Der Norwegerpulli oder die Wiederkehr des Do it yourself

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Schön, aber leider kratzig. der selbst gestrickte Norwegerpulli aus den 80ern
Schön, aber leider kratzig. der selbst gestrickte Norwegerpulli aus den 80ern

Früher hatten wir ja nix*. Und selbst wenn wir was hatten, gab es nicht das, was wir wollten. Deshalb mussten wir alles selbst machen. Wir haben Norwegerpullis gestrickt, Hosen genäht, Regale aus alten Obstkisten gebastelt. Wir haben mit Makramee aus fiesem Jutegarn Hunderte von Blumenampeln und Makramee-Eulen geknüpft, mit Malen nach Zahlen Katzenbabybilder gepinselt und aus weniger kratzigem Garn Freundschaftsbänder geflochten. Unsere Spiegel haben wir selbst geklöppelt, unsere Kerzen selbst gegossen und sogar unsere Hinkelsteine haben wir selbst gehauen (Beweisfotos anbei). Es war nicht alles schön, was dabei hinten ’rauskam.

Alt und kellerspinnbewebt, aber selbst gemacht (und mit güldenem Eiffelturm darunter)
Alt und kellerspinnbewebt, aber selbst gemacht (und mit güldenem Eiffelturm darunter)

 

Kerzengießen – als Hobby eindeutig zu gering geschätzt.
Kerzengießen – als Hobby eindeutig zu gering geschätzt.

Dinge, auf die die Welt (nicht) gewartet hat

Heute aber kann man fast alles kaufen. Egal, ob man eine Einhornmaske aus Latex oder das fliegende Spaghettimonster aus Plüsch braucht, einen Bart zum Ankleben benötigt (erhältlich in jeder Form und Farbe, sogar mit integriertem Strohhalm), Pantoffeln mit Zombiegesicht (zum Reintreten) oder einen Anzug aus Luftpolsterfolie (zum Dauerploppen und Andere-Leute-Nerven) sucht: Es gibt fast nichts, was es nicht gibt. Und was es nicht gibt, wird unter Garantie gerade erfunden (mit Ausnahme der Dinge, die die Menschen nicht durchblicken). Die Wirtschaft ist weiterhin auf Wachstum gerichtet, obwohl der Club of Rome schon 1972 wegen der begrenzten natürlichen Ressourcen und der zunehmenden Umweltbelastung die Grenzen des Wachstums aufzeigte (und 40 Jahre später erneut Thesen zum Wachstum aufgestellt hat).

Doch halt! Das gilt nicht für die ganze Wirtschaft. Eine kleine Gruppe leistet dem Konsumdruck Widerstand. Die DIY-Bewegung besinnt sich zurück auf die guten alten Werte des Selbermachens. Denn DIY steht für do it yourself: Mach es selbst.

DIY = cool

So klein ist diese Gruppe übrigens gar nicht mehr. Überall wird heute gestrickt, gehäkelt, gebastelt, gesponnen, geflochten, gedrechselt, geschmiedet, geheimwerkt, gegärtnert oder hobbygeimkert. Nur dass man eben nicht mehr unbedingt vom Stricken oder Häkeln spricht, sondern immer häufiger vom Knitting oder Crocheting (die männlichen Varianten sind das Male Knitting oder Male Crocheting). Wer Fotos in ein Buch einklebt und diese mit Zeichnungen oder Aufklebern verziert, übt sich im Scrapbooking, Kinder flechten keine Gummiarmbänder, sondern Loops, und wer seine Möbel aufmotzt oder ausgehöhlte Zitronen als Blumentöpfe nutzt, begeht Life Hacks.

DIY = toll

Auch wenn es nicht so klingt: Ich finde das eigentlich ganz toll, das mit dem Selbermachen. Besonders großartig finde ich, dass es immer mehr Menschen gibt, die Dinge reparieren, statt sie wegzuwerfen. Denn das funktioniert mit ein bisschen Mühe durchaus. Das größte Problem besteht normalerweise darin, den Fehler zu finden und die passenden Ersatzteile aufzutreiben.

Also, wie gesagt: ich finde es also eigentlich ganz toll, Dinge selbst anzufertigen, die man benötigt und so, wie man sie gerne hätte, nirgendwo findet. Schon allein der Umwelt zuliebe … Doch ist DIY tatsächlich umweltfreundlicher und ressourcenschonender? Das kommt wohl immer darauf an …

DIY = umweltschonend?

