Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss perfekt sein

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Perfektion in der Natur
Perfektion in der Natur

Ich wohne genau in der Mitte zwischen zwei Kleinstädten. Die eine ist stolz auf ihre gelungene Altstadtsanierung und prahlt mit prachtvoll hergerichteten Fachwerkhäusern und einer neu gepflasterten Fußgängerzone. Die andere hat zwar auch eine Altstadt, putzt sich jedoch längst nicht so heraus. Ganz im Gegenteil.

Wer von Norden in Stadt Nummer zwei hineinfährt, sieht als Erstes den schmucklosen, in die Jahre gekommenen Getreidespeicher, der wuchtig alle anderen Gebäude überragt. Selbst Freunde der Architektur des Zweiten Weltkrieges dürften diesen Speicher wohl als eher reizlos bezeichnen. Mein erster Eindruck von Stadt Nummer zwei, an dem der Speicher eine Mitschuld trägt, war jedenfalls nicht besonders freundlich. „Weia, ganz schön abgerockt“, dachte ich, als ich die Stadt zum ersten Mal besuchte (kein Wunder, dass auch die Website Rottenplaces den Speicher auf einer Extraseite verzeichnet).

Zuckerbäckercharme, nein danke!

Trotz dieses ersten Eindrucks: Mir ist Stadt Nummer zwei mittlerweile lieber als Stadt Nummer eins mit ihrem Zuckerbäckercharme. Und zwar, weil Stadt Nummer zwei nicht perfekt ist. Klar, auch Stadt Nummer eins ist das nicht. Aber sie tut auf den ersten Blick so. Doch jede Stadt hat ihre Dreckecken. Nur versteckt Stadt Nummer eins sie gut. Stadt Nummer zwei macht das nicht. Sie trägt ihre Unperfektheit mit (nicht immer) stolzgeschwellter Brust vor sich her.

Perfektion = Gleichförmigkeit

Ich mag das. Ich mag es, wenn nicht alles perfekt ist. Perfekt heißt für mich nämlich auch gleichförmig. Perfekt heißt zudem oft: Der jeweiligen Mode angepasst – und Moden ändern sich bekanntlich schnell. Perfekt heißt, Makel weder zuzulassen noch zu zeigen. Obwohl es oft doch gerade die Makel sind, die aus etwas Gewöhnlichem etwas Besonderes machen. Das ist bei Städten so, aber auch bei Menschen.

Das gewisse Extra

So wäre z. B. das Gesicht des ehemaligen sog. Supermodels Cindy Crawford ohne den prägnanten Leberfleck über der Oberlippe vermutlich nicht so sehr im Gedächtnis geblieben. Und welche Schauspieler prägen sich wohl eher ein? Die Schönlinge oder die, deren Gesichter oder Körper zumindest etwas aus dem Rahmen fallen (ein Beispiel: An welche Figur aus dem Film „Hangover“ erinnert man sich wohl am ehesten)? Genau! Der Wiedererkennungswert von allem, was nicht perfekt ist, ist meistens größer.

Sich selbst perfektionieren – eine Lebensaufgabe

Trotzdem versuchen viele Menschen – Jüngere wie Ältere –, sich selbst und ihr Leben zu optimieren. Wenn’s geht bis zur Perfektion, wobei es natürlich unterschiedliche Ansichten von Perfektion gibt. In erster Linie aber betrifft der Drang nach Perfektion das Äußere. Der eigene Körper soll geformt werden, meist durch hartes Training und eine entsprechende Ernährung (wobei viele weder das ein noch das andere durchhalten). Passt irgendwas so gar nicht ins Bild, schließen viele mittlerweile auch eine Schönheitsoperation nicht mehr aus. So ergab eine Umfrage des Arztempfehlungsportals Jameda, dass immerhin jede(r) dritte Deutsche sich einen solchen Eingriff vorstellen könnte (unter den 40- bis 60-Jährigen lehnten jedoch 54 % der Befragten ihn auch strikt ab).

Letztlich schaffen es jedoch nur die Wenigsten, ihren Körper einem Idealbild anzupassen. Mit zunehmendem Alter wird es umso schwieriger, schon weil sich der Stoffwechsel umstellt und die Muskelmasse abnimmt. Natürlich ist es trotzdem gut, sportlich aktiv zu bleiben. Es ist auch sinnvoll, sich gesund zu ernähren. Aber es ist Quatsch, jede Falte, jedes überflüssige Kilo als persönlichen Feind zu betrachten. Denn ein Gesicht, dem man nicht ansieht, dass der Mensch, zu dem es gehört, gelebt hat, ist doch langweilig, oder? Und eine wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2012, die auf 97 Studien mit fast drei Millionen Teilnehmern beruht, kam zu dem Schluss, dass leichtes Übergewicht mit einem geringeren Risiko einherging, in einem bestimmten Zeitraum zu sterben.

Mut zum Makel

Hinzu kommt: Es ist verdammt anstrengend, perfekt zu sein. Außerdem wirkt es unter Umständen lächerlich, sein zu wollen, wie man nicht (mehr) ist – etwa jung und faltenlos. Also lassen wir in dieser Hinsicht Perfektion besser Perfektion sein und freuen uns, wenn wir ihr zufällig anderswo begegnen. Freunden wir uns stattdessen lieber mit unseren kleinen Makeln an – vielleicht lernen wir sie irgendwann sogar zu schätzen.

Denn sie machen uns einzigartig und manche von ihnen tragen sogar zu unserem ganz persönlichen Charme bei. So wie der Getreidespeicher zum Charme von Stadt zwei: Er gibt einerseits ein tolles Fotomotiv ab, wenn er im Dunkeln angestrahlt wird, andererseits ist er gerade wegen seiner monumentalen Schmucklosigkeit auch eine großartige Kulisse. Und wie lautete noch mal das Schlusswort von Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“? War da nicht was mit nobody’s perfect?

6 KOMMENTARE

  1. Ich wollte schon schreiben, dass ich es viel passender gefunden hätte, den Artikel mit einem Foto von diesem Getreidespeicher zu bebildern. Aber dann habe ich nochmal die wunderbare Mohnblüte, die du abgebildet hast, angesehen und festgestellt, nein, lieber dieses zauberhafte Motiv als den ollen Getreidespeicher.

    Den googel ich jetzt einfach.

  2. Es ist wohl immer der Weg zum Perfekten, der perfekt ist. Das Perfekte selbst ist der Höhepunkt der Kurve, von wo aus es nur noch nach unten gehen kann.
    LG
    Sabienes

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