Fettnäpfchenparade

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Ein Fettnäpfchen mit Herz
Ein Fettnäpfchen mit Herz

Für alle, die sich im Internet oder anderweitig öffentlich äußern, ist es verdammt schwierig geworden, keinen Menschen zu verletzen. Man kann fast sicher sein, dass irgendjemand missversteht, was man sagt/schreibt, oder es missverstehen will.

Andererseits scheint mir, dass immer mehr Menschen die Nase voll von der sogenannten politischen Korrektheit (political correctness in other words, was auch immer das für die Einzelnen ist …) haben. Oder wie sonst soll man Äußerungen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ verstehen? Andere packen das „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ in Sätze wie „Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles verboten ist“.

Letzteres sehe ich übrigens ähnlich. Ich finde auch, dass die Bevormundung durch öffentliche Institutionen teilweise irritierende Ausmaße annimmt. Ich meine jetzt nicht das Rauchverbot in Gaststätten und öffentlichen Gebäuden (durchs Rauchen schädigen Raucher nicht nur sich selbst, sondern auch andere), sondern solche Ideen, wie die Ächtung von (haushalts-)zuckerhaltigen Nahrungsmitteln oder Alkohol, die immer wieder durch die Politiklandschaft geistern. Ja, natürlich ist es richtig: Energiereiche Nahrungsmittel tragen zu Übergewicht bei, und ja, Alkohol ist ab einem gewissen Maß gesundheitsschädlich, doch Verbote rufen nur andere Probleme auf den Plan, wie bereits die Prohibition in den USA gezeigt hat.

Vorm Sprechen Hirn einschalten

Aber: Jeder Mensch, der öffentlich etwas sagt, schreibt oder sonstewie von sich gibt (röhren und herumpupsen mal ausgenommen), kann sich doch Gedanken darüber machen, was er in die Welt entlässt. Oder ist das zu viel verlangt? Ich sage nicht, dass man es allen recht machen muss. Ganz bestimmt nicht. Doch andere Meinungen in der Öffentlichkeit abzutun, andere Menschen als strunzdumm zu bezeichnen, weil sie eine andere Meinung haben, oder sich über sie lustig zu machen, sie gar zu beschimpfen – nee, das kann ich nicht leiden.

An den Pranger? Ach nö …

Selbst, wenn ich bestimmte Meinungen (oder – auch das kommt vor – Menschen) nicht ausstehen kann: Ich muss sie deshalb nicht öffentlich verunglimpfen. Ja, ich weiß, mit manchen Personen lässt sich nicht diskutieren, weil sie genau so oder noch schlimmer reagieren, aber deshalb muss ich es ihnen nicht nachmachen. Unter Freunden kann ich vielleicht sagen „Ich mag XY nicht“ oder „XX ist doof“, aber ich muss es nicht in die Welt hinausposaunen. Denn nur zu leicht diskreditieren mehrere solcher Äußerungen den Ruf einer Person.

Das bedeutet nicht, dass ich meine Meinung nicht vertrete. Sagt oder schreibt jemand etwas, was ich so nicht hinnehmen kann oder möchte, äußere ich meine Ansicht, ohne jedoch persönlich zu werden. Und kotzt mich eine Diskussion an, sage ich genau das und verlasse die Arena, trete aber nicht noch mal nach. Manchmal gehe ich auch, ohne mich weiter zu äußern (was mir nicht immer leicht fällt, manchmal aber nötig oder sinnvoll ist).

Was du nicht willst

Warum ich das so halte? Weil ich genauso behandelt werden möchte. Ich möchte nicht hören, was für eine dumme, hässliche Schlampe ich bin. Ich möchte nicht lesen, dass meine Meinung das Allerletzte ist oder man Menschen mit meiner Meinung besser erschießen sollte. Das gute alte „Was du nicht willst, das man dir tu …“ hat noch lange nicht ausgedient, finde ich.

Erklären, statt ausrasten

Was ich aber auch nicht mag: aus Mücken Dinosaurier zu machen. Bezeichne ich einen Menschen ohne Gehirn* als Hirnlosen (<- setze für Hirnlosen wahlweise eine Krankheit, ein körperliches Merkmal, eine Veranlagung, einen Charakterzug oder etwas anderes ein), muss der nicht gleich ausrasten, weil er nicht möchte, dass ich ihn über sein fehlendes Hirn definiere. Wie wäre es, wenn er mir stattdessen erklärt, dass und warum er den Begriff „Hirnloser“ als diskriminierend empfindet? Oder mir – wenn er dazu keine Lust hat – einen Link gibt, unter dem ich die Argumente für seine Meinung nachlesen kann? Dann kann ich sie vielleicht nachvollziehen und verwende das Wort „Hirnloser“ beim nächsten Mal (hoffentlich) nicht mehr.

Kein Auslaufmodell: Höflichkeit

Kurz: ich wünsche mir mehr Höflichkeit und – ja – auch Menschlichkeit (obwohl dieses Wort fast schon zum Schimpfwort geworden ist). Verständnis für all die Positionen, die ich vertrete, wünsche ich mir hingegen nicht. Wie könnte ich? Schließlich habe auch ich für manche Meinungen kein Verständnis. Und trotzdem möchte ich nicht, dass Menschen mit anderen Meinungen (sofern sie nicht andere bedrohen) mundtot gemacht werden.

* Ja, ich weiß, Menschen ohne Gehirn sind nicht lebensfähig (auch wenn man manchmal das Gegenteil denken könnte). Ist nur ein Beispiel …

3 KOMMENTARE

  1. Wenn es um Fettnäpfchen geht, dann bin ich die erste, die reintritt. Aber nicht immer freiwillig und oft nicht beabsichtigt.

    Falls ich also jemanden beleidigt habe, oder in irgendeiner Weise diskreditiert habe, so möchte ich mich für jetzt und alle Ewigkeit, dafür entschuldigen!
    _________________________________________________________
    Was ich damit sagen will? Es gibt Menschen, die tappen in Fettnäpfchen, ohne es zu wollen. Allerdings würde ich niemals Hirnlos oder etwas anderes von anderen Menschen behaupten. Dass ich andere doof oder dumm finde, schon – das ist aber meine persönliche Meinung und grundsätzlich nicht meinungsbildend.

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