Drehbuchautor und Selfpublisher – Matthias Herbert

Gespräch mit dem Autor von „Memiana“

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Matthias Herbert - Autor der 14-bändigen Fantasy-Reihe „Memiana“
Matthias Herbert - Autor der 14-bändigen Fantasy-Reihe „Memiana“ © Matthias Herbert

Matthias Herbert ist Autor von mehr als 300 Drehbüchern, u. a. schrieb und schreibt er für die Serien „Die Rettungsflieger“, „Alarm für Cobra 11“, „Ein Fall für zwei“ und „Soko Wismar“. Also hauptsächlich – wie er es selbst nennt – für den Bereich „Mord & Totschlag“. Doch seit 2009 arbeitet er außerdem an einem Fantasy-Epos namens „Memiana„, das auf 14 Bände angelegt ist. Matthias sagt selbst, dass er damit seiner – nicht ganz – heimlichen Liebe zur Fantasy gefolgt ist und weil er endlich etwas schaffen wollte, bei dem ihm nicht, wie beim Film, „187 Menschen reinreden“.

Da Mammut-Fantasy-Epen sich im deutschsprachigen Raum nicht gerade leicht an Verlage verkaufen lassen (genauer gesagt gar nicht, außer man hieße George R. R. Martin), entschloss Matthias sich, seine Bücher im Selfpublishing herauszugeben. Ungewöhnlich daran ist weder das Selfpublishing an sich noch, dass er seine Bücher professionell lektorieren lässt, sondern dass er für die Vermarktung seiner Reihe richtig Geld in die Hand genommen und eine Agentur engagiert hat. Ungewöhnlich ist auch, dass Matthias die Erscheinungstermine der einzelnen Bände bereits bis Mitte 2017 festgelegt hat. Die ersten zwei Bände sind bereits erschienen. Die Folgebände will Matthias im Abstand von wenigen Monaten herausbringen. Band 3 – „Die Spur der Herde“ – erscheint morgen, am 24. September.

Großes Kino

Ich habe mittlerweile die ersten zwei Bände von Matthiasʼ Memiana-Reihe gelesen. Einerseits, weil Matthias mich neugierig gemacht hat, als er in einem Autorenforum, in dem wir beide Mitglied sind, von seinen Plänen berichtete, andererseits, weil ich Fantasy lese, seitdem ich denken kann („Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ sind doch auch Fantasy, oder?).

Mein Fazit: Matthias hat mit „Memiana“ ganz großes Kino erschaffen. Und das meine ich wortwörtlich, denn beim Lesen tauchten sowohl die Figuren als auch die Welt Memiana so plastisch vor meinen Augen auf, als ob sie real wären. Außerdem hat Matthias es geschafft, in jede einzelne Szene etwas hineinzupacken, das die Geschichte vorantreibt und die Spannung aufrechterhält. Mich jedenfalls haben beide Bände (Band 1 noch mehr als Band 2) dazu gebracht, abends länger zu lesen, als gut für mich war.

Action ja, aber nicht nur

Trotzdem ist die Geschichte nicht ausschließlich actiongetrieben, wie man es vielleicht von jemandem vermutet, der sein Geld in erster Linie mit Mord und Totschlag verdient. Die Entwicklung der Figuren und ihrer Beziehungen zueinander ist mindestens genauso spannend wie die Kämpfe, die natürlich auch vorkommen. Außerdem schreibt Matthias immer wieder Sätze, die mitten ins Herz gehen und bei denen ich schlucken musste. Kitschig wird das Ganze jedoch nie.

Die fantastische Welt Memianas entfaltet sich übrigens erst nach und nach, man muss beim Lesen also mitdenken (das Glossar am Ende hilft jedoch dabei). Matthias verliert sich (zum Glück) nicht in der Beschreibung von Landschaften und Wesen, sondern lässt die Leserinnen und Leser die Welt mit den Augen seiner Hauptfigur Jarek sehen. All das, was Jarek kennt, müssen wir Lesenden zunächst als gegeben hinnehmen, das, was für ihn neu ist, erleben wir als genauso geheimnisvoll, aufregend oder unheimlich wie er.

Klassische Heldenreise

Tja, und darum geht es zunächst zumindest vordergründig auch: um Jarek und seine Geschichte. Jarek, kleiner Bruder und gleichzeitig Jäger, Beschützer und Wächter, hat einen Traum: Er will den Großen Höhler jagen, erlegen und damit seinen eigenen Clan begründen. Doch, wie das nun mal so ist, verläuft das Leben nicht nach Plan. Jarek muss auf eine Reise gehen, die sein Leben verändern soll.

