Defizitorientierung oder die Suche nach dem Mangel

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Kotzende Leberwürste? Gibt es nicht? Doch!
Es gibt keine kotzenden Leberwürste, es gibt keine kotzenden Leberwürste, es gibt keine ...

Ich kann nicht seiltanzen, nicht apnoetauchen, nicht segelfliegen. Wenn ich etwas zeichne, sieht das Ergebnis aus, als ob eine Leberwurst aufs Papier gekotzt hätte. Ich bin eine Niete in Differential- und Integralrechnung, und das Prinzip der Abschreibungen bei der Steuererklärung verstehe ich auch nicht. Eigentlich könnte ich mich gleich erschießen bei so viel Lebensuntüchtigkeit. Oder?

Mangels Waffe wird das mit dem Erschießen wohl nichts. Und wenn ich es mir noch mal so recht durch den Kopf gehen lasse, möchte ich es auch nicht. Denn mit meinen Defiziten (von denen es noch so ein, zwei weitere gibt, die ich nicht preisgebe) kann ich ganz gut leben.

Schließlich gibt es für die Steuererklärung Steuerberater, und Apnoetauchen macht mir ohnehin Angst. Auf einem Seil tanzen möchte ich nicht, das Segelfliegen könnte ich vielleicht sogar noch lernen, und Differential- und Integralrechnung habe ich außerhalb der Schule nie wieder gebraucht. Das Einzige, was mich ein wenig schmerzt, ist die Sache mit dem Zeichnen. Aber ich habe mir sagen lassen, dass ich es mit Anleitung und ein wenig Übung zwar nicht zur Meisterschaft, aber zumindest zu ansehnlicheren Ergebnissen bringen könnte.

Es beginnt im Kindergarten

Womit ich jedoch immer weniger leben mag, ist die Sache mit der Defizitorientierung. Die fängt nämlich schon bei den Jüngsten an. Wer Kinder hat, erinnert sich vermutlich noch gut an das erste Elterngespräch im Kindergarten (oder hat es schnell wieder vergessen): Man freut sich drauf zu erfahren, wie sich der Zwerg entwickelt, den man so lieb hat, und was bekommt man zu hören?

„Lieschen macht immer noch in die Hose. Mit drei Jahren müsste da aber endlich mal Schluss sein. Sie müssen mit Ihrem Kind den Toilettengang üben“ oder „Nico ist feinmotorisch längst nicht so weit wie die anderen Kinder seiner Altersklasse. Die können alle schon einen geraden Strich zeichnen. Nico kann nur Kreise.“

Dass Lieschen das mit der Toilette immer wieder vergisst, weil sie vertieft ins Spiel ist, was für eine tolle Konzentrationsfähigkeit spricht, und Nico vielleicht keine gerade Linie zeichnen kann, sich dafür aber rührend um Kleinere kümmert, bleibt außen vor. Es wird hauptsächlich auf den Defiziten herumgeritten. Und das, obwohl kein Kind alles auf einmal können kann. Manches entwickelt sich erst mit der Zeit. Und manches vielleicht auch nicht. Für gerade Linien gibt es schließlich Lineale.

Schule: mangelhaft

In der Schule gehtʼs dann weiter: Defizite werden durch schlechte Noten manifestiert. Dabei muss nicht immer das Kind schuld sein, wenn es etwas nicht versteht. Mit manchen Lehrern kann man einfach nicht. Und manche können nicht so erklären, dass es jeder versteht. Doch selbst wenn es mit einem oder zwei Fächern nicht so klappt wie mit anderen. Ist das so schlimm? Allround-Genies werden ohnehin überbewertet; es muss auch Spezialisten geben. Trotzdem: Eine ganze Reihe Kinder fühlt sich bald als Versager.

Tja, und wer dann nach der Schule einen Beruf erlernen oder studieren möchte, bekommt nicht selten zu hören, dass er oder sie nicht geeignet ist, weil der Notendurchschnitt nicht stimmt. Dabei sagt der in der Regel nichts darüber aus, ob jemand ein guter Arzt oder eine hervorragende Tischlerin wird. Dafür sind oft ganz andere Qualifikationen wichtig.

Defizite überall

Die Defizitorientierung geht jedoch noch weiter. Frauen wird gerne weisgemacht, dass sie zu dick sind, selbst wenn sie Normalgewicht haben. Männer sind Loser, wenn sie nicht wenigstens ein bisschen sportlich sind oder keine große Klappe haben.

Menschen mit 50 sind zu alt für den Arbeitsmarkt, obwohl es noch 17 Jahre bis zur Rente sind, und noch Ältere sind eh nicht mehr auf der Höhe der Zeit, obwohl sie vielleicht durch ihre Erfahrung Jüngeren vieles voraus haben.

Anspornen, nicht abschrecken

Leute, sagt mal: Gehtʼs eigentlich noch? Warum müssen wir in allem ein Defizit suchen? Fühlen wir uns dann etwa besser? Warum sagen wir uns und unseren Kindern stattdessen nicht lieber, was wir alles können? Was toll an ihnen und uns ist? Haben wir Angst, dass wir dann zu übermütig werden und uns nicht mehr anstrengen?

Das ist doch völliger Quatsch! Ein „Das hast du gut gemacht!“ oder „Das kannst du aber gut!“ spornt doch viel mehr an als ein „Das musst du aber besser machen“ oder „Das musst du aber noch üben“. Die schlechtere Note, die gegeben wird, weil eine Schülerin zwischen zwei Noten steht, gibt keinen Anreiz, sondern demotiviert. Eine bessere Note, selbst wenn die mit viel Goodwill gegeben wurde, zeigt vielmehr, dass da jemand ist, der an einen glaubt. Und den oder die will man beim nächsten Mal nicht enttäuschen.

Und schließlich: Keine(r) kann alles können. Muss aber auch nicht. Denn das ganze Wissen passt ohnehin nicht in einen einzigen Kopf. Ich muss mir das auch immer wieder sagen. Im Umgang mit mir und mit anderen.

10 KOMMENTARE

  1. Sehr hübsch. Vieles kam mir aus der Zeit namens damals bekannt vor.

    Aber es ist besser geworden. Jedenfalls für meinen Nachwuchs. Zum Glück war nämlich bereits die Kita meiner Tochter toll und auch in der Schule wird sie gefördert und meist begründet gelobt. Die tollen Lehrerinnen beobachten gut und geben keines der Kinder vorschnell auf. Und das auf einer öffentlichen Schule. Gute Gelegenheit, allen engagierten Lehrkräften für ihren tollen Job zu danken.

  2. Ja, als Mutter habe ich in der Hinsicht auch so meine Erfahrungen gemacht. Wobei ich in aller Fairness dazu sagen muss, dass ich meistens das Gefühl hatte, dass Lehrer und Erzieher auch immer sehr bereit waren, neben Defiziten auch Stärken zu sehen und rückzumelden. Aber es ist ja nun mal so: Die Stärken sind da, sind schön, man freut sich, und mehr ist erstmal nicht zu tun. Bei den Defiziten dagegen besteht oft Handlungsbedarf – und schon ist man gezwungen, sich intensiver damit zu beschäftigen. So entsteht sicher auch der Eindruck, es würde mehr auf ihnen rumgeritten.

    Noch ein frischer Eindruck aus der Zeugniskonferenz, der ich letzte Woche erstmals beiwohnen durfte: Die Lehrer haben bei so einigen Schülern gesagt, sie könnten mehr als sie zeigten, und man konnte das Bedauern der Lehrer darüber spüren. Und beim Entscheiden in Zweifelsfällen war viel Wohlwollen zu spüren. Nicht in dem Sinne, dass milde lächelnd alles durchgewunken wurde, sondern es wurde der/die ganze Jugendliche betrachtet, mit Potenzial, und besondere Leistungen in Schule und Alltag wurden gewürdigt und berücksichtigt. Aber ich glaube sowieso oft, dass wir eine besonders nette, unterstützende Schule erwischt haben!

    • Das, was du erlebt hast, kenn ich auch, Katja. Trotzdem habe ich gerade in der Kita noch so ein paar andere Erfahrungen machen „dürfen“. Aber das ist zum Glück schon einige Zeit her. Aber ich wollte mich mit dem Artikel auch selbst daran erinnern, nicht immer so streng zu sein. Nicht mit mir und nicht mit anderen.

  3. Ja und im Job geht es ähnlich weiter. Allerdings machen wir es bei uns selbst ja auch so (zumindest sind viele von dieser „Gefahr“ betroffen). Anstatt stolz zu sein auf das, was wir vielleicht schon geschafft haben, sind wir permanent unglücklich über das, was wir noch nicht geschafft haben.
    Es ist Zeit, umzudenken!!! Danke!

  4. Vor allem in den Bildungseinrichtungen, also in Kindergarten und Schule sollte eher ressourcenorientiert als defizitorientiert gearbeitet werden. Jedes Kind hat seine Stärken und Schwächen. Ziel der Erzieher muss es sein, die Schwächen zu kompensieren und die Stärken zu fördern. Das Schulsystem müsste sowieso längst erneuert werden, sollte individueller an die Schüler angepasst werden. Eine Grundbasis in allen schulischen Modalitäten ist wichtig, keine Frage. Aber Spezialisierungen sollten dann vor allem in den Gebieten erfolgen, in denen die Interessen und Talente liegen.

    • Eine Grundbasis find ich auch wichtig. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie froh ich war, als ich mich nicht mehr um Integralrechnung kümmern musste und auch die Kurvendiskussion Kurvendiskussion sein lassen durfte. Das ging damals noch …

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