Der Mythos vom positiven Denken

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Stofftier mit rosa Brille
Muss man wirklich immer alles durch die rosa Brille betrachten?

„Du musst positiv denken, dann schaffst du das!“, „Think big!“ oder auch „Pass auf! Schlechtes Karma zieht das Unglück förmlich an“ – dieser Tschakka-Mentalität sind wir schon seit geraumer Zeit ausgesetzt. Doch jeder Mensch, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, weiß: So einfach ist das Leben nicht.

Keiner wird besser, schöner oder dünner, indem er es sich nur einredet. Solche Ziele erreicht man normalerweise nur durch gezielte Maßnahmen wie Fortbildung, Typberatung, Ernährungsumstellung oder etwa plastische Chirurgie. Nicht jeder hat dabei Erfolg, selbst dann nicht, wenn er sich genau das unablässig suggeriert. Die Kraft des positiven Denkens kann sogar gefährlich sein. Zum Beispiel, wenn Menschen sich bei der Behandlung schwerer Krankheiten allein auf sie verlassen.

Trotzdem boomt die Literatur zu diesem Thema. Und Oldtimer unter den Denk-positiv-dann-kannst-du-alles-schaffen-Werken wie die Bücher von Napoleon Hill und Dale Carnegie verkaufen sich mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Veröffentlichung noch immer wie geschnitten Brot.

Möchten wir uns vielleicht gerne einreden, unseren Erfolg allein mithilfe unserer Gedanken, Einstellungen und unserem Verhalten beeinflussen zu können? Würden wir alle vielleicht lieber positiv als negativ denken? Oder stehen wir unter dem Druck, uns selbst zu optimieren, weil „man“ das mittlerweile eben so macht? Und irgendwas muss doch auch dran sein, an der Sache mit dem positiven Denken, oder?

Die eigenen Einstellungen

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass positives Denken die eigenen Handlungen beeinflusst. Viele Forscher gehen mittlerweile davon aus, dass Menschen mit einer optimistischen Grundeinstellung besser mit schwierigen Lebenssituationen zurechtkommen als pessimistisch in die Zukunft Blickende. Oder Optimisten zumindest davon überzeugt sind, solche Situationen leichter zu meistern.

Optimismus, das ist für die US-amerikanischen Psychologen Charles S. Carver, Michael F. Scheier und Suzanne C. Segerstrom eine individuell ausgeprägte Eigenschaft, die das Ausmaß der positiven Erwartungen eines Menschen an seine Zukunft beschreibt. Den Wissenschaftlern zufolge deuten zahlreiche Untersuchungen darauf hin, dass eine optimistische Grundeinstellung mit einer besseren Gesundheit, glücklicheren Beziehungen und sogar einem höheren Einkommen einhergeht.

Da ist es kein Wunder, dass viele Menschen versuchen, sich eine optimistische Grundeinstellung zuzulegen. Doch kann man sich diese Einstellung einfach anschaffen wie ein neues Hemd? Kann man sich durch „gute Gedanken“ vom Pessimisten zum Optimisten wandeln?

Der Pessimist im Optimistenpelz

Carver, Scheier und Segerstrom gehen davon aus, dass es dem Einzelnen zwar möglich ist, optimistischer zu denken, bezweifeln jedoch, dass aus einem brummeligen Pessimisten jemals ein strahlender Optimist wird. Für sie ist Optimismus ein Charakterzug, der über Jahre hinweg stabil bleibt und weitgehend unabhängig von den Lebensumständen einer Person ist. Diese Eigenschaft lässt sich nicht ohne weiteres dadurch beeinflussen, dass man sich selbst einredet, wie erfolgreich, liebenswert und fröhlich man ist. Dennoch, so die Wissenschaftler, kann es mithilfe der kognitiven Verhaltenstherapie gelingen, pessimistische Einstellungen zu bestimmten Lebensbereichen (z. B. zur Arbeit) zu ändern. Auch dauerhaft. Aber: Ein Pessimist wird vermutlich selbst mithilfe von Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie nie die gleichen positiven Erwartungen hegen wie ein von Haus aus optimistischer Mensch.

Sich realistische Ziele setzen

Was heißt das nun fürs positive Denken? Bringt es überhaupt nichts? Kann man es deshalb gleich lassen? Sagen wir mal so: In vielen Fällen ist es sicher besser, mit einer positiven Erwartung an eine Sache heranzugehen als mit einer negativen. Es schadet meistens auch nicht, daran zu glauben, dass man Hürden meistern wird. Aber man sollte sich realistische Ziele setzen. Zum Beispiel sich vornehmen, zunächst vier Kilogramm abzuspecken – und nicht gleich 30. Oder erst einmal eine Kurzgeschichte zu schreiben anstelle eines ganzen Buches. Erreicht man diese Ziele, gibt das einen Motivationsschub fürs nächste Vorhaben bzw. fürs Weitermachen. Positive Gefühle gibt es noch gratis oben drauf. Auch ohne absichtlich positiv zu denken.

Noch etwas: Wer sich ständig suggeriert, er selbst sei seines Glückes Schmied – und zwar in jeder Hinsicht –, kann sich damit ganz schön unter Druck setzen. Und klappt es mal nicht mit der Zielerreichung, wachsen schnell die Selbstzweifel. Bei manchen Menschen stellt sich sogar ein Gefühl der Wertlosigkeit ein. Und dann sieht’s gar nicht mehr gut aus mit dem positiven Denken.

Allemal besser ist es, sich zwischendurch immer wieder Zeit für die schönen Dinge im Leben zu nehmen: mit Freunden zu lachen, mit lieben Menschen etwas zu unternehmen, einen Spaziergang zu machen oder auch nur mal zu faulenzen. Denn was einem guttut, hilft, sich besser zu fühlen und damit auch optimistischer in die Zukunft zu schauen. Und richtiger Optimismus ist immer günstiger als krampfhaftes positives Denken. Oder?

2 KOMMENTARE

  1. Ich denke, die Mischung macht´s.
    Die Menschheit hat bis heute überlebt, weil es nicht nur die Draufgänger gibt, sondern auch die Vorsichtigen.

    Ich selber bin durch und durch ein Optimist – und fahre auch gut damit. Denn wenn ich mal auf die Fresse gefallen bin, nehme ich sofort noch mal Anlauf um mich erneut hinzupacken. 😀
    Aber hey, oft klappen die Dinge nach dem 5-25. mal dann!! 😀

    Schwierig ist allzu positives Denken im geschäftlichen Bereich. Da muss ich den Optimisten in mir immer bremsen. 😀

    • Ich denke schon, dass man es leichter hat, wenn man optimistisch an Dinge herangeht, einfach, weil man sich dann mehr zutraut und vielleicht auch andere einem mehr zutrauen. Andererseits birgt das Ganze – wie du schon sagst – auch Risiken, z. B., dass man Gefahren nicht oder zu spät erkennt.

      Ich mag jedoch das übertriebene „Nur, wenn du gute Gefühle dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest gegenüber hast, sind auch das Leben, das Universum und der ganze Rest dir wohlgesinnt“ nicht. Denn das hieße im Umkehrschluss ja, dass man in Situationen, in denen man eben nicht positiv denken kann, z. B. weil man gerade eine irgendwie geartete Hiobsbotschaft erhalten hat, selbst schuld daran ist, wenn es weiter bergab geht. Aber was verstehe ich schon vom Leben, dem Universum und dem ganzen Rest 😉 ?

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