Obwohl es sich dabei um eine ganz klassische Heldenreise handelt (Held macht sich auf den Weg, muss Hindernisse und auch sich selbst überwinden, um schließlich – vermutlich – sein Glück zu finden), ist „Memiana“ kein bisschen langweilig. Und ich schätze, dass Matthias sicher noch einige Überraschungen auf Lager hat. Band 1 jedenfalls endet schon mal mit einer. Doch da kommen bestimmt noch weitere. Ich jedenfalls werde dranbleiben an Jareks Geschichte und freue mich, dass Matthias (Jahrgang 1960) bereit war, einige Fragen zu beantworten.

Band 3 aus der Reihe der Memiana-Reihe von Matthias Herbert
Band 3 aus der Reihe der Memiana-Reihe von Matthias Herbert © Matthias Herbert

Matthias, wie schaffst du es, neben deiner Tätigkeit als Drehbuchautor noch ein Mammutwerk wie „Memiana“ zu schreiben. Du bezeichnest dich zwar als Vielschreiber, aber hast du da einen bestimmten Rhythmus? Schreibst du z. B. drei Stunden am Tag an einem Drehbuch, dann noch mal drei an „Memiana“? Oder schlägst du dir die Nächte um die Ohren, um „Memiana“ weiterzuschreiben?

Ich teile mich sozusagen auf. Also meinen Tag. Ich bin ein großer Do-it-Listen-Schreiber und mache das auch für Projekte. Also habe ich für alles, was zu schreiben ist, einen genauen, mengenmäßigen Fahrplan. Wenn ich gerade den nächsten Memiana-Roman schreibe, dann habe ich mir 5 Seiten pro Tag als Ziel gesetzt. Dazu kommen dann natürlich noch die Drehbücher, da ist es etwas mehr, aber das ist überschaubar, weil es da ganz konkrete Termine gibt, die einzuhalten sind. Im Augenblick habe ich vier Projekte gleichzeitig auf meiner Liste. Drehbücher, Memiana, ein Thriller, der vor der Veröffentlichung steht (auch E-Book-Selbstpublishing), und ein Gemeinschaftsprojekt mit drei Kollegen, eine Mystery-Horror-Reihe, die auch ganz bescheiden auf 12 Bände angelegt ist.

Normalerweise reichen aber die 24 Stunden eines Tages, alles zu erledigen, was ich mir vornehme.

Bist du froh, dass du bei „Memiana“ als Selfpublisher die Zügel selbst in der Hand hast?

Ja und nein. Alles selbst zu machen heißt auch, für alles selbst verantwortlich zu sein. Und Arbeiten beauftragen, bedeutet noch lange nicht, dass sie dann auch von selbst gemacht werden. Man ist dabei fast mehr mit Kontrolle und Diskussionen befasst, als wenn man alles selbst gemacht hätte. Am liebsten würde ich nur schreiben. Aber beim Selbstpublishing ist man wenigstens die Hälfte der Projektzeit mit administrativem Kram befasst.

Du hast dich für die Promotion deiner Reihe für die Zusammenarbeit mit einer Agentur entschlossen. Warum hast du das getan? Und bist du froh, diesen Weg gegangen zu sein? Denkst du, dass dies ein Weg ist, den noch viele Selfpublisher nach dir beschreiten werden?

Ich habe es getan, weil ich fest geglaubt habe, dass literarischer Erfolg auch zu einem großen Teil eine Frage des Marketings ist. Dass ich an Memiana glaube, ist ja klar und ich bin der Ansicht, dass die Saga keinen Vergleich zu scheuen braucht. Nur um diese Botschaft unter die Menschen zu bringen, fehlte es mir am Fachwissen, den Verbindungen und den Instrumenten. Also suchte ich mir eine Agentur.

Es war das größte PR-Desaster der jüngeren Werbegeschichte. Ich musste sehr viel Lehrgeld bezahlen und kapieren, dass gerade die Profis absolut keine Ahnung von den Mechanismen des Selbstpublishings haben und einfach nicht wissen, was ein Einzelkämpfer tut, um Erfolg zu haben, was essentiell und was überflüssig ist, was die Wahrnehmung fördert und was nur Geld kostet.

