Das Märchen von der Zufriedenheit

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Ist Zufriedenheit das Gleiche wie Glück?
Zufrieden oder nicht?

Als ich ein Kind war, besaß ich ein Märchenbuch. Es war ein ganz besonderes Buch, und ich las es immer und immer wieder. Den Titel des Buchs habe ich vergessen*, doch eines der Märchen ist mir über all die Jahre in Erinnerung geblieben. Darin ging es ums Wünschen.

Eine gute Fee (oder war es ein Wichtelmännchen?) erfüllte in dieser Geschichte Wünsche. Zum Ende hin, als der Held des Märchens seinen Wunsch ausgesprochen hatte, beschwerte sie sich, dass sich alle Menschen Reichtum, Erfolg oder Glück in der Liebe wünschten, niemand jedoch Zufriedenheit. Daraufhin beschloss ich, die Erste zu sein, die sich Zufriedenheit wünscht, sollte mir jemals eine gute Fee über den Weg laufen.

Leider habe ich bis heute keine Fee oder ein anderes Fabelwesen getroffen, aber über die Geschichte mache ich mir noch heute Gedanken. Ist Zufriedenheit tatsächlich so erstrebenswert? Ist es nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit Situationen, die zu tiefgreifenden Veränderungen im eigenen Leben und in der Gesellschaft führt? Ist Zufriedenheit das Gleiche wie Glück? Und wie kann man Zufriedenheit überhaupt erreichen?

Zufriedenheit und Glück

Natürlich haben sich über diese Fragen bereits jede Menge schlauer Menschen Gedanken gemacht. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien zum Thema, es gibt sogar eine eigene wissenschaftliche Disziplin dazu: die Glücksforschung. Denn obwohl Glück und Zufriedenheit nicht dasselbe sind, ist Zufriedenheit in der Regel Teil des Glücks. Und je nach Definition überlappen sich Glück und Zufriedenheit.

Meyers großes Taschenlexikon beispielsweise definiert Glück als das Einssein mit seinen Hoffnungen, Wünschen und Erwartungen, den Begriff Zufriedenheit erklärt es jedoch gar nicht. Für die Neurowissenschaft hingegen entsteht Glück im Gehirn, das bestimmte Botenstoffe, die sog. Glückshormone (darunter körpereigene Opiate) ausschüttet. Diese rufen ein Hochgefühl hervor, das jedoch nach einiger Zeit wieder zurückgeht. Nämlich dann, wenn der Körper die Glückshormone abgebaut hat. Und wie die meisten von uns wissen, geht das immer viel zu schnell. Das Abbauen natürlich.

Richtig glücklich sind die meisten Menschen also immer nur kurzzeitig, zufrieden hingegen können sie jedoch auch über einen längeren Zeitraum sein. Daher setzen viele Glücksstudien auch Glück mit Zufriedenheit oder einer positiven Lebenseinstellung gleich. So gibt die im Mai 2014 veröffentlichte Studie des Washingtoner Gallup-Instituts an, in welchen Ländern der Welt die Menschen über die positivste Einstellung verfügen.

Wo sind die Menschen besonders zufrieden?

Interessanterweise sind laut Gallup-Untersuchung die Menschen in Paraguay, Panama, Guatemala, Nicaragua, Ecuador, Costa Rica und Kolumbien am glücklichsten. In Ländern also, in denen gesellschaftlich bestimmt nicht immer alles rund läuft. So gehört Kolumbien zu den 20 Ländern, die zwischen 2004 und 2011 weltweit die höchsten Mordraten aufwiesen. Und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf, ein Indikator für den nationalen Wohlstand, lag 2013 laut Internationalem Währungsfonds bei rd. 8098 US-Dollar und Kolumbien damit auf Rang 73 in der Welt. In Nicaragua sah das Ganze noch weniger rosig aus mit einem BIP pro Kopf von rd. 1840 US-Dollar (Weltrang 137). Zum Vergleich: Deutschlands BIP pro Kopf lag bei ca. 44.999 US-Dollar (Weltrang 18). Trotzdem scheinen die Menschen in Nicaragua und Kolumbien zufriedener zu sein als in Deutschland. Denn Deutschland rangiert in der Gallup-Glücksstudie erst auf Rang 46. Zusammen mit Bolivien, Brasilien, Kenia, Peru und dem Senegal übrigens. Geld und Wohlstand allein machen also anscheinend nicht glücklich. Armut natürlich auch nicht. Aber vielleicht sind die Kolumbianer deshalb glücklich und zufrieden, weil die Mordrate seit Jahren zurückgeht und das BIP pro Kopf parallel dazu steigt? Vielleicht ist der Menschenschlag dort auch insgesamt einfach zufriedener? Wer weiß das schon …

Zufriedenheit und der Wille zur Veränderung

Unabhängig davon, ob man das Gefühl nun Glück oder Zufriedenheit nennt, es ist sicher ein erstrebenswerter Zustand, weitgehend eins mit seinen Hoffnungen, Wünschen und Erwartungen zu sein – für jeden einzelnen Menschen und wahrscheinlich auch für die Gesellschaft. Denn eine Gesellschaft, in der die Menschen – nennen wir es ruhig mal so – glücklich sind, müsste doch eigentlich besser funktionieren, als eine, in denen es den Menschen nur so lala geht. Die Menschen müssten eher in der Lage sein, etwas von ihrem Glück abzugeben, andere an ihrem Glück teilhaben zu lassen. Und das wiederum müsste doch wieder alle etwas glücklicher machen. Denn schließlich, das haben die Glücksforscher ebenfalls festgestellt, macht Geben glücklicher als Nehmen.

Tiefgreifende Veränderungen hingegen kommen wohl tatsächlich hauptsächlich in Gesellschaften vor, in denen viele Menschen unzufrieden sind. Ein gutes Beispiel dafür ist die ehemalige DDR. Doch gesellschaftliche Veränderungen sind auch dort möglich, wo die Menschen mit ihrem Leben zufrieden sind. Nur werden die Veränderungen in der Regel nicht so drastisch ausfallen und vermutlich länger auf sich warten lassen.

Andererseits glaube ich, dass Menschen, die mit sich selbst im Einklang leben, mehr Kraft haben, Dinge anzupacken, die sie stören. Wer sehr unzufrieden ist, hat hingegen einen größeren Leidensdruck, etwas ändern zu wollen. Denn schließlich streben auch diese Menschen danach, zufrieden zu leben. Doch wie kommt man zu mehr Zufriedenheit?

Was zufrieden macht

Was genau glücklich oder zufrieden macht, ist sicher von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Doch auch dazu gibt es natürlich eine Reihe von Studien. Wichtiger als Geld sind vielen Menschen für ihr Glück Gesundheit und soziale Beziehungen. Klar ist jedoch, dass die Existenz gesichert sein muss. um zufrieden zu sein. Eine große Rolle spielt es wohl auch, eine Aufgabe im Leben zu haben. Die persönliche Veranlagung scheint ebenfalls nicht unwichtig zu sein. Wer mehr über diese und andere Glücksfaktoren wissen möchte, findet weitere Informationen z. B. im World Happiness Report der UNO, der Vereinten Nationen, oder im Glücksatlas der Deutschen Post.

Menschen, von denen man lernen kann

Es haben sich also viele, viele Menschen Gedanken über Glück und Zufriedenheit gemacht. Doch am besten kann man von Menschen etwas übers Glück lernen, die selbst zufrieden sind .

Erst kürzlich habe ich eine Reportage auf Arte gesehen (Wiederholung am 6. Juni 2014 um 18.25 Uhr). Der Titel der sehr empfehlenswerten Sendung: Die Ostküste der USA. New Hampshire und Maine. Darin geht es, wie der Titel schon sagt, nicht wirklich um Glück und Zufriedenheit. Doch in dieser Reportage kamen Menschen vor, die augenscheinlich zufrieden waren. Die ihren Platz im Leben gefunden hatten.

Zu den Vorgestellten gehörten ein Mann, der gemeinsam mit Freunden Surfbretter aus Holz baut und diese verkauft, eine 70-Jährige, die seit dem Teenageralter in ein und demselben Diner arbeitet, eine Hummerfischerin, die tagtäglich zwölf Stunden allein auf dem Meer ihrem Beruf nachgeht. Ganz unterschiedliche Menschen, doch sie hatten alle eins gemeinsam: Sie wirkten, als seien sie mit sich selbst im Reinen, sie lebten im Hier und Jetzt und fanden Erfüllung in ihrer Tätigkeit. Sie hatten eine Aufgabe. Dieses Eins-mit-sich-Sein wirkte sich auch auf ihr Äußeres aus: Sie waren nicht im herkömmlichen Sinne schön, aber sie hatten eine so positive Ausstrahlung, dass sie wunderschön wirkten. Alle zusammen und jeder für sich.

Vielleicht macht ja genau das das Glück aus: eine Aufgabe im Leben zu haben, die einen erfüllt. Versuchen, im Augenblick zu leben und ihn zu genießen, unabhängig davon, was man gerade tut. Nicht zu sehr nach vorne und nicht zu weit nach hinten zu schauen.

Wie auch immer: Ich werde jetzt ganz gewiss nicht damit anfangen, Surfbretter zu bauen, auch aufs Hummerfischen werde ich mich nicht verlegen und in der Gastronomie habe ich schon gearbeitet. Doch ich weiß, wann ich besonders zufrieden bin: beim Schreiben, zusammen mit Familie und Freunden, beim Draußensein.

Und ich denke, dass jeder Mensch solche Tätigkeiten und Momente hat, bei und in denen er zufrieden mit sich und der Welt ist. Sie zu finden, ist sicher nicht ganz leicht, aber auch nicht unmöglich. Mir geht es jedenfalls so, dass ich – gönne ich mir diese Momente oft genug – keine gute Fee aus dem Märchen mehr brauche, die mir meinen Traum nach Zufriedenheit erfüllt. Vielleicht geht es euch/Ihnen ja genauso?

* Es war irgendetwas Unspezifisches wie „Mein neuer Märchenschatz“ oder so.

 

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