Als Teenie in den Sixties

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Annettes Lieblingsplatz im Schweizer Ferienhaus 1969 - natürlich mit Buch © Annette Bopp
Annettes Lieblingsplatz im Schweizer Ferienhaus 1969 - natürlich mit Buch © Annette Bopp

Im Netzwerk Texttreff gibt es einmal im Jahr die Tradition des Blogwichtelns, bei dem den Teilnehmerinnen ein Blog zugelost wird, für den sie dann einen Gastbeitrag verfassen. Was für ein Glück, dass das Los für Geboren in den Sechzigern auf die großartige Medizin- und Kulturjournalistin, Buchautorin und Moderatorin Annette Bopp fiel, die nicht nur wahnsinnig toll schreibt, mitreißende Vorträge hält und mit ganz viel Empathie selbst die schwierigsten Diskussionen moderiert, sondern auch Gesundheitsberatung und Klangbehandlungen anbietet. Geboren in den Sechzigern gewährt sie einen Einblick in das Leben eines Teenagers in den 1960ern. Vielen Dank, Annette!

 

Geboren bin ich nicht in den Sechzigern, aber ich habe meine Jugendjahre in den „Sixties“ verlebt. Geboren wurde ich 1952 in Stuttgart. Und wuchs bis zu meinem 18. Lebensjahr in einer süddeutschen Kleinstadt auf, die heute ein Vorort von Stuttgart ist.

Die Sechziger, das war die Zeit des Erwachens für mich. Der erste Beatles-Song, an den ich mich erinnern kann: „A Hard Day’s Night“ Mein spontanes Gefühl dazu: Was für ein Gekreisch … Klar: Ich war Tochter gutbürgerlicher, kulturbeflissener Eltern. Sonntags Spaziergänge im nahen „Salonwald“ (der heißt wirklich so). Oder Wanderausflüge mit Vati in den Odenwald, wahlweise auch in den Schwarzwald, auf die Schwäbische Alb, ins Remstal oder sonstwohin im Schwabeländle.

Wenn wir nicht wandern gingen, gehörte der Sonntag (und öfter auch  mal ein Wochentag) der Kultur. Kunstausstellungen, Theater, Konzert. Die Berliner Philharmoniker mit Karajan. Dietrich Fischer-Dieskau. Wilhelm Kempff. Die Großen dieser Zeit eben. Und dann natürlich das Ballett. Stuttgart läutete damals mit dem „Stuttgarter Ballettwunder“ eine Renaissance der Tanzkunst in Deutschland ein und hat mich nachhaltig geprägt.

An pubertäre Eskapaden kann ich mich nicht erinnern. Höchstens an Partyabende bei der Katholischen Jugend, obwohl ich nicht getauft und schon gar nicht katholisch war, aber sie waren dank einer rührigen Gruppenleiterin die einzigen, die da irgendwas losmachten. Stehblues mit unreifen Jünglingen. Eher ab- als anturnend. Tanzstunde mit 14. Dank langjährigen Ballettunterrichts musste ich oft mit dem Tanzlehrer die Schritte zeigen: Rumba, Cha-Cha-Cha, Wiener Walzer, Boogie. Den einzigen vorzeigbaren Kerl angelte sich leider meine beste Freundin. Dafür verknallte sich ein pickeliger, rothaariger, blässlicher Lulatsch in mich, der mir beim Foxtrott in der einzigen Disco (damals hieß das noch nicht so, sondern war der Tanzabend der lokalen Tanzschule) dekorativ auf den Füßen rumlatschte. Der Schlussball (heute: „Abtanzball“) – ein Desaster.

Wilde Partys gab es damals kaum. Allerdings erinnere ich mich gut an viele Abende, die meine Freunde und Freundinnen zuhause bei uns im Wohnzimmer verbrachten. Legendär unsere nächtlichen Kochorgien. Vati machte sich bei meinen Kumpels mit seinem gut sortierten Weinkeller beliebt, während Mutti längst schlief. Fanden diese Meetings mal woanders statt, durfte ich bleiben, solange ich wollte, aber ich musste hinterlassen, wo ich war. Und ich musste sicher nach Hause gebracht werden, und wenn es nachts um 3 war, notfalls mit dem Taxi. Für diese Großzügigkeit bin ich meinen Eltern heute noch dankbar.