Nach dem Entschluss, Memiana selbst herauszubringen, hatte ich mich mit einem Freund getroffen, der sehr erfolgreicher Selbstpublisher ist, und ihn gefragt, wie er das gemacht hat und wie die technische Seite aussieht usw. Er hielt sich damals für einen Amateur und war sehr gespannt, wie die Profis das anstellen würden. Inzwischen ist es so, dass besagter Freund sich des Memiana-Projekts angenommen hat und seine geballte Marketing-Erfahrung für mich einsetzt. Der Erfolg ist bisher, dass er in einer Woche zehnmal mehr Bücher verkauft hat, als die Agentur in einem knappen halben Jahr. Das einzige, was mir die Beauftragung gebracht hat, ist eine tolle, hochprofessionelle Homepage und ein einheitlicher Look der Bücher mit starken (und teuren …) Covern. Ansonsten habe ich nur richtig Geld verbrannt. Mein Fazit ist also: Als Selfpublisher eine Marketingagentur zu verpflichten, auch wenn sie Erfahrung mit Buchmarketing hat, ist ökonomischer Selbstmord. Agenturen wissen viel über Verlagswerbung, ein ganz klein wenig über E-Books und absolut nichts über Selfpublishing.

Macht das Selfpublishing auch für dich trotz Agentur nicht noch eine Menge Arbeit? Die Texte im Memiana-Blog schreibst du ja sicher selbst.

Wie oben ausgeführt: Selfpublishing nimmt Dir wenigstens die Hälfte der Zeit, die Du sonst zum Schreiben hättest.

Hattest du eine genaue Vorstellung davon, wie deine Welt auszusehen hat? Sind die Illustrationen nach deinen Ideen entstanden? Und wer hat illustriert?

Ich habe ein sehr genaues Bild vor Augen. Es gab auch schon eine ganze Reihe von Ansätzen zur Visualisierung. Im Leserbereich der Homepage gibt es einiges davon zu sehen, unter anderem Videoclips von Landschaften, die ich in den USA habe herstellen lassen und die einen guten Eindruck wiedergeben. Die meisten Illustrationen, die es bisher gibt, sind von Oliver Graute. Dann hat die Malerin Beate Koslowski ein paar Portraits gemalt, genau so wie Marcus Meier.

Die ersten acht  Bände, hast du mal gesagt, seien bereits in der Rohfassung fertig (kann man vielleicht auch daran sehen, dass es für sie bereits einen Klappentext gibt). Was machst du momentan – hauptsächlich überarbeiten oder weiterschreiben?

Erstmal sind es keine Rohfassungen, sondern fertige Romane, die alle bereits in der Korrektur sind. Im Moment gleiche ich noch Band 7 und 8 an, da ich besonders in Band 2 noch erhebliche Veränderungen eingebracht hatte, die sich später bei den Figuren und deren Beziehungen auswirken. November werde ich dann an Band 9 weiterschreiben, den ich schon angefangen hatte.

Wie arbeitest du? Hast du die gesamte Idee für „Memiana“ im Kopf, weißt du bereits, wie die Geschichte endet, hast du vielleicht sogar einen detaillierten Szenenplan für die ganze Geschichte, an dem du dich „entlanghangelst“?

Ich weiß genau, wo es hingeht, ich weiß, was in jedem einzelnen Band passiert, ich weiß wer stirbt und wer überlebt. Szenenpläne mache ich mir, wenn ich bei den einzelnen Romanen bin. Für 9 und 10 habe ich sie bereits konkret im Kopf, für den Rest gibt es schon einen ziemlich genauen Ablauf.

Was macht für dich den Unterschied aus zwischen deiner Brotarbeit als Drehbuchautor und der Arbeit an deinem Fantasy-Werk?

Drehbücher schreiben geht sehr viel schneller. Es macht nach 25 Jahren in den meisten Fällen immer noch Spaß und man sieht sehr viel eher ein konkretes Resultat. Bei einem Drehbuch habe ich den Film schon auf DVD, während ich bei einem Roman im gleichen Zeitraum noch nicht einmal das Wort ENDE erreicht habe.

Die Arbeit an „Memiana“ – vielleicht auch das „Mal-was-anderes-schreiben-Können“ – scheint für dich recht wichtig zu sein. Hast du das Gefühl, dass du dich mit zunehmendem Alter immer weniger verbiegen magst?

Ja, so ähnlich. Mit dem Alter wird der Rücken steif und am nächsten Morgen spürst Du jedes Alte-Herren-Fußballspiel in den Knochen, hihi. Aber mal im Ernst. Es ist sicher viel dran. Fernseharbeit ist oft erniedrigend und keiner, der nichts mit der Szene zu tun hat, ahnt auch nur, was sich ein Drehbuchautor alles gefallen lassen muss. Da ist jedes Wort, für das Du nur selbst verantwortlich bist, eine Erholung.