Klar ist jedenfalls, dass man zum Selbermachen nicht nur die entsprechenden Rohstoffe, sondern in der Regel auch Werkzeuge und Geräte benötigt. Der Materialeinsatz ist gegengerechnet zum Output damit oft recht hoch. Und da die DIY-Branche am Selbermachen natürlich weiterhin verdienen möchte, bringt sie immer neue Werkzeuge und Geräte auf den Markt, die versprechen, mit ihnen noch bessere und schnellere Ergebnisse zu erzielen. Oder selbst höchste Ansprüche (was immer das sein mag) zu erfüllen bzw. zumindest auf irgendeine Art und Weise (z. B. durch Verwendung teurer Materialien) besonders zu sein. Stricken dann alle plötzlich mit den Stricknadeln einer angesagten Firma, fühlt man sich mit den Nadeln von Omma wie ein Loser.

Das Suchtpotenzial des DIY

Hinzu kommt: Hat man einmal mit dem Selbermachen angefangen, kann man schlecht wieder aufhören. Ach, egal. Dann näht man eben nicht nur die eine Tasche, die man benötigt, sondern vier, fünf Taschen und mehr. Weil es so großen Spaß macht und man nach der dritten Tasche die Nähtechnik perfektioniert hat. Taschen kann man schließlich nie genug haben. Verschenken geht ja auch noch und zur Not verkauft man sie für ein paar Euro (wobei es sich in der Regel empfiehlt, den Stundenlohn nicht auszurechnen oder selbst genähte Taschentücher bereitzuhalten).

Manche Menschen beginnen sogar damit, Dinge anzufertigen, die sie bis dahin nicht vermisst haben. Ärmelschals oder Schultertücher zum Beispiel (oder kennt ihr viele Leute, die so was tragen? Vielleicht wisst ihr – genau wie ich bis eben – noch nicht mal, was ein Ärmelschal ist. Doch dafür gibt es ja Google).

Die Ansprüche steigen

Die Wirtschaft profitiert zudem davon, dass die meisten DIYer immer anspruchsvoller werden. Reichte fürs Stricken des ersten Ärmelschals noch das Polyacryl-Gemisch aus dem Laden um die Ecke, muss es fürs zehnte Strickobjekt womöglich schon Handstrickgarn vom arktischen Moschusochsen oder tibetanische Yak-Wolle sein. Und dann gibt es noch so viel andere schöne Wolle in so vielen schönen Farben. Kaufen wir sie lieber gleich, verarbeiten können wir sie später. Auch Werkzeuge zum Bohren, Schmirgeln oder Sägen kann man nie genug haben, das Gleiche gilt für Papier zum Scrapbooking oder die tollen Fliesen, aus denen man ein Fußbodenmosaik legen könnte, wenn man mal Zeit hat.

Das freut die DIY-Branche natürlich (die Umwelt vielleicht weniger). Allein der Handarbeitsbranche bescherte der DIY-Boom in Deutschland 2013 laut „Branchenfokus Handarbeiten“ des Instituts für Handelsforschung Köln einen Rekordumsatz von 1,35 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass die DIY-Branche ständig weitere Begehrlichkeiten schafft, die gerne angenommen werden.

Keine Hinkelsteine mehr

Hey, ich spreche aus Erfahrung. Schließlich habe ich schon vor Jahren geknüpft, gehäkelt, gestrickt, genäht und gehinkelsteint. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich diesmal nicht mitmache. Ich bin von damals noch verdorben. Klar doch: Ich repariere nach wie vor Dinge, nähe Flicken auf Jeans oder andere Kleidungsstücke, wenn sie noch zu retten sind. Aber ich mag keine Norwegerpullis mehr stricken, die ich dann doch nur dreimal trage, weil sie zu kratzig sind. Ich mag nichts mehr knüpfen, das nur Staub ansetzt. Doch vielleicht bin ich auch einfach nur neidisch, weil ich das mit dem DIY nicht so gut kann. Denn die meisten selbst gemachten Dinge heute sehen wesentlich professioneller aus als meine Variation vom Hinkelstein von vor 40 Jahren.