Annette im neuen Kleid von Marimekko - finnischer Schick war damals der letzte Schrei. Daneben: ihr Vater © Annette
Annette im neuen Kleid von Marimekko – finnischer Schick war damals der
letzte Schrei. Daneben: ihr Vater © Annette Bopp

Die Schule: Ein Mädchen-Gymnasium. Von den Fluren aus hatte man einen guten Blick auf den Schulhof der beiden benachbarten Gymnasien für Jungen, wo oft der Sportunterricht stattfand. Was dazu führte, dass in der Oberstufe viele Klassenkameradinnen unter einer auffälligen Blasenschwäche litten. Wir schrieben uns bergeweise Zettelchen mit geheimen Botschaften, die unter den Bänken von Hand zu Hand wanderten. Wer mit wem und wann und wo …

Und dann der Skandal: Eine meiner Mitschülerinnen wurde schwanger! In der 11. Klasse. Und dann auch noch von einem Ausländer! Unfassbar! Sie bekam das Kind, heiratete und machte mit uns Abitur. Das war eine echte Leistung.

Und dann die Aufregung, als in der Oberstufe auf unserem „Goethe-Kloster für Mädchen“ erstmals eine gemischte Klasse eingeführt wurde, der sogenannte „Aufbauzug“. Das war 1967. Deutschland war im Umbruch. Selbst bei uns in der schwäbischen Provinz machte sich das bemerkbar.

Unvergessen der Lateinunterricht durch eine noch ziemlich junge Altphilologin, die neu an unsere Schule kam und es erstmals vermochte, mir den Unterricht schmackhaft zu machen. Bis dahin schrappte ich immer an der 5 entlang. Sie weckte mein Verständnis für eine Satzanalyse, vor allem aber für die erotische Poesie Ovids und den rebellischen Geist Catilinas, dessen Reden sie gerne mit den Argumenten der aufkeimenden Studentenbewegung verglich. Ich bin ihr heute noch dankbar. Später wurde sie Schulleiterin, und ich bin sicher, dass sie auch darin großartig war.

Die Sechziger, das war auch die Zeit, als ich meine erste Brille bekam, nachdem festgestellt wurde, dass ich den Tafelanschrieb in der Schule nicht lesen konnte. Ich fühlte mich abgrundtief hässlich. Meine Mutter wollte, dass ich die Haare kurz trug, was mir noch nie gut stand und mich noch unglücklicher machte.

Weihnachten 1967 mit Brille, langem Rock und Hochsteckfrisur © Annette Bopp
Weihnachten 1967 mit Brille, langem Rock und Hochsteckfrisur © Annette Bopp

Urlaube wurden grundsätzlich mit der Familie verbracht. In der Schweiz vor allem. Zum Wandern. Immer in Ferienwohnungen, zum Leidwesen meiner Mutter. Sie hasste das. Sie hasste die Berge. Sie hasste das Wandern. Sie hasste es, in den Ferien Hausarbeit machen zu müssen. Zweimal setzte sie sich durch, und wir fuhren nach Dänemark. Natürlich auch in ein Ferienhaus, darin war Vati beinhart. Auf dieser kleinen Nordseeinsel bekam ich mit 13 meinen ersten Kuss. Ein zart gehauchtes Etwas. In den Dünen bei Sonnenuntergang. Von einem 16-Jährigen aus altem Adel, der irgendwo in der Nachbarschaft mit seiner Familie urlaubte und am nächsten Tag leider schon wieder abreiste. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Aber ich weiß heute noch, wie er hieß.

Nach dem Abitur ging ich zum Studium nach Hamburg. Weit weg vom süddeutschen Kleinstadtmief. Weit weg von meinen Eltern. Seither bin ich dem Norden treu geblieben. Weil der Himmel hier weiter ist. Weil immer eine frische Brise weht. Weil es hier keine Kehrwoche gibt. Und niemanden, der samstags den Bürgersteig fegt. Und weil Hamburg einfach die schönste Stadt der Welt ist.

5 KOMMENTARE

  1. „Meine Mutter wollte, dass ich die Haare kurz trug, was mir noch nie gut stand und mich noch unglücklicher machte.“
    Liebe Annette, wenn du mit „kurz“ eine Frisur meinst, wie du sie auf dem entzückenden Bild mit deinem Papa trägst, die steht dir ganz ausgezeichnet!

    „Und weil Hamburg einfach die schönste Stadt der Welt ist.“
    Hier allerdings bin ich vollkommen einer Meinung mit dir!

    Ansonsten: Danke für diesen schönen Bericht!

  2. Es war damals schon eine Strafe, als Mädchen mit einer Brille rumlaufen zu müssen! Heute sind Brillen so selbstverständlich geworden und gelten schon fast als Fashion-Accessoire.
    Meine Mutter wollte mich auch in kurzen Haaren, weil sie es so niedlich fand, wenn Mädchen wie Jungens aussehen. Es hat lange gedauert, bis ich mich da habe durchsetzen können.
    LG
    Sabienes

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