ihre Haare nicht länger zu färben, sondern zu ihrem silbernen Haarschopf zu stehen.

Männer mit grauen Schläfen

Männer haben mit grauen Haaren – noch – weniger Probleme (Gerhard Schröder und Silvio Berlusconi mal ausgenommen). Jedenfalls, wenn man der folgenden Umfrage glaubt, nach der sich 66 % aller Männer noch nie die Haare gefärbt haben. Vielleicht, weil bei Frauen graue männliche Schläfen gut ankommen, wie wiederum eine von der Apotheken-Umschau in Auftrag gegebene Umfrage herausgefunden haben will.

Doch warum ist das so? Dafür gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Graue Haare bei Männern wirken seriös. Sie sollen angeblich ein Zeichen für Lebenserfahrung und Reife sein. Die Männer mit den grauen Schläfen wissen demnach, was sie wollen, und setzen es auch durch. Alphamännchen halt.

Steht Grau jetzt auch bei Frauen für Lebenserfahrung?

Vielleicht spricht der Trend zur silbernen Haarpracht dafür, dass Grau auch auf dem Kopf von Frauen allmählich mit positiven Eigenschaften in Verbindung gebracht wird, statt nur mit der Unlust zum Haarefärben oder einer Verweigerungshaltung. Obwohl: Wenn ich es mir recht überlege, ist mir das ziemlich egal. Denn graue Haare sind schließlich nur eine Folge von biologischen Veränderungen.

Die Haarfarbe ist nicht dafür verantwortlich, was im Kopf eines Menschen vorgeht. Sie hat auch nichts mit der individuellen Reife zu tun. Manchmal noch nicht mal was mit dem Lebensalter. Denn es gibt – siehe oben – gar nicht mal so wenige junge Menschen, deren Haare die Pigmente verlieren. Und weder sind alle Männer mit grauen Haaren George Clooneys noch alle Frauen mit grauen Haaren alte Hexen. (Möglicherweise ist es auch gar nicht erstrebenswert George Clooney und gar nicht schlimm, eine Hexe zu sein.)

Schubladendenken

Übrigens: Genauso wenig wie die Haarfarbe eines Menschen Rückschlüsse auf sein Wesen zulässt, tun dies die Kleidung eines Menschen oder andere veränderliche äußere Merkmale (unveränderliche natürlich auch nicht, doch um die geht es mir jetzt gerade nicht). Das muss ich mir immer wieder klarmachen. Ich schätze, damit bin ich nicht allein. Es ist nämlich verdammt schwierig, andere Menschen aufgrund ihres Äußeren nicht sofort in eine Schublade zu packen. Denn oft täuscht dieser erste Eindruck. Ich jedenfalls habe schon mehrfach erlebt, dass in einem auf den ersten Blick konservativ wirkenden Anzug ein (nach meinen Maßstäben) freierer Geist steckte als in einer zerrissenen Jeans.

Trotzdem: Ich finde es gut, dass weiße Haare (denn alle grauen Haare sind weiß, sagt Wikipedia) momentan angesagt sind. Denn auf einen Schlag gilt als modisch, was zuvor lieber kaschiert werden sollte (außerdem glitzern weiße Haare so schön in der Sonne).

Noch ein paar Fakten zu grauen Haaren

  • Forscher der Johannes Gutenberg-Universität Mainz machen Wasserstoffperoxid, das u. a. auch zum Blondieren von Haaren genutzt wird, für die Weißfärbung der Haare verantwortlich. Denn in den Haaren kommt Wasserstoffperoxid in bestimmten Mengen vor und der Organismus kann es ab einem gewissen Alter weniger gut abbauen. Verschiedene Prozesse haben dann noch zur Folge, dass Wasserstoffperoxid die Bildung von Melanin verhindert, einem Stoff, der für die Färbung der Haare zuständig ist.
  • Andere Wissenschaftler vermuten, dass die Vorläuferzellen der Melanozyten, also der Melanin bildenden Zellen im Haarbalg, eine kürzere Lebenserwartung besitzen als die Vorläuferzellen der Keratinozyten, die die Haarsubstanz produzieren. Deshalb wächst zwar das Haar bis ins hohe Alter, besitzt aber irgendwann keine Pigmente mehr.
  • Eine koreanische Studie legt zudem nahe, dass der Zeitpunkt, zu dem eine Person graue Haare bekommt, genetisch bedingt ist.  Das heißt, wenn die Eltern früh graue Haare bekamen, ist dies in der Regel auch bei den Kindern der Fall. Außerdem spielen wohl auch andere Faktoren eine Rolle, z. B. das Rauchen und womöglich sogar das Körpergewicht.
  • Anhaltender Stress trägt möglicherweise auch zum Ergrauen der Haare bei.
  • Über Nacht weiße Haare zu bekommen, ist nicht möglich, da die Haare (auch weiße) eine gewisse Zeit benötigen, um eine bestimmte Länge zu erreichen und damit zu sehen sind. Haare verlieren nicht über Nacht plötzlich ihre Farbe.
  • Auch Tiere bekommen graue Haare, wenn sie lange genug leben. In der Regel jedoch nur an bestimmten Stellen. Warum das so ist, ist bislang noch nicht bekannt.

8 KOMMENTARE

  1. Neulich sagte ein Mann zu mir: „Renate, du solltes unbedingt deine Haare färben. Das Grau macht dich alt“.
    Ich antwortete darauf: „Ich bin alt“.

    Es gibt viele Frauen meines Alters, die ihre Haare färben oder tönen. Das meiste davon gefällt mir nicht, weil man auf den ersten Blick sieht, dass da Farbe im Spiel ist. Und was ich ganz furchtbar finde: graue Haaransätze. Schon allein deshalb würde ich meine Haare nicht färben lassen, denn ich müsste alle paar Wochen zum Friseur rennen, um diesen Haaransatz zu bearbeiten. Und das wäre mir zu blöde. Außerdem gefällt mir mein Grau!

    Es ist schon erstaunlich, dass graue Haare bei Männern „interessant“ sind und Frauen „alt aussehen“ lassen. Dasselbe bei den Falten. Bei Männern zeugen Falten von Lebenserfahrung. Und was tun sie bei Frauen? Dürfen die keine Lebenserfahrung in ihrem Gesicht rumtragen? Es gibt sehr wenige Schauspielerinnen (eine davon ist Jutta Speidel), die ihr Gesicht nicht beim Schönheitschirurg ihres Vertrauens glatt ziehen ließen.

    Warum lässt man uns nicht in Ruhe und Würde altern? Denn Altern allein ist schon Herausforderung genug. Und deshalb finde ich es sehr gut und vor allem gesund für die Psyche, dass Grau „in“ ist.

    Beste Grüße vom Ammersee – Renate

    P. S.: Danke für den Artikel!

    • Liebe Renate,

      ich habe mir einmal im Leben meine Haare gefärbt – mit Anfang 20. Aus meinem Straßenköterblond wurde Schwarz. Das hat mir gereicht. Vielleicht nicht für immer, aber zumindest bis heute.

      Liebe Grüße
      Simone

  2. Ja, beim Thema weiße/graue Haare beneide ich euch Mädels wirklich nicht. Da haben wir Jungs es wesentlich einfacher.

    Ich packe Menschen übrigens sehr gerne in Schubladen – gerade weil einem die Lebenserfahrung auch oft Recht gibt. (Vor allem bei Frauen *hüstel* ) 😀
    Allerdings habe ich einen Mordsspaß, mich nachher dann manchmal doch von meinem Irrtum überzeugen zu lassen.

    PS: Das Kommentieren ist hier für mich echt schwierig, weil dein Blog mir immer „Spam deleted“ anzeigt. 🙁
    Was sagt das über meine Kommentare aus?
    Oder über deinen Blog? 😀

    • Tja, wenn ich wüsste, was da mit der Kommentierfunktion schiefgelaufen ist, wäre ich auch schlauer 😉 Sind wir Frauen tatsächlich so leicht einzuschätzen? Hm. muss ich mir doch glatt mal Gedanken rüber machen 🙂

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