Die lebenden Urzeitkrebse

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Flohkrebs im Fluss
Kein Urzeitkrebs, sondern ein Flohkrebs. Bedarf keines Wasserwechsels. Zum Glück.

Im Supermarkt. Heute.

Ich stand vorm gut zehn Meter langen Zeitschriftenregal und staunte, wie viele verschiedene Titel es gibt. Computerzeitschriften, Pferde-, Caravaning- und Angel-Hefte (Männer und Fische), Strick-, Patchwork- und Topmodelanleitungen und natürlich Comics in allen Formaten. Da fiel mir zwischen den Internet- und Börsenblättern ein Heft auf, das ich schon lange nicht mehr im Zeitschriftenhandel gesehen hatte: Yps. Mit Gimmick.

Okay, okay, ich hatte davon gelesen, dass es wieder neu aufgelegt wird, aber so richtig danach gesucht habe ich bislang nicht. Und das, obwohl ich früher einzelnen Ausgaben der Zeitschrift entgegenfieberte.

Tüte auf, ins Wasser rein …

Besonders die Hefte mit den „lebenden Urzeitkrebsen“ hatten es mir angetan. Wohl nicht nur mir, denn es gab die Urzeitkrebse als Gimmick mehrfach. Zwei- oder dreimal kaufte ich mir die Zeitschrift mit den Krebsen, rührte eine Schale mit Salzwasser an und gab die getrockneten Urzeitkrebseier hinein. Dann wartete ich. Und tatsächlich: Nach einigen Tagen bewegte sich etwas im Wasser, das nicht mehr nur wie ein verirrtes Staubkorn aussah. Sicher war ich jedoch erst, wenn sich mehrere der paddelnden Pünktchen zeigten.

Dann dosierte ich vorsichtig das ebenfalls dem Heft (oder dem Folgeheft – genialer Marketingtrick übrigens!) beigefügte Urzeitkrebsfutter und gab es hinzu. Insgeheim hoffte ich, den Krebslein beim Fressen zuschauen zu können. Doch schon damals waren dazu meine Augen nicht gut genug. Das Einzige, was ich entdecken konnte, waren mit dem Schwanz wackelnde Krümel, die sich an andere Krümel klammerten. Mit Fresswerkzeugen oder Händchen, wer weiß das schon? Ein paar Mal nahm ich eine Lupe zu Hilfe, doch wirklich überzeugende Bilder lieferte auch sie nicht.

Projekt Wasserwechsel

Eine Zeit lang, so fünf bis sieben Tage, fand ich die Urzeitkrebse spannend. Bald darauf begann das Wasser zu stinken. Jetzt hätte ich es eigentlich wechseln müssen. Doch meine Angst war zu groß, dabei zu viele meiner lieb gewonnenen Haustiere zu verlieren. Denn wie sollte ich sie herausfiltern? Durch die Löcher herkömmlicher Haushaltssiebe wären die meisten hindurchgeflutscht, und auf die Idee, es mal mit einem Kaffee- oder Teefilter zu versuchen, kam ich nicht. Oder aber ich befürchtete, die Krebse könnten sich in den Filterporen verfangen – so genau erinnere ich mich nicht mehr (auch nicht, ob ich damals schon wusste, dass Kaffeefilter Poren besitzen und was das überhaupt ist. Vielleicht habe ich das auch erst später aus der Werbung erfahren).

Wie auch immer. Das Wasser wurde nicht gewechselt. Hin und wieder schüttete ich aus Verlegenheit etwas Leitungswasser hinzu. Denn an den Wänden meines Urzeitkrebsbeckens bildeten sich immer wieder dünne Verdunstungsränder. Das Mahnmal meiner Schande.

Ich glaube, ich war jedes Mal froh, wenn es meiner Mutter reichte und sie das stinkende Wasser wegschüttete. Ein wenig gemurrt habe ich zwar, aber eher, weil man das so macht, als dass ich es so meinte.

Manchmal kehren sie wieder

Tja, was soll ich sagen? Jahre später holten mich die Urzeitkrebse ein. In Form meiner Kinder, die unbedingt welche „brauchten“. Einmal haben wir sie dann tatsächlich gezüchtet. Nun ja. Diesmal war ich die Mutter.

Ein Paket Urzeitkrebse wartet hier übrigens noch auf seine Erweckung. Ich glaube, wir lassen die Krebse mal schön im Tiefschlaf.

4 KOMMENTARE

  1. Das erinnert mich an meine Kindheit. Ich hatte ein Mikroskop, und ein beliebtes Beobachtungsobjekt waren Pantoffeltierchen. Die bekommt man indem man Stroh und Wasser in ein Einmachglas gibt. Nach ein paar Tagen sind sie da, der Gestank aber auch. Meine Mutter hatte wenig Verständnis für meine wissenschaftlichen Untersuchungen…

  2. Oh, da weckst du wieder allerfeinste Kindheitserinnerungen, Simone. Ich hatte auch ein Mikroskop und das war aus Yps. (Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, ist Yps vielleicht die Ursache meiner Begeisterung fürs Erfinden!). Es war nicht viel größer als ein Kuli und man konnte es auf drei Beine stellen und dann anschauen, was man auf dem Teller hatte. Oder die Fingerabdrücke untersuchen, die man mit dem Yps-Fingerabdruckpuder entlarvt hatte.
    Die Urzeitkrebse haben bei mir nicht geklappt und 30 Jahre später bei meinen Töchtern auch nicht. Wir sind wohl nicht so gut im Klonen.

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