Hinkelstein auf Podest und künstlerisch wertvoll
Hinkelstein auf Podest und künstlerisch wertvoll

Nur manchmal klappt es auch bei den anderen DIYern nicht so, wie gewünscht. Diese Varianten kommen aber ebenfalls ins Internet. Oft unter dem Oberbegriff „Nailed it“. Das bedeutet übersetzt eigentlich so viel wie „du hast den Nagel auf den Kopf getroffen“, meint aber: „Sorry, verkackt.“ Schaut man sich solche Fotos an, fühlt man sich auch als Hinkelsteinproduzentin nicht mehr ganz allein.

* Klingt doch immer gut, oder?

4 KOMMENTARE

  1. Ach ja, einen besonders schönen selbstgestrickten Pulli habe ich auch noch im Schrank liegen. Ich denke vorsichtshalber nicht so genau darüber nach, wie lange ich ihn schon nicht mehr getragen habe. Aber die (wirklich) schöne Wolle habe ich in Irland gekauft, und das keltische Rankenmuster, das ich reingestrickt habe, hat mich so viel Mühe gekostet. Erst neulich habe ich darüber nachgedacht, was eigentlich aus den vielen Pullis geworden ist, die ich früher alle so gestrickt und gerne getragen habe. Zu viele Umzüge und Kleidersammlung vermutlich. (Von Änderungen in Figur und Mode ganz zu schweigen.) Was heute in der Familie immer noch gut geht, sind selbstgestrickte Socken. Braucht man immer, geht schnell, ist bunt und macht Spaß.

    Aber darf ich etwas klugscheißern: Der oben abgebildete Pullover ist ein Islandpulli, kein Norweger – das erkennt man daran, dass Körperteil und Ärmel oben zu einer gemeinsamen Passe rundgestrickt werden.

    Das mit den ausgehöhlten Zitronen hab ich auch mal versucht (das schuldige Bastelbuch war ein Geschenk von meiner Tante und irgendwie gar nicht praxistauglich) – mit Grapefruithälften, die statt zu trocknen glorios verschimmelt sind.

    Gerne würde ich viel mehr Dinge reparieren. Drucker zum Beispiel. Wir haben momentan 3 Stück im Büro rumstehen. Einer hat ein Problem mit dem Papiereinzug und wartet schon seit Jahren darauf, dass etwas Sinnvolles mit ihm passiert. Wäre sicher gar nicht so schwierig – wenn man nur wüsste, wie. Und es würde sich lohnen, der Druck ist nämlich super. Sein Nachfolger hat ein auch mit allen Herstellertipps nicht behebbares Problem mit Druckbild und Farbverteilung (auch das dürfte eigentlich kein K.O.-Kriterium sein) und darf jetzt noch so lange drucken, bis der Toner alle ist. Der wiederum nächste Nachfolger steht schon bereit. Aufwand und Kosten für eine Reparatur (der „ganz alte“ war sogar schon mal beim Reparaturladen) werden in keinem Verhältnis zum Wert des Geräts stehen – und schließlich kann ich den neuen ja absetzen. Befriedigend finde ich das nicht. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

    • Klar, darfst du klugscheißern – jetzt weiß ich endlich, warum ich mich in dem Pulli immer wie ein Islandpony gefühlt habe 😉 Das mit den Grapefruithälften wär mir garantiert genauso gegangen (siehe Hinkelstein 😉 ). Ich glaube, man muss nicht mehr alles mitmachen …

  2. Hallo!

    Erstmal Daumen hoch für deinen Beitrag – mit so einem humorvollen, witzigen Artikel hätte ich nicht gerechnet!
    Ich selbst gehöre auch zu den Leuten, die sich ab und an ans „Selber-machen“ ranwagen. Deshalb bin ich auch neugierig auf deinen Artikel geworden. Während des Lesens ist mir klar geworden, wie recht du hast. Wie albern manche neumodische Bezeichnungen (BSP: Scrapbooking) sind, die im Grund nicht mehr sagen als: Foto in ein Heft kleben und mit Pickerl oder Zeichnungen verzieren. 😀
    Den DIY-Boom aus wirtschaftlicher Sicht zu betrachten fand ich auch sehr spannend. Da bekommt man eine vollkommen neue Perspektive!

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