Die Reifeprüfung

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Reife Brombeere
Schon ganz schön reif, oder?

Tomaten sind reif, wenn sie rot und saftig sind, Äpfel, wenn ihre Schale noch fest ist, sie aber einen Teil ihrer natürlichen Säure verloren haben und so richtig schön schmackhaft sind. Doch welche Merkmale weisen reife Frauen und Männer auf?

Sind auch sie bereits dann reif, wenn sie einen Teil ihrer natürlichen Säure – ihrer Liebe zum Widerspruch – verlieren? Oder erst, wenn sich die ersten Furchen und Linien in die Seele eingegraben haben? Schließlich spricht man auch erst dann von reifer Haut, wenn sie sichtbare Zeichen der Alterung aufweist. Spätestens ab Mitte 40. Oder so. Bei Frauen und Männern sieht es ähnlich aus. Ab Mitte 40 gehören sie unzweifelhaft zu den reifen Exemplaren ihrer Gattung.

Lebenserfahren = reif?

Dem Duden nach bedeutet das Wort reif im Zusammenhang mit Menschen, dass jemand lebenserfahren und daher innerlich gefestigt ist. Erfahrung spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle.

Für mich hingegen hat der Begriff „reif“ einen negativen Beigeschmack – irgendwie jedenfalls. Wer reif ist, betrachtet die Welt aus einer abgeklärten Perspektive. Kaum etwas ist neu, kaum etwas kann noch überraschen. Und falls doch, wird das Neue, Überraschende husch, husch in eine der vielen Schubladen im Gehirn einsortiert, damit es bloß nicht länger neu ist.

Reif, das heißt für mich auch, für jede Situation eine Lösung zur Hand zu haben. Unabhängig davon, ob es die richtige ist. Hauptsache Lösung. Reif heißt somit ebenfalls, dem Zweifel keine Chance zu geben. Reif ist für mich gleichbedeutend, eingefahrene Wege möglichst nicht zu verlassen.

Ausgetretene Pfade verlassen

Ich glaube jedoch fest daran, dass nicht alle Menschen ab Mitte 40 reif in dem eben genannten Sinne sind. Denn dafür habe ich schon viel zu viele kennengelernt, die gerade jetzt, in diesem Lebensabschnitt, den Mut aufbringen, ausgetretene Pfade zu verlassen. Die etwas Neues beginnen, allen Unkenrufen aus ihrer Umgebung zum Trotz. Die sich mit Freude auf Neues einlassen und froh sind, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben.

Und dann gibt es natürlich noch die vielen Menschen in diesem Alter, die ihr Leben zwar nicht von rechts auf links drehen, die aber trotzdem neugierig geblieben sind. Die gerne bereit sind, ihre Meinung auch zu ändern. Die Unbekanntem mit weniger Vorurteilen begegnen als noch in jüngeren Jahren – aus der Erfahrung heraus, dass vieles doch ganz anders ist, als es sich zunächst darstellt. Und die zugeben können, sich geirrt zu haben. Was natürlich genaugenommen auch etwas mit Reife zu tun hat. Der Reife, über den eigenen Schatten zu springen.

Zahlen statt Umschreibungen

Trotzdem: Ich mag die Bezeichnungen „reife Frau“ oder „reifer Mann“ nicht. Vielleicht auch, weil sie versuchen, das Älterwerden zu beschönigen. Genau wie das in der Werbung für Menschen ab Mitte 40 gern verwendete „im besten Alter“. Wie kommt die Werbung überhaupt dazu, festzulegen, was das „beste“ Alter ist? Eine Frechheit sondergleichen, wie ich finde. Doch ich schweife ab.

Mir ist es jedenfalls allemal lieber, jemand spricht aus, an welche Altersgruppe er sich wendet, statt das Älterwerden mit wohlklingenden Worten zu umschreiben. Also statt von Männern und Frauen zu reden, die reif sind (oder es sein sollen), z. B. lieber von den 40- bis 60-Jährigen zu sprechen. Schließlich ist es doch keine Schande, so alt zu werden. Im Gegenteil. Also: Weg mit der Reife, hin zu den Zahlen. Bitte.

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