Entscheidet euch!

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Immer diese Entscheidungen! Ach, ich nehme sie einfach alle.
Immer diese Entscheidungen! Ach, ich nehme sie einfach alle.

Wir, das heißt ich, du, du und ja auch du da hinten: Wir sind jetzt in einem Alter, in dem wir Positionen besetzen, in denen Entscheidungen getroffen werden. Wir gehören jetzt zu den Bestimmern.

Haben wir darauf nicht gewartet, seit wir uns beim Spielen mit anderen einigen mussten, wer der Bestimmer sein durfte, und dann zu Hause doch das letzte Glied in der Entscheidungsträgerkette waren? Warum, verdammt noch mal, nutzen wir unsere Möglichkeiten dann nicht? In so vielen Lebensbereichen herrscht Stillstand, weil niemand eine Entscheidung trifft. Manchmal habe ich das Gefühl, wir trauen uns nicht mehr, Entscheidungen zu treffen. Oder gibt es andere Gründe?

Welches Schweinderl hätten Sʼ denn gern?*

Das mit der Entscheidungsunfreudigkeit fängt ja schon beim Einkaufen an. Nehm ich nun den Joghurt mit Kirschgeschmack oder lieber Rhabarber-Vanille? Ach was, ich nehme einfach beide. Oder diese Entscheidungen vorm Kleiderschrank: Zieh ich die Hose an oder doch lieber den Rock? Ach, ich trag heute Morgen einfach die Hose, nachmittags zieh ich mich um.

Das sind jetzt nur die kleinen Entscheidungen, um die man sich herummogelt. Doch gehen wir mal eine Stufe höher: In der Kommunalpolitik ist es z. B. oft so, dass unliebsame Entscheidungen lieber ausgesessen als getroffen werden. Bestes Beispiel: Schulschließungen, die niemandem Freude machen und mit denen sich niemand Freunde macht. Da lassen die Politiker in manchen Gemeinden und Kreisen Schulen lieber langsam auslaufen, bis nur noch ein versprengtes Häuflein Kinder eine Schule besucht, als sich für ein Ende mit Schrecken zu entscheiden. An anderen Schulen fehlt derweil das Geld bzw. besser noch: Es wird solange kein Geld investiert, bis Entscheidungen getroffen wurden. Was jedoch niemals passiert. Nicht umsonst ist in vielen Schulen der Mangel Hausherr (okay, das liegt natürlich vor allem daran, dass in Schulen und Bildung insgesamt zu wenig Geld investiert wird, aber trotzdem …).

Und erst in der großen Politik: Da entscheidet sich keiner, Maßnahmen zu ergreifen, um den Klimawandel zu stoppen, denn: Alle anderen tun es ja auch nicht. Die Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, zieht sich also durch alle Lebensbereiche.

Unbegrenzte Möglichkeiten, unbegrenzte Entscheidungen

Woran liegt das? Einerseits vermutlich daran, dass wir eine so große Vielfalt von Möglichkeiten haben, wie es vor uns wahrscheinlich noch keine Generation hatte. Es gelingt uns ja noch nicht mal, einen Überblick über die Möglichkeiten zu bekommen. Wie sollen wir da Entscheidungen treffen? An der nächsten Ecke könnte der Himmel schließlich noch blauer und die Zuckerwatte noch süßer sein …

Andererseits ist das Leben natürlich auch viel komplizierter geworden. Zu Zeiten, als wir noch Mammuts jagten und Beeren sammelten, gab es nicht allzu viel zu entscheiden (und wenn, ging es oft um Leben und Tod). Man konnte im Sommer vielleicht beschließen, nur Früchte und Pflanzen zu essen, im Winter musste man aber doch wieder Fleisch futtern, wollte man nicht verhungern. Womöglich musste man auch noch mal die Entscheidung treffen, einen Stamm oder eine Familie zu verjagen, die sich im eigenen Jagdgebiet aufhielt. Das war dann wohl auch nichts, worüber man sich länger Gedanken machte, denn hier ging es ja mal wieder ums Überleben.

Richtig und falsch haben ausgedient, oder?

Heute hingegen ist nicht auf den ersten Blick mehr ersichtlich, was falsch und was richtig ist. Sollte man z. B. Menschen Waffen zur Verfügung stellen, damit sie gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat kämpfen können? Oder sollte man sich stattdessen als Staat vielleicht lieber selbst einmischen und Soldaten ins Krisengebiet schicken? Und wenn man das befürwortet, hat man dann noch das Recht, gegen die Todesstrafe zu sein? Ist es richtig, Fleisch zu essen? Darf man Sojaprodukte als Fleischersatz konsumieren, obwohl dafür wertvolle Wälder abgeholzt werden? Darf man aus dem gleichen Grund Holz noch als Brennstoff benutzen? Das sind nur einige Fragen, über die man sich Gedanken machen kann und die zeigen, dass Entscheidungen heute wesentlich komplizierter sind.

Wir wissen einfach viel mehr – und oft doch viel zu wenig. Und wenn man dann mal nicht weiter weiß, zieht man eine wissenschaftliche Studie zurate. Schade nur, dass es sowohl Studien gibt, die belegen, dass das Essen von Schokolade zur Gewichtszunahme führt, als auch solche, die zeigen, dass Menschen mit regelmäßigem Schokoladenkonsum einen geringeren Body-Mass-Index (BMI) hatten als andere (wobei bislang leider nicht bewiesen ist, dass Schokoladeessen tatsächlich dünner macht). Verflixte Wissenschaft! Gibt auch keine eindeutigen Antworten mehr.

Buhmänner und Buhfrauen

Hinzu kommt, dass man sich nicht unbedingt beliebt macht, trifft man Entscheidungen. Fängt ja schon in der Familie an. Nehme ich meinem Kind das Smartphone weg, weil es Zeit zum Schlafen ist, bin ich die böse Mutter und muss mir wahrscheinlich eine Schimpftirade anhören. Schließe ich als Politiker eine Schule, ist mir der Aufstand der Eltern ge- und meine Wiederwahl ungewiss. Beschließt die Bundesregierung den Ausstieg aus der Atomenergie und den Ausbau erneuerbarer Energien, schreit die Industrie laut auf, dass ihre Wettbewerbsfähigkeit durch steigende Energiekosten gefährdet sei. Entscheidungen zu treffen, ist also oft ein einsames Geschäft.

Trotzdem sind sie nötig. Im Großen wie im Kleinen. Denn ganz oft ist es besser, eine Entscheidung zu treffen als einfach nur abzuwarten. Denn nur so lassen sich Änderungen bewirken. Nur so ließe sich z. B. der Klimawandel vielleicht noch eindämmen, aufzuhalten ist er wohl nicht mehr.

Risiken und Nebenwirkungen

Klar, können Entscheidungen sich auch mal als völlig falsch entpuppen. Dieses Risiko muss man eingehen. Genauso wie das Risiko, in diesem Fall vielleicht einen Fehler eingestehen zu müssen. Ist übrigens gar nicht so schlimm, tut gar nicht weh. Weitaus weniger jedenfalls, als sich irgendwie herauszuwinden, dann immer weiter leugnen zu müssen, weil man ja einmal damit angefangen hat, und schließlich doch von anderen die Quittung zu kriegen.

Okay, natürlich kann auch Schlimmeres passieren: Man kann wegen einer falschen Entscheidung den Arbeitsplatz oder die Zuneigung eines geliebten Menschen verlieren, unter Umständen kann der eigene Ruf Schaden nehmen. In manchen (bei uns zum Glück mittlerweile seltenen) Fällen kann eine Entscheidung auch den Tod nach sich ziehen – siehe z. B. das gescheiterte Hitlerattentat vom 20. Juli 1944.

Deshalb jedoch keine Entscheidungen mehr zu treffen, würde Stillstand bedeuten. Und das können wir uns bei all den wichtigen Entscheidungen, die anstehen, nicht erlauben.

* Fragte Robert Lembke in seiner Sendung „Was bin ich?“ fast jeden seiner Gäste. Die durften sich dann ein Sparschwein aussuchen. 


3 KOMMENTARE

  1. Dicke Bretter, Simone …

    Und so viele unterschiedliche Arten von Entscheidungen.

    Kirschjoghurt oder Rock – geschenkt, es macht keinen echten Unterschied.

    Smartphone kassieren – man muss als Elternteil die Coolness haben, auch mal der A… zu sein. Sonst wird das nix mit der Erziehung. Und woanders muss man auch mal auf die Beliebtheit pfeifen, wenn man die feste Überzeugung hat, das Richtige zu tun. Das nennt man Rückgrat, oder?

    Und die ganz großen Entscheidungen? Dazu ließe sich Vieles sagen. Erstens sind es wohl seltenst einzelne Menschen, die diese Entscheidungen treffen. Also nützt es nichts, wenn wir als Einzelne/r uns entschieden haben – die letztendliche Entscheidung wird womöglich eine andere sein.

    Natürlich kann ich mich anstrengen, die nächste Landtagsabgeordnete, Bundeskanzlerin oder UNO-Generalsekretärin zu werden (auch wenn mich das hässliche Gefühl beschleicht, zumindest für die letzten beiden Posten schon zu spät dran zu sein). Oder mich wenigstens in den Stadtrat wählen lassen. Warum tue ich das nicht? (Abgesehen davon, dass mir für sowas völlig das Talent fehlte.) Weil ich so sehr mit meinem Leben beschäftigt bin. Alles, was darin getan werden muss, ist Tag für Tag so viel dringender als die politische Karriere, die mich den großen Entscheidungen näher bringen könnte.

    Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Punkt ist, der tatsächlich zentral für viele der in den Sechzigern Geborenen ist: Man steckt irgendwo tief drin in Job und Kinderaufzucht und ist damit vollkommen ausgelastet. Mir zumindest fehlt da völlig die Energie, mich in so etwas zu stürzen. (Ja, OK, und Lust dazu habe ich auch keine.)

    Tja, wählen können/müssen/sollen/dürfen wir gehen. Aber was da zur Wahl steht – ich empfinde es immer mehr als Strafe, mich entscheiden zu müssen, weil ich wählen will. Und wie war das? „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie längst verboten.“

    • Nee, darum geht es mir auch nicht. Dass man sich zwingend für irgendein Amt aufstellen lässt oder so. Außerdem ist mir auch klar, dass die „großen“ Entscheidungen nie nur Einzelne treffen. Mir geht es darum, dass jeder, der irgendwann vor eine Entscheidung gestellt wird, sie auch fällt – und nicht vor sich hinjammert: „Oh, ich kann mich nicht entscheiden. Verschieben wir’s mal auf morgen.“ In Summe sind es übrigens auch die kleinen Entscheidungen, die etwas bewirken können. Zum Beispiel – wie Julia Dombrowski (Textsektor) Menschen zu helfen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Oder – wie du, Katja – am #Heimkino mitzuwirken. Oder einem Menschen, der mitten in der Stadt zusammenbricht, zu helfen. Oder bei einem Unfall erste Hilfe zu leisten, obwohl man vielleicht gar nicht mehr so genau weiß, wie das geht, und Angst vor dem hat, was einem am Unfallort erwartet. Das sind alles kleine Entscheidungen, die viele aber nicht treffen, sondern sich sagen: „Ach nee, da guck ich lieber weg. Werden schon andere helfen.“ Oder solche Sachen wie Tauschkreise zu entwickeln, weil wir ohnehin von allem schon viel zu viel haben und eigentlich nichts Neues brauchen.
      In die Politik würde ich übrigens auch nicht gehen. Ich bin einfach keine diplomatische Politikerin.

  2. Danke, für den tollen Artikel, Simone. Und die kluge Analyse von allem, was uns am Entscheidungstreffen hindert. Wissenschaftliche Studien, Wahlmöglichkeiten. Oft verunsichern die Studien doch nur. Ich lese immer weniger Zeitung und merke, dass ich dadurch wieder besser weiß, was wichtig ist : Frieden, Gerechtigkeit, Umweltschutz.
    Ich fände es übrigens gut, wenn mehr Leute in die Politik gingen, die nicht diplomatisch sind. Mir fehlen Politiker, die sich von ihrer Menschlichkeit leiten lassen. Statt Debatten über Flüchtlingszahlen, tun, was menschlich ist.

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