Die erste große Liebe

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Es gibt sie noch: die Schallplatte vom kleinen König Kalle Wirsch. Nur der Plattenspieler fehlt ...
Es gibt sie noch: die Schallplatte vom kleinen König Kalle Wirsch. Nur der Plattenspieler fehlt ...

Erinnert ihr euch noch an eure erste große Liebe? Ich schon. Ich war ungefähr fünf Jahre alt, als ich zum ersten Mal mein Herz verlor. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, verschlug es mir die Sprache. Und obwohl ich regelmäßig verstummte, wenn er auftauchte, konnte ich es nicht abwarten, ihn wiederzusehen. Er war mutig und schlau und, obwohl er kleiner war als ich, einfach großartig. Außerdem erlebte er die tollsten Abenteuer. Als meine Eltern uns voneinander trennten, war mir, als schneide mir jemand das Herz in kleine Stücke – mit einem Teelöffel. Dabei fuhren wir nur in die Ferien. Allerdings wusste ich nicht, ob ich ihn danach jemals wiedersehen würde. Denn meine erste große Liebe war kein Mensch, sondern der kleine König Kalle Wirsch, mein größter Fernsehstar.

Herzschmerz hoch zehn

„Kleiner König Kalle Wirsch“ gehört zu den legendären Vierteilern der Augsburger Puppenkiste. Und da es eben nur vier Teile gab, war mir klar, dass ich dem König der Wirsche, Wolde, Gilche, Trumpe und Murke so schnell nicht wiederbegegnen würde, wenn ich ihn jetzt verlassen würde. Denn obwohl Fernsehwiederholungen schon erfunden waren, konnte es ziemlich lange dauern, bis eine so bahnbrechende Sendung wie Kalle Wirsch erneut ausgestrahlt wurde – vor allem für eine verliebte Fünfjährige, deren Geduldsspanne in etwa so lang war wie die einer Eintagsfliege. Videorekorder hingegen hatten ihren (wenn auch kurzlebigen) Siegeszug in die deutschen Haushalte noch nicht angetreten.

Keine Gnade

Meine Eltern zwangen mich also mit gepackten Koffern dazu, meine große Liebe aufzugeben. Ich fühlte mich wie Julia, die von ihrem Romeo getrennt wurde (oder, wie ich es damals wohl eher ausgedrückt hätte, wie Nu ohne Tella, denn die kannte ich im Gegensatz zu Shakespeare schon). Ich weinte und tobte, doch meine Eltern waren unerbittlich. Alles Flehen nützte nichts. Sie ließen mich nicht daheim zurück, ich musste mit ihnen in den Urlaub fahren.

Natürlich war da kein Kalle mehr, als wir zurückkehrten. Das Fernsehen erschien mir öd und leer. Es war mir fortan sogar egal, dass ich „Daktari“ verpasste, weil mein Vater samstags die Sportschau sehen wollte. Meine Eltern merkten schließlich, dass irgendwas nicht stimmte (wenn eine Jungversion von Rumpelstilzchen alles zusammenbrüllt, weil es den „Kleinen König“ verpasst, ist das schwierig zu übersehen, vor allem aber zu überhören). Und sie fassten einen Entschluss.

Das Geschenk

Ein paar Tage später überreichten sie mir ein Geschenk: flach, quadratisch, mit einer Kantenlänge von etwa 30 Zentimetern. Ich öffnete es, ein wenig missmutig zunächst, doch als ich die möhrenfarbenen Stehhaare, den roten Umhang und die Halskette mit der Silberkugel (dem Uranstein?) erkannte, riss ich das Geschenkpapier so rasch herunter, dass man es kein zweites Mal verwenden konnte (das tat man damals noch, aber vielleicht war das auch nur eine Besonderheit unserer Familie). Es war eine Schallplatte mit der Geschichte vom kleinen König Kalle Wirsch.

Die dudelte von da an unentwegt auf meinem kleinen Kofferplattenspieler (taubenblau, zusammenklappbar, mit integriertem Lautsprecher) und nach kurzer Zeit konnte ich den kompletten Text mitsprechen – meine Rache für die entgangenen Fernsehfreuden.

Natürlich habe ich „Kleiner König Kalle Wirsch“ später noch mal gesehen. Ähem. Nicht nur einmal, sondern viele Male. Auch im Erwachsenenalter. Und damit ich ihn jederzeit wieder sehen kann, habe ich ihn sogar auf DVD. Denn nichts ist vergleichbar mit der ersten großen Liebe.

Möchtest auch du die Geschichte von „Kalle Wirsch“ kennenlernen? Unter diesem Link gibt es die Hörspielfassung.

4 KOMMENTARE

  1. Wie schön, eine Seelenverwandte!
    Auch mir hat es besonders diese Geschichte angetan. Ich hatte (und habe) ebenfalls die Schallplatte, allerdings als Doppel-LP mit der Geschichte „3:0 für die Bärte“ als zweites Hörspiel. Beide Geschichten hatten scheinbar nicht nur für unsere Generation eine „verzaubernde“ Wirkung, auch meine Kinder haben sie geliebt. Und da beide Geschichten nicht sooo häufig im Fernsehen liefen, steht noch heute die DVD in meinem Filmregal. Allerdings stehen daneben auch Vierteiler, die mich später in ähnlicher Weise gefesselt haben: „Die Schatzinsel“, „Der Seewolf“, usw.
    Irgendwann habe ich mich auch an diese ganzen Filme, die in meinen Kindertagen die Adventszeit und das Weihnachtsfest so sehr zusätzlich spannend gemacht haben (und die später kaum wiederholt wurden) erinnert und zum Glück erstanden.
    Und das Schöne ist: Wenn man sich darauf einlassen kann, dann kann man sich dem Zauber aus der Kinderzeit beim Anschauen wieder sehr nahe fühlen. Ich mag das gern.

    • Lieber Thorsten,

      3:0 für die Bärte hatte ich auch als LP 🙂 . Und meine Lieblings-Weihnachtsvierteiler waren „David Balfour“ und „Michael Strogoff“ – sowie „Zwei Jahre Ferien“. Die hätte ich nämlich auch gern gehabt. Die Weihnachtsvierteiler fanden meine Kinder übrigens doof, sie kamen mit der doch eher bedächtigen Erzählweise nicht mehr klar. Aber die Augsburger Puppenkiste haben sie auch geliebt.

  2. Liebe Simone,
    ach, die Augsburger Puppenkiste. Wie habe ich sie geliebt! Mein Liebling ist Urmeli, das zurück in seine Mupfel will. Vor wenigen Jahren habe ich mir die DVD gegönnt, um sie meinem Mann zu zeigen.

    In den Weihnachtstagen habe ich auch die spannenden Serien wie Seewolf, der die rohe Kartoffel mit bloßen Händen zerdrückt und alle möglichen Abenteuerfilme gesehen.

    Lieben Gruß
    Renate

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