Ich mochte auch das Nachwort und die Danksagung in deinem ersten Memiana-Band. Da lässt du durchklingen, dass du schon so einiges in deinem Autorenleben mitgemacht hast. Wie hast du es geschafft, trotz aller Widrigkeiten dabei zu bleiben und vom Schreiben zu leben? Hast du nicht manchmal gedacht, du solltest vielleicht doch wieder in den Polizeidienst zurückkehren – so à la „Einmal Bulle, immer Bulle“ (zur Erklärung: Matthias war u. a. Polizist, bevor er zum Schreiben kam)?

Vor sechs, sieben Jahren hatte ich tatsächlich einmal daran gedacht, beim Hessischen Innenministerium anzufragen, ob sie mich wieder nehmen würden, aber nicht für den Streifendienst sondern für Öffentlichkeitsarbeit. Das war in einer der Horror-Phasen, als von heute auf morgen gar nichts mehr lief. Von sieben Serien, an denen ich beteiligt war, wurden sieben innerhalb von 6 Wochen eingestellt und praktisch alle Einnahmen waren weg. Aber ich habe mich irgendwie aus diesem Loch rausgegraben. Damals hätte ich nie gedacht, dass ich mal wieder in die Lage kommen könnte, mir aussuchen zu können, was ich schreiben will. Wie ich das geschafft habe? Sturheit, Glaube an die eigenen Fähigkeiten, Zuspruch und Unterstützung meiner Frau und Familie, externe Hilfe durch eine Hexe (sagt sie selbst …) und einen Sack unverschämtes Glück.

Würdest du Jüngeren empfehlen, die Laufbahn als Drehbuchautor oder Autor einzuschlagen? Oder eher davon abraten?

Wer schreiben will, soll sich durch nichts davon abhalten lassen. Wer schreiben kann, hat in der veränderten Landschaft durchaus auch die Chance, davon irgendwann einmal leben zu können. Eine Karriere als Drehbuchautor anzustreben, würde ich heute aber niemandem raten.

Und noch was ganz anderes: Gibt es etwas, das du in deinem Leben unbedingt noch machen oder erleben willst?

Ich habe mir für das Ende meiner Laufbahn als Drehbuchautor (es gibt praktisch keine Drehbuchautoren mit über 60 Jahren, „jung und unverbraucht“ heißt das Zauberwort, nicht „abgezockt“, „routiniert“ und „erfahren“) noch drei „Herzensprojekte“ vorgenommen. Mal sehen, was daraus wird. Literatur werde ich aber weiter schreiben und veröffentlichen, solange ich noch gerade denken und schreiben kann.

Und gibt es eine Frage, die dir noch nie gestellt wurde, die du aber immer schon beantworten wolltest? Dann bitteschön!

So groß ist mein Mitteilungsbedürfnis nicht. Bin ich Politiker? Die antworten ständig auf Fragen, die nicht gestellt werden.

Matthias, ich danke dir ganz herzlich für die Bereitschaft, diese Fragen zu beantworten. Und wünsche dir großen Erfolg mit „Memiana“. Verdient hat deine Buchreihe ihn jedenfalls.

8 KOMMENTARE

  1. Tolles Interview! Ich bin ebenfalls Selfpublisher und mit einem Drehbuchautor befreundet und was mein Namensvetter hier sagt, gibt unsere Diskussionen sehr gut wieder.
    Wir haben beide jeweils einen Teil der Erfahrungen gemacht, die Herr Herbert so geballt erlebt hat. Für meinen Teil war es das erforschen der Werbung im Selfpublishing, mit vielen Dingen die funktionierten, oder eben auch nicht. Für meinen Freund war es das Loch in das man stürzt, wenn die eigene Serie abgesetzt wird und man erstmal ohne Erwerb dasteht. Da nicht den Glauben zu verlieren, ist bewundernswert.
    Aber uns beide (Und wohl auch Herrn Herbert), verbindet das Ziel, von der Kunst des Schreibens leben zu können. Und beide haben wir es auch schon für eine Weile erreicht.
    Aber die Zweifel und Zukunftsängste werden wohl nie ganz verschwinden. Da tut es immer gut zu lesen, dass man nicht alleine ist.

    • Ich glaube, den Stein der Weisen wird niemand finden. Eine Marketing-Strategie muss immer zur einzelnen Person und zum „Produkt“ (nichts anderes ist ein Buch ja, auch wenn das manchen nicht behagen mag) passen. Und wenn eine Agentur ihre Arbeit für einen Festpreis verkauft (wobei ich bei Matthias nicht weiß, ob es so war. Aber ich gehe davon aus, denn sonst hätte er wohl kaum so viel Geld verbrannt), dann hat sie aus Renommeegründen zwar vermutlich Interesse, gute Arbeit abzuliefern, doch ob das Buch sich später verkauft, ist dann weniger interessant.

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