Altern? Ja, aber bitte nicht mit mir!

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Damals ...
Damals ...

In Michael Endes Roman „Momo“ stehlen graue Herren den Menschen die Zeit und fertigen daraus Zigarren. Die brauchen sie, um existieren zu können. Die Menschen hingegen, die den grauen Herren in dem guten Glauben ihre Zeit überlassen, sie könnten diese für ein nicht festgelegtes Später aufsparen, sind fortan ständig in Eile und haben keine Zeit mehr, ihr Leben zu genießen.

Ob die Bestohlenen zudem kürzer leben, dazu hat sich Michael Ende in seinem Roman nicht geäußert. Was aber wäre, wenn man tatsächlich mehr Lebenszeit gewinnen und sogar bestenfalls das Altern aufhalten könnte?

Der Wunsch nach Unsterblichkeit

Wie man ein längeres Leben, ja vielleicht sogar die Unsterblichkeit erreichen könnte, darüber machen sich Menschen seit jeher Gedanken.

  • Schon seit den 1960er Jahren lassen manche – das nötige Kleingeld vorausgesetzt – nach ihrem Tod ihren Körper (oder nur den Kopf) einfrieren, in der Hoffnung, dass WissenschaftlerInnen ihn irgendwann in der Zukunft auftauen und geschädigte Zellen oder Organe reparieren können.
  • ForscherInnen züchten künstliches Gewebe, um geschädigte Organe zu ersetzen und auf diese Weise u. a. Krankheiten zu besiegen. So wurde Anfang Juni 2015 bekannt, dass einem Team am Massachusetts General Hospital die Züchtung einer künstlichen Rattenpfote gelungen ist.
  • Auch Organe aus dem 3D-Drucker sind nicht mehr völlige Zukunftsmusik.
  • Und in den USA soll eine Studie mit dem auch zur Behandlung von Diabetes mellitus verwendeten Wirkstoff Metformin gestartet werden, von dem sich die WissenschaftlerInnen erhoffen, dass er die Auswirkungen schwerwiegender Krankheiten aufhält und damit das Altern sowie den Tod hinauszögert.

Altern als Krankheit

Nicht nur mit dem Ersatz von „Verschleißteilen“ oder Medikamenten will man jedoch Krankheiten und das Alter besiegen, es gibt auch andere wissenschaftliche Ansätze, das Leben zu verlängern. Ein – wie ich finde – besonders interessanter stammt von dem Briten Aubrey de Grey, einem Bioinformatiker und Biogerontologen. Er ist der Ansicht, dass Altern entgegen der landläufigen Meinung kein natürlicher Prozess, sondern eine Krankheit sei. Eine Krankheit, die unweigerlich zum Tod führt.

De Grey glaubt jedoch, dass der Mensch das Potenzial hat, 1000 Jahre alt zu werden. Schon in nicht allzu ferner Zukunft. Die Wissenschaft müsse nur Wege finden, Schäden vorzeitig zu reparieren, die im Laufe des Lebens in jedem Organismus unweigerlich auflaufen  – dann könne man die Krankheit „Altern“ stoppen. Denn ab einem gewissen Punkt (meist ab einem gewissen Alter) summieren sich diese Schäden de Grey zufolge so sehr, dass sie krank machen und schlussendlich zum Tod führen. Würde der Körper jedoch in regelmäßigen Abständen gewartet (etwa so wie ein Auto), könnten die Schäden vielleicht nicht ganz, aber zumindest so weit behoben werden, dass sie keine Krankheiten hervorrufen.

Ich finde das Ganze so spannend, dass ich in den folgenden Absätzen noch genauer erkläre, wie de Grey sich die Umsetzung seiner Theorie vorstellt. Für das Verständnis des restlichen Textes ist der nächste Abschnitt aber nicht unbedingt nötig. Wen also nicht interessiert, wie de Grey etwa Krebs vorbeugen will, kann diesen Teil überspringen und unten weiterlesen.

Sieben Mechanismen, die den Körper schädigen

De Grey jedenfalls ist sicher, dass sich seine Theorie in die Tat umsetzen lässt. Denn er geht davon aus, dass die Wissenschaft bereits alle Mechanismen identifiziert hat, die Schäden im menschlichen Körper hervorrufen. Und kenne man diese Mechanismen, könne man gegensteuern. Man brauche dafür „nur“ fähige ForscherInnen und genug Geld, um die Forschung zu finanzieren. Insgesamt, so de Grey, seien es sieben Mechanismen, die den Körper altern lassen.

Mutationen der Chromosomen

Zu diesen Mechanismen zählen etwa die immer wieder vorkommenden Mutationen der Chromosomen in den Zellen. Normalerweise werden Zellen, die nicht so funktionieren, wie sie sollen, von den Zellen des Immunsystems aufgespürt und getötet. Doch das klappt nicht immer. Das beste Beispiel sind Krebszellen, von denen manche dem Immunsystem durch die Lappen gehen. Die Folgen sind bekannt. De Grey zeigt auf der Website seiner Sens Research Foundation seine Vorstellung davon, wie sich Krebs bekämpfen lässt.

Warum Krebszellen fast unsterblich sind

Krebszellen sind nahezu unsterblich – sie haben die Fähigkeit, sich unbegrenzt oft zu teilen. Damit stehen sie im krassen Gegensatz zu anderen Zellen, die sich zwar ebenfalls teilen können, jedoch nicht beliebig oft. Nach einer gewissen Menge an Zellteilungen stellen diese normalen Zellen ihre Vermehrung – ihr Wachstum – ein (was als Seneszenz bezeichnet wird) und bald darauf sterben sie in aller Regel ab. Der Grund für die begrenzte Vermehrung normaler Zellen: Die Enden der Zell-Chromosomen, die sogenannten Telomere, verkürzen sich von Zellteilung zu Zellteilung. Nach einer bestimmten Anzahl von Teilungen ist eine weitere Verkürzung nicht mehr möglich. Mit dem Telomer ist auch die Zelle sozusagen am Ende.

Einige Zellen jedoch (z. B. die Stammzellen im Knochenmark) können sich unbegrenzt oft teilen, weil in ihnen ein vom Zellkern hergestellter Stoff – ein Enzym namens Telomerase – aktiv ist, der in den „normalen“ Zellen ausgeschaltet ist. Dieses Enzym sorgt dafür, dass sich die Telomere selbst bei unendlich vielen Teilungen nicht verkürzen – die Zellen sind somit praktisch unsterblich. Bei Krebszellen ist die Telomerase leider ebenfalls aktiv.

Hilfe gegen Krebszellen

Könnte man nun in den Körperzellen das Gen ausschalten, das die Aktivität der Telomerase anschaltet, könnte man den Krebs besiegen. Denn Krebszellen teilen sich so unglaublich schnell, dass sich ihre Telomere ohne Telomerase rasch verkürzen würden. Als Folge würden sie fast genauso schnell absterben, wie sie entstanden sind.

De Grey stellt sich das Ganze nun so vor, dass man das Gen für die Telomerase in den Stammzellen abschaltet. Der Clou daran. Schaltet man das Gen dort ab, ist es auch in allen Körperzellen inaktiv, sodass Krebszellen erst gar nicht entstehen können. Es gibt da nur ein Problem. Stammzellen sind die Zellen, aus denen sich jede beliebige Zellart des menschlichen Körpers entwickelt: Haut- und Bindegewebszellen genauso wie Muskel- und Schleimhautzellen. Da ständig Körperzellen absterben, erneuern die Stammzellen permanent den Zellpool. Würde man nun die Stammzellen ihrer Fähigkeit berauben, das Enzym Telomerase zu nutzen, könnten sie nicht mehr unendlich viele, sondern nur noch eine begrenzte Zahl an Körperzellen herstellen. Irgendwann wären sie am Ende – genauso wie andere Zellen auch. De Greys Lösung: Die Telomere der Stammzellen müssten ausreichend lang sein, um wenigstens zehn Jahre lang neue Zellen zu bilden. Am Ende dieser Zeit müssten dann die Stammzellen eines Menschen erneuert werden. Diese könnten dann weitere zehn Jahre lang Körperzellen produzieren. Im Anschluss würden sie wieder erneuert. Und so weiter. Der Krebs könnte dadurch ausgeschaltet werden.

Die Theorie ist nicht die Praxis

So weit, so gut. Auch für die anderen sechs Mechanismen, die den Körper des Menschen schädigen, haben de Grey und seine Mitstreiter Lösungen erarbeitet, die in der Theorie logisch klingen. Ob sie jedoch in der Praxis funktionieren, ist bislang noch unklar. Erstens ist die Wissenschaft noch nicht so weit, die Lösungen umzusetzen, und zweitens könnten sie Folgen nach sich ziehen, die bislang noch nicht bekannt sind. So könnte das Ausschalten des Gens für die Telomerase unter Umständen ebenfalls Krankheiten nach sich ziehen oder aber den Stoffwechsel durcheinander bringen – doch nichts Genaues weiß man nicht.

Interessant jedoch ist der Ansatz schon. Genau wie übrigens auch Aubrey de Grey und seine weiteren Ausführungen. Es gibt einen TED-Talk (mit deutschen Untertiteln), in dem er seine Theorie ausführt. De Grey wirkt dort ein wenig wie ein Getriebener, doch seine Argumentation klingt logisch. Und sein Äußeres entspricht so gar nicht dem eines angesehenen, wenn auch umstrittenen Wissenschaftlers (was aber natürlich nichts heißt!).

Was das Leben noch verlängern könnte

Eine weitere spektakuläre Möglichkeit, Krankheiten zu überwinden, hat sich der italienische Arzt Sergio Canavero überlegt. Er plant den Kopf eines Kranken auf den Körper eines gesunden, aber hirntoten Menschen zu transplantieren. Selbst wenn dies funktionieren sollte (was allgemein bezweifelt wird), kommt diese Variante der Lebensverlängerung wohl nur für die Wenigsten infrage. Denn wo sollen allein all die Körper für die Köpfe herkommen?

Spannend ist auch die Identifizierung eines Gens namens AMPK, das die Lebensdauer von Fruchtfliegen um bis zu 30 % verlängern konnte, wurde es in Schlüsselorganen aktiviert.

... und heute
… und heute

Würdest du das Altern aufhalten?

Doch was passiert, wenn es tatsächlich gelingen sollte, den Alterungsprozess aufzuhalten? Was ist, wenn Menschen plötzlich 150 oder sogar 1000 Jahre (wie de Grey es prophezeit) leben könnten? Würden die meisten Menschen diese Möglichkeit wahrnehmen? Vermutlich ja. Denn auch, wenn im Moment der Gedanke an eine 1000-jährige Lebensdauer abschreckt, dann doch vor allem aus Angst davor, der oder die einzige Überlebende zu bleiben, während alle anderen (Familie, Freunde, Bekannte) sterben. Könnten jedoch alle Menschen ihr Leben mehr oder minder problemlos verlängern, würde es ein Großteil sicher tun, selbst wenn viele es derzeit wohl abstreiten würden.

Das Altern schönreden

Auch hier hat Aubrey de Grey wieder eine nicht ganz von der Hand zu weisende Erklärung: Im Moment werde der Prozess des Alterns verklärt, weil er nicht aufzuhalten ist. Die Menschen müssten sich das Altern schönreden, weil der Gedanke daran sie sonst zu sehr deprimieren würde. Könnten sie das Altern jedoch bremsen, wäre dieses Schönreden nicht mehr nötig. Viele würden aufatmen, weil sie innerlich ohnehin nicht daran geglaubt hätten.

Mehr Menschen, mehr Probleme

Wenn jedoch viele die Chance ergriffen, das Altern zu stoppen, würde sich die Zahl der Menschen auf dieser Erde noch stärker erhöhen als bisher prognostiziert. Die bereits existierenden Probleme wie Hunger, Wasserknappheit, Umweltverschmutzung usw. würden sich verschärfen, die Verteilungskämpfe würden härter. Über kurz oder lang müsste eine Lösung gefunden werden, um eine weitere Vermehrung der Menschen zu stoppen. Selbst in China ist das mit der Ein-Kind-Politik nur ansatzweise gelungen – und China ist keine Demokratie.

Keine Lösung in Sicht

Für dieses Problem hat jedenfalls keiner der Wissenschaftler, die das Ziel Lebensverlängerung und Alterungsstopp auf dem Schirm haben, bislang eine Lösung. Auch nicht Aubrey de Grey, der sonst um (fast) keine Antwort zu seiner Theorie verlegen ist. Sein Argument, trotzdem zu forschen: Man könne den Menschen nicht etwas vorenthalten, was positiv für sie ist, nur weil es vielleicht andere Probleme aufwirft. Die Probleme müssten die Menschen lösen, sollten sie sich fürs Aufhalten des Alterns entscheiden. Sollten sie sich jedoch dagegen entscheiden, auch gut. Dann aber würden die angedachten Probleme nicht auftreten.

Ich bin ja der Ansicht, dass er es sich damit etwas zu leicht macht. Die Verlagerung des Problems löst es nicht, sondern vergrößert es unter Umständen noch. Doch egal, was für Probleme mit einer Lebensverlängerung auch einhergehen mögen – eins ist klar: Es wird immer weiter in diese Richtung geforscht werden. Das ist einfach nur zu menschlich.

Wie stehen die Chancen für uns?

Wir werden vermutlich jedoch nicht mehr davon profitieren (was vielleicht auch ganz gut ist – oder wie seht ihr das?). Die einzige Möglichkeit zur Lebensverlängerung, die bislang zumindest bei einigen Tieren etwas Erfolg verspricht, lautet: weniger essen. Die Einschränkung der Energiezufuhr (also der aufgenommenen Kalorien) bei gleichzeitig guter Versorgung mit allen wichtigen Nährstoffen scheint das Leben im Durchschnitt zumindest etwas zu verlängern. Für Menschen überhaupt und den Einzelnen im Besonderen muss das aber nicht stimmen. Deshalb muss sich jede(r) die Frage selbst beantworten, ob sie oder er eine solche Einschränkung in Kauf nehmen möchte. Auch ohne Garantie auf ein längeres Leben.

6 KOMMENTARE

  1. Damit so viel Menschen wie möglich von diesen zukünftigen Therapien gegen Alterskrankheiten profitieren können, müssen wir verstärkt daran forschen. Dafür setzt sich die neu gegründete Partei für Gesundheitsforschung ein. Bitte helft mit!

    • Wahlwerbung im Blog? Naja … Ich denke, dass eine Ein-Thema-Partei keinen Erfolg haben wird. Und ich bin auch skeptisch, ob das alles wirklich so einfach wäre. Ich würde drauf wetten, dass eine Reparatur von Schäden, wie sie auch de Grey vorsieht, Wechselwirkungen mit anderen Prozessen im Körper hat, auf die bislang noch niemand gekommen ist. Doch wer weiß das schon mit Sicherheit?

  2. Klar, der Überlebenstrieb steckt in allem, was lebt – also auch in mir. Ich kann also nicht mit Sicherheit von mir behaupten, nach diesen Möglichkeiten nicht zu greifen, wenn sie denn zur Verfügung stünden.

    Allerdings: die psychische Dimension spielt offenbar bei diesen Forschungen keine Rolle, im richtigen Leben aber schon. Auch die Psyche altert – und zwar nicht zu knapp! Irgendwann findet man kein Buch und keinen Film mehr, in dem irgend ein Gedanke einem NEU vorkommt – alles schon mal da gewesen! Oder im Alltag: wer will zum 4. Mal Schlaghosen und Plateau-Sohlen als neuen Hype gefeiert sehen? Wer glaubt noch an all die News und Studien zum gesunden leben, wenn doch alle paar Jahre das, was einst als gesund galt, nun total falsch ist – oder umgekehrt das Falsche rehabilitiert wird?
    Das sind aber alles Marginalien gegen den Verlust des Idealismus, den Glauben an das Gute im Menschen und an die Möglichkeiten der Weltverbesserung. Irgendwann wird man zynisch oder verbittert – oder wer es schafft, dies nicht zu werden, wird „weise“ und strahlt Liebe aus, mag aber nicht mehr an den Kämpfen der Welt teilhaben.
    Es bringt nichts, 1000 Jahre alt zu werden. Es müssen immer neue Menschen neu anfangen!

    • Deine Gedanken finde ich sehr interessant – wobei: Vielleicht würde man sich dann ja um andere als die gewohnten Dinge kümmern, mal andere Wege gehen, Neues lernen wollen, falls man nicht bereits zu eingefahren ist? Aber der Verlust des Idealismus – da sagste was. Es ist – glaub ich – wirklich schwierig bis unmöglich, ihn zu erhalten.

    • Sorry, Claudia, ich dachte, da käme eine Meldung: Kommentar wartet auf Freischaltung. Aber denken heißt nicht wissen. Ich werde das noch mal überprüfen – und hoffentlich eine Lösung finden. Liebe Grüße Simone

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