Erlebnis statt Erzeugnis

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Braucht man so etwas?
Braucht man so etwas?

Wer schon einmal die zweifelhafte Freude hatte, einen Haushalt aufzulösen, weiß, wie viel Zeug sich im Laufe eines Menschenlebens ansammelt und wie viel davon vermutlich nur hin und wieder oder vielleicht auch gar nicht mehr benutzt wurde. Von den Dingen, die wir besitzen, gebrauchen wir regelmäßig stets nur einen geringen Teil. Nicht umsonst empfehlen viele Entrümpelungsratgeber all die Dinge, die man ein ganzes Jahr nicht in die Hand genommen hat, wegzugeben oder wegzuwerfen.

Okay, bei manchen Dingen ist das Quatsch. Bücher z. B. schmeißt man nicht unbedingt weg, nur weil man sie ein ganzes Jahr nicht mehr in der Hand hatte. Jedenfalls nicht, wenn sie einem etwas bedeuten oder man sie noch nicht gelesen hat, aber noch lesen möchte. Auch Werkzeug braucht man – zum Glück – nicht ständig. Trotzdem ist es gut, einen Schraubendreher oder Hammer oder besser noch beide im Haus zu haben. Denn die benötigt man bestimmt irgendwann. Doch auch jenseits dieser Dinge sammelt sich Zeug an, das niemand braucht und von dem man manchmal noch nicht mehr weiß, wozu es eigentlich nutze war oder ist.

Dinge im Überfluss

Nein, ich will jetzt kein Plädoyer fürs Entrümpeln starten (obwohl …). Aber eins dafür, genauer zu überlegen, ob man tatsächlich noch mehr Dinge anhäufen möchte. Die meisten von uns in den 60ern Geborenen haben in der Regel (fast) alles, was wir brauchen. Das fällt mir jedenfalls regelmäßig auf, wenn ich Geburtstagsgeschenke suche. Oder nachfrage, was sich jemand zum Geburtstag wünscht. Oft ist die Antwort: „Ich brauche eigentlich nichts.“ Klar hat man nie wirklich „alles“. Aber die Dinge, die man am dringendsten möchte, kann man in der Regel ohnehin nicht kaufen: Zeit, Gesundheit, Liebe, Freundschaft, Entspannung usw.

Nicht, dass hier ein Missverständnis auftritt: Ich gehöre nicht zu den Asketinnen, die sagen, man könne nur von Luft und Liebe leben. Und natürlich braucht man eine neue Hose, wenn alle alten löchrig (oder aber zu klein) sind. Doch die zehnte Hose macht auch nicht glücklicher als die erste. Genauso wenig wie das x-te Technikgadget, das nach der Anfangsbegeisterung in die Schublade wandert, weil eine neue App fürs Mobiltelefon genau die gleichen Funktionen bietet.

Benötige ich das?

Ich jedenfalls überlege mittlerweile, ob ich das, was mich im ersten Moment zum Sabbern bringt wie einen Pawlow’schen Hund, wirklich brauche. Meistens schlafe ich auch noch eine Nacht darüber. Am nächsten Tag stelle ich dann oft fest, dass das Ganze doch nicht so wichtig war, wie ich zunächst gedacht hatte. Dann lasse ich die Finger davon. Und freue mich. Denn dann kann ich mehr Geld für etwas ausgeben, was mir letztlich sehr viel mehr Freude bereitet als Erzeugnisse, die ich nicht brauche: nämlich für Erlebnisse. Für Erlebnisse mit der Familie, mit Freunden oder auch mit mir allein. Einfach mal wieder ein tolles Konzert besuchen zum Beispiel. Oder an einen Ort fahren, der mich schon immer gereizt hat. Oder nett essen gehen.

Spiel, Satz, Sieg: Erlebnis

Erlebnisse stehen nicht herum und stauben zu. Trotzdem sind sie immer präsent. In der Erinnerung. Sie machen – mich zumindest – glücklicher als die meisten Dinge. Und zwar jedes Mal, wenn ich an sie zurückdenke.

Es gibt natürlich auch Dinge, die gleichzeitig Erlebnisse sind. Bücher, Musik und Filme zählen dazu. Damit diese nicht mehr so viel Raum einnehmen, habe ich für mich mittlerweile entschieden, statt des Holzbuchs, der CD oder der DVD die Datei zu wählen. Ich ziehe Bücher auf meinen E-Book-Reader, Musik auf mein Handy oder den Rechner und/oder streame. So habe ich das Erlebnis, aber trotzdem steht nichts Zusätzliches herum. Vielleicht finden einige das trostlos. Doch diejenigen, die sich mal mit meinem Nachlass herumschlagen müssen, werden sich freuen. Jedenfalls, wenn ich vorher noch das ein oder andere physische Buch loswerde